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Die Welt · 1906-09-07 · 36 (7.9.1906) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
36 (7.9.1906)
Date
1906-09-07
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 36 Das Trennungsgesetz und die französischen Juden DIE^K Während die Katholiken Frankreichs durch die letzte päpstliche Enzyklika „Gravissimi officii" in die Opposition zum Trennungsgesetze hineingedrängt worden sind, hat die französische Judenschaft, an deren Spitze die Pariser Judengemeinde schreitet, dem Gesetz vom 9. Dezember 1905, das die Trennung von Staat und Kirche ausgesprochen hatte, mit der dem Gesetze gebührenden Achtung Folge geleistet und ist ohne Zögern an die Begründung und Organisation der Kultus- Assoziationen herangetreten. Die Statuten wurden durch eine juridische" Konimission des jüdischen Konsistoriums ausgearbeitet und zur Begutachtung und Annahme einem Komitee unterbreitet, in dem Vertreter sämtlicher israelitischen Gruppierungen und Gemeinschaften von Paris Platz nahmen. Das Statut wurde angenommen und die „Association consistoriale israelite de Paris" in gesetzlicher Form begründet. Es handelte sich nun darum, die bisher vom Staate geleisteten Beiträge durch eine persönliche Anteilnahme der Gläubigen aufzubringen, damit im weiteren Funktionieren des traditionellen Kultus, der religiösen Zeremonien in den Tempeln, im Weiterbestehen der rabbinischen Hochschule, im religiösen Unterricht der Kinder etc. keine Störung eintrete. Die neue Assoziation wendete sich in einem Rundschreiben an die Pariser Judenschaft, die fast einmütig ihre Zustimmung in der Form von verpflichtenden Zeichnungen jährlicher Beiträge gegeben hat, diezwischen 3000 und 10 Francs variieren. Die erste Liste ergibt eine Gesamtsumme von 141781 Francs jährlicher Beiträge. Unter den größten Zeichnern befinden sich die Barone Rothschild, Königswarter, Günzburg, Baron und Baronin Leonino, Baronin van Zuylen, Graf Cahen d'Anvers, die Deutsch de la Meurthe, Montefiore, Bischoffsheim, Fould, Pcreire, Dreyfus, Calman- Levy und andere. — Der nationalistisch-antisemitische „Eclair", der in letzter Zeit das Organ der katholischen Soumissionisten geworden zu sein scheint, publiziert an erster Stelle schon den zweiten Artikel über die „Verteidigung des jüdischen Glaubens", in dem er dem ELT gesetzesachtenden Vorgehen der französischen Judenschaft volles Lob zollt, das Statut ihrer Kultusassoziation als ein Muster der Organisation, wie sie auch von den übrigen Kirchen aufgefaßt werden sollte, hinstellt und es mit seinen sämtlichen Paragraphen in extenso zu Nutz und Frommen der andern Religionsgemeinden veröffentlicht. In einigen Tagen (14. d.) findet die Die Ersatzwahl in Brody durch den Tod Df ßyks hervorge. rufene Ersatzwahl des Reichsratsabgeordneten für den Wahlkreis Brody-Zloczow statt. Wiederum treten Kandidaten auf, deren einzige Richtschnur der Wille des Polenklubs ist. Vor sechs Jahren konnten die Juden der Kandidatur Dr. Byks in Brody-Zloczow keine wirklich geeignete Kandidatur entgegenstellen. Es war noch keine Einigkeit im Lager der national fühlenden und denkenden Juden, es fehlten auch die geeigneten Persönlichkeiten. Jetzt ist es anders geworden. Die zionistische Partei hat ins Gerader des Lebens eingegriffen, und mit ihr ist ein neuer Faktor in die Politik Galiziens getreten. Der Kandidatur der Polen mosaischer Konfession stellt die zionistische Organisation in Galizien ihren Kandidaten, das A. C.-Mitglied Herrn Adolf Stand, entgegen. Jedem, der in der zionistischen Organisation steht, ist die Persönlichkeit unseres Freundes Stand bekannt. Mit ihm würde in das österreichische Parlament der neue Geist des erwachenden jüdischen Volkes ein-, kehren, - und in den Hallen des Reichsrats von Wien würden vielleicht zum erstenmal die mutigen nationalen Forderungen der österreichischen Judenschaft formuliert werden. Wir zweifeln nicht daran, daß sämtliche Zionisten und Nationaljuden im Wahlkreise Brody-Zloczow Adolf Stand ihre Stimmen geben werden; aber wir glauben auch, daß es ein Akt der Klugheit seitens der andersdenkenden Juden wäre, Stands Kandidatur zu unterstützen oder doch wenigstens nicht zu bekämpfen. Und wir hoffen, daß mit Adolf Stand der offizielle Zionismus in das österreichische Parlament einziehen wird. SPEZIALBERICHT ÜBER DIE III. ZIONISTISCHE JAHRESKONFERENZ (Fortsetz u Jg.) Donnerstag den 30. August. Nachtsitziing, Beginn 10 12 Uhr. Die Palästinadebatte wird fortgesetzt. Es liegen folgende Anträge vor: 1. Prof. War bürg: Es wird im Anschlüsse an die Auglo- Palestine-Company ein Agrarfonds gebildet, der bestehen soll 1. aus einem der A. P. C. zu diesem Zwecke vom Nationalfonds leihweise zur Verfügung gestellten Betrage von vorläufig 100 000 Francs, 2. aus einem der A. P. C. zu diesem Zwecke vom Jewish Colonial Trust zur Verfügung gestellten Betrag in der Höhe der Hälfte der seit zwei Jahren nicht eingeforderten Dividenden. 2. Ussischkin: I. Das E. A. C. wird beauftragt, die Frage der Gründung einer Hypothekenbank zu studieren und dem VIII. Kongresse einen Vorschlag darüber zu machen. II. Von den Geldern des Nationalfonds soll ein Agrarfonds gebildet werden. Dieser Fonds wird der A. P. C. auf gewisse [3edingungen verantwortlich übergeben. III. Es wird beschlossen, von den Geldern des Nationalfonds in Fedsche oder an einem anderen Orte für 20 000 Francs Land zu kaufen zur Verpachtung an Arbeiter. IV. Für die Schüler des Kiriath Sefer wird in Lydda von Geldern des Nationalfonds Land gekauft und ihnen verpachtet. Dr. Marmorek: Die heutige Debatte hat eine Wendung angenommen, die mir persönlich nicht erwünscht ist. Insbesondere sind es die Rede des Herrn Dr. Weizmann und die Anträge der Palästmakommission bezw. des Herrn Professors Warburg und des Herrn Ussischkin, die mich veranlassen, zu reagieren. Das, was die Herren Warburg und Ussischkin hier vorgebracht haben, ist uns nichts Neues, denn die Herren vertreten im engeren A. C. dieselbe Richtung. Die hohe Achtung und die persönliche Freundschaft, die ich für die beiden Herren hege, sollen mich aber nicht abhalten, hier meine Meinung ganz offen darzulegen. Herr Professor Warburg erklärt, daß die praktische Palästinaarbeit das Hohelied des Zionismus sei, und ich verweise auf die Rede des Herrn Ussischkin bei der Sitzung der Chowewe Zion in Odessa, aus der man schließen muß, daß gegen den politischen Zionismus immer mehr Front gemacht wird. Damit ist eine große, ich möchte sagen, die Existenzfrage für unsere Bewegung angeschnitten worden. Diese Frage kann nur auf der Tribüne des V1IL Kongresses gelöst werden. Meine Herren, die Erfolge des politischen Zionismus werden durch dieses Vorgehen der beiden Herren und ihres Anhanges völlig in Frage gestellt. Von der öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte ist bei den Herren keine Rede mehr, man sagt geradezu, dal) wir einem politischen Phantom nachjagen, und das sagt nicht der Erstbeste, sondern das sagen Führer des Zionismus. Wenn das so fortginge, würde man die Bewegung zugrunde richten. Nach meiner Meinung haben die Herren die Absicht, ganz offen Chowewe-Zionismus zu betreiben. Das, was die Herren jetzt tun, steht im direkten Widerspruch zu den Beschlüssen des VII. Kongresses. Die Anträge Warburg-Ussischkin besagen nichts anderes, als die Desavouierung des politischen Zionismus. Man will hier 180 000 Francs aus den Mitteln des Nationalfonds bewilligen, darunter für Zwecke, die nicht im Interesse unserer Sache liegen ----- weil Herr Ussischkin es für gut hält, für die Arbeiter in Palästina etwas zu tun. Aber wir können nicht

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