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Die Welt · 1906-09-07 · 36 (7.9.1906) · page 2

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
36 (7.9.1906)
Date
1906-09-07
Page
– (sequence 2)
Language
German
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muß gestehen, die zionistische Idee lebt in Rußland und wird mit frischer Tatkraft und Gemütstärke verbreitet. Die Saat, die einmal hundertfältige Früchte tragen soll, wird ausgestreut. Aber das welthistorische Drama der russischen Revolution muß früher sich ausspielen. Bis dahin wird alles davon beeinflußt. Die Jahl*eskonferenz bemühte sich, und mit Erfolg, nach allen Richtungen organisatorisch zu wirken. Die endgiltige Organisierung des Nationalfonds ist eine Tat. Die Projekte, die sich auf Palästina beziehen, sind organisatorisch. Oberflächliche Beobachter könnten vielleicht den Eindruck haben, daß es ein Zurückgreifen auf Kleinkolonisation oder eine Schwächung des politischen Gedankens bedeutet. Aber wie die meisten Vorurteile wird auch dieses bei genauerer Prüfung und sorgfältiger Untersuchung immer mehr schwinden. Hand in Hand mit den politischen Bemühungen sollen die kulturellen Vorbeitungen gehen. Ein ausgebreitetes Netz von gleichmäßig organisierten, von einem einheitlichen politischen und nationalen Gedanken getragenen Institutionen, zweckmäßig und wirksam genug, um die Leistungsfähigkeit und das Selbstvertrauen der politischen Vertreter zu steigern; ein verzweigtes System von Versuchsstationen, industriellen Unternehmungen und Schulen, ausgestattet mit solcher Vollmacht und solcher Technik, daß es das wachsende Kulturbedürfnis in der jüdischen Masse in Palästina zu erfüllen vermag, wie es entsteht und diese Masse politisch erzieht und zu einer tüchtigen Selbstverwaltung befähigt, — das sind gute Programmpunkte des politischen Zionismus. Die Jahreskonferenz behandelte eingehend die Frage der Beziehungen zu anderen Organisationen und auch zu der Ito. Keine Anfeindungen und kein Liebäugeln; keine Gehässigkeit und keine Kompromisse! Zionismus wirkt mittelbar anregend und fördernd nach vielen Richtungen. Aber der unmittelbare Zionismus hat sein Programm und seinen Zweck, die er nicht nur vor jeder Verwechslung, sondern auch vor jedem Mißverständnis bewahren muß. Zionisten findet man in allen Reihen der Förderer verschiedener Hilfswerke, aber die zionistische Organisation soll sich nicht auf palliative Mittel beschränken, sondern das Übel an seinen Wurzeln angreifen, an den Wurzeln des Golith, der mit dem Verluste des eigenen Palästinas begonnen hat. Dieses elementare Gesetz des Zionismus, leider zu oft von einer überwuchernden Dialektik verdreht, wurde auf der Jahreskonferenz nicht durch Reden bewiesen, sondern in einer Reihe von Beschlüssen manifestiert. So bietet der Zionismus nach allen Seiten, im Äußern und Innern, das Bild einer mächtig fortschreitenden Entwicklung. Er steht den Schwierigkeiten, den Gefahren und den Verirrungen jeder großen Bewegung gegenüber, aber er hat auch die Vorzüge und die Chancen jeder großen Bewegung. Der Zionismus ist schon so stark, daß er die Sucht, zu renommieren und das Scheinenwollen überwinden konnte. Das hat die ehrliche derbtatkräftige Jahreskonferenz bewiesen. Es ist nur zu wünschen, daß dies der Anfang einer ehrlichen und derbtatkräftigen Arbeitsära im Zionismus sei. N. S.!^s-°° o o o POLITISCHE REVUE o oo o Volksmillionen Wie große Vermögen entstehen, ist trotz vieler Forschungen nicht immer genau festzustellen. Jedenfalls aus dem Schweiße und Blute der Vielen und Ungezählten werden die Millionen und Milliarden der Wenigen geschaffen. Und die Besitzer der ungeheuren Vermögen bemühen sich oft, ihre Schuld, daß sie auf den Schultern der in den Tiefen Wandelnden für sich Pyramiden aufgerichtet haben, dadurch zu sühnen, daß sie ihr Geld für philanthropische Zwecke verwenden, und, wenn sie kinderlos sterben, ihr Vermögen dem Gemeinwesen, dem sie angehören, dem Volke, dem sie entstammen, vermachen. Kürzlich ist einer der Reichsten, der südafrikanische Milliardär Alfred Beit mit Hinterlassung eines ungeheuren Vermögens gestorben. Er war ursprünglich ein Hamburger Jude. Er hat sein Glück in Südafrika gefunden und wurde einer der reichsten Grubenbesitzer. Sein Vermögen war so groß, daß allein die Erbschaftssteuer, die dem englischen Staatsschatz zufallen wird, sich auf 150—170 Millionen Mark beläuft. An diese Tatsache knüpft ein deutsches Blatt eine Bemerkung, die nmtatis mutandis auch auf unsere Verhältnisse angewandt werden könnte. Es heißt dort: „Solcher „Beits" hat Deutschland eine ganze Anzahl in den letzten Jahrzehnten verloren. Abgesehen von der Familie Rothschild, deren ganzes Vermögen nach Frankreich und England geflossen ist, von den Brüdern Kann, deren Sammlungen in Paris sind,- von Jakob Schiff, der den Japanern von den Vereinigten Staaten aus die Mittel verschaffen konnte, um*Rußland schachmatt zu setzen, würde man in vielen Teilen der Erde Großkaufleute und Industrielle finden können, die, aus Deutschland vor dem reaktionären preußischen Geiste flüchtend, zu hoher wirtschaftlicher Macht gelangt sind und denen ihr Adoptiv-Vaterland ungeheure Vorteile verdankt." Sämtliche hier angeführte Namen werden von Juden geführt. Es sind Juden, die sich vor dem deutschen Antisemitismus flüchteten und in neuen, freien Ländern zu Macht und Reichtum gelangten. Und wie wenige von ihnen haben an das Volk gedacht, dem sie angehören, ja um dessentwillen sie ihr ursprüngliches Geburtsland verlassen mußten? Die Beits, die Freeman Cohens in Südafrika, die Kanns in Paris sind ihren Pflichten ihrem Volke gegenüber nicht nachgekommen. Sie haben auf das Judentum nur den Fluch des Goldes, den Haß und Neid der Mitbürger, die die jüdische Hautefinanz mit dem jüdischen Volke identifiziert, geladen, aber sie haben beinahe nichts getan, um die jüdische Not zu lindern, die Judenfrage zu lösen. Jawohl, die jüdischen Millionäre haben vielleicht die Alliance IsraeJite geschaffen, sie haben manche Stiftungen gegründet, aber was ist all dieses gegen ihre Pflichten, die ihnen ihre Zugehörigkeit zum Judentum auferlegt? Wenn man die Schöpfungen, die das arme jüdische Volk, die Halbproletarier in Osteuropa, ins Leben gerufen hat, die jüdische Kolonialbank, den Nationalfonds, betrachtet, so erscheint die ganze Philanthropie unserer Geldbarone wie eine Seifenblase, die für den Augenblick entstanden, im Augenblick vergeht. Zehn Jahre lang ruft das jüdische Volk zu seinen Reichen und Mächtigen. Es hat ihnen gezeigt, in welcher Richtung die jüdische Philanthropie sich zu bewegen habe, die Millionen, die das Volk in Selbstaufopferung für das schöpferische nationale Werk zusammengebracht hat, sollten den Millionen den Weg bahnen, die die Millionäre mühelos dem jüdischen Volke zur Verfügung stellen könnten. Bisher sind die Ohren und die Beutel der Beit, Kann und sogar Schiffs verschlossen geblieben. — Die Gärten anderer hüten sie . . . .

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