Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 36 (7.9.1906)
- Date
- 1906-09-07
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG X. JAHRG. KÖLN, 7. September 1906 ]imr6 i'Wtf btt* "p No. 36. DIE JAHRESKONFERENZ Die Jahreskonferenz war ein Stück ehrlicher Arbeit. Ehrlich waren die Verhandlungen und ehrlich die Resultate. Für pompöse Rhetorik war gar keine Stimmung vorhanden, und kein einziges neues Schlagwort wurde geschaffen. Man sagte sich klar und deutlich, was man eigentlich tun kann und tun soll. Die Gegensätze und Meinungsverschiedenheiten kamen voll und ganz zum Ausdrucke, und weil sie voll und ganz zum Ausdrucke gekommen sind, und weil man keine Diplomatie miteinander getrieben hat, zeigte es sich, daß in bezug auf das große Ziel eine vollkommene Einigkeit herrscht. Und weil man ehrlich war, begnügte man sich nicht damit, diese Einigkeit als ein Abstraktum hinzustellen, sondern man bemühte sich, sie durch eine Reihe van Taten zu beweisen. So sind die Ergebnisse der Jahreskonferenz bestimmte Beschlüsse, die bald ausgeführt werden müssen. Es sind keine Überraschungen, keine Produkte der Beredsamkeit, keine Erfolge suggestiver Individualitäten: es sind notwendige Folgen einer Entwicklung, ehrliche Wirklichkeitsmomente. Es ist unmöglich, sich über den Charakter der Jahreskonferenz zu täuschen. Sie war durch und durch palästinensisch. Wie ein roter Faden zieht sich Palästina durch sämtliche Beschlüsse. Die Abänderung der Bankstatuten ist palästinensisch; die beschlossene Form der Legalisierung des Nationalfonds ist palästinensisch; die meisten Summen wurden für kulturelle und wissenschaftliche Zwecke in Palästina bewilligt, und die meisten Anregungen bezogen sich %auf Palästina. Sogar das Hilfswerk für die Opfer der Massakers wurde mit Palästina in Verbindung gebracht. Die Waisen sollen nämlich in Palästina erzogen werden. Der politische Zionismus ist also in ein Stadium unmittelbarer Arbeit getreten. Dies geschieht aber nicht, um in kleinen Taten aufzugehen, sondern um die großen Bestrebungen festzuhalten und systematisch die vorbereitenden Bedingungen zu schaffen. Der Zionismus war immer bemüht, seinem Endziel zustrebend, die Gegenwartsarbeit, die zu diesem Endziele führt, zu leisten. Er wollte und will sie auch fernerhin überall leisten, wo es nur möglich ist; um so mehr muß er sie in Palästina und um Palästina machen. Das Unmittelbare muß dem Mittelbaren vorgezogen werden. Politik ist die praktische Anwendung von Prinzipien und Ideen. Vom praktischen Standpunkte betrachtet, kann und soll der Zionismus in der Diaspora auch jetzt wie früher national-anregend wirken; er kann und soll mit erneuter Energie jüdische Kulturbestrebungen fördern urrd jüdische Interessen vertreten. Er muß aber, wenn er politisch ist, mit den gegebenen Verhältnissen rechnen. Das Prinzip des Zieles muß dogmatisch aufgefaßt werden, aber die Mittel werden vom Leben diktiert. In Rußland trat wegen der unglücklichen Zeitverhältnisse ein Stillstand in der Entwicklung ein. Doch wurde nicht die Idee, sondern die Organisationgeschwächt. Ist es doch unmöglich, bei den erschütternden Ereignissen und furchtbaren Qualen, wo die einen sich zum höchsten Grade von Selbstaufopferung emporschwingen, die andern, vor Furcht und Schrecken zitternd, von den unbarmherzigen Furien verfolgt, mit bangem Herzklopfen jeden Schreckenstag, der angekündigt wird, erwarten, oder in Verzweiflung herumirrend, wo das müde Haupt hinzulegen, — ist es doch unmöglich dort, wo man alle Augenblicke Gefahr läuft, angegriffen zu werden, eine stramme Organisation zu erhalten. Alles wird durch die Kämpfe und Leiden des Augenblicks in den Hintergrund gedrängt; auf allen Gebieten menschlichen Schaffens und Denkens, auch in den unentbehrlichsten und mächtigsten Organisationen, die seit vielen Jahren den großartigsten Aufschwung genommen, in Industrie, Literatur, Kunst, Philanthropie, Gemeinwesen der autochthonen Völker herrscht das heilloseste Chaos; — ist es zu verwundern, daß auch die zionistische Organisation unter diesen Verhältnissenleidet? Und nicht nur dasVereinswesen,sondern auch die nationalkulturelle Tätigkeit erscheint uns teils entkräftet, teils aufflackernd in Protesten und Programmen, aber ohne Zähigkeit und Dauer, ephemere, zwerghafte Erscheinungen! Wäre es möglich, in Rußland jetzt z. B. eine national-jüdische Erziehungsanstalt, einen „Bezalel", der dem Zwecke gewidmet ist, den Kunstfleiß und den Kunstgeschmack zu heben, oder irgend ein anderes national-jüdisches Unternehmen zu gründen? Ja, man