Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 35 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- – (sequence 19)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 35 DIE-^ELT- 19 wie sie von unserer Kommission geplant wurden, erschienen also im verflossenen Jahre undurchführbar. Trotzdem war die Propaganda-Kommission nicht untätig.. Nachdem sie durch Einrichtung einer Zentrale in Berlin und Bestellung von Propagandakollegien für die einzelnen Länder sich eine Organisation verliehen, war sie vor allem mit Erfolg bemüht, durch Anregung von großen Protestversammlungen die Pflicht des nationalen Judentums angesichts der russischen Judenmetzeleien zu erfüllen. Es ist uns hierbei gelungen, die einflußreichsten, nichtzionistischen Kreise der Judenheit zu einer gemeinsamen Aktion heranzuziehen und der Protestbewegung einen beinahe ausgesprochen nationaljüdischen Charakter zu verleihen. Angesichts der Schwierigkeiten, die sicih einer politischen Propaganda mit klarumrissenem Programm vorläufig entgegenstellten, erschien es ratsam, einen anderen, bis jetzt wenig berücksichtigten Zweig, der Propaganda in Angriff zu nehmen, nämlich den der literarisch-künstlerischen Veranstaltungen. Die Versuche, welche die Zentrale der Propaganda-Kommission unter Angliederung eines speziellen Komitees für jüdisch-künstlerische Veranstaltungen in Berlin unternommen, haben dargetan, daß dieses mehr indirekte Agitationssystem besonders dem großen, dem Zionismus noch fernestehenden jüdischen Publikum gegenüber wirksam und anziehend ist. Der geradezu unerschöpfliche Schatz von zum Teile erstrangigen Kunstwerken jüdischen Inhalts, den uns auf dem Gebiete der Dichtung und der Musik, der Malerei und der Plastik Meister jüdischer und nichtiüdischer Abstammung hinterlassen haben, erweist sich als vorzügliches Material zur Neubelebung des jüdischen Volksbewußtseins. Dazu tritt eine Reihe von Werken neueren Datums, die von zionistisch empfindenden Künstlern geschaffen wurden und deren Agitationskraft nieversagt, Dank den künstlerischen Aufführungen, sowie den der jüdischen Dichtung und Kunst gewidmeten Vortragsabenden, die im abgeschlossenen Jahre in Berlin stattfanden, ist ein Material zusammengestellt worden, das von allen anderen Zentren der zionistischen Bewegung für ähnliche Veranstaltungen verwendet werden kann. Ganz besonders wirksam und empfehlenswert sind Theateraufführungen. Mit diesen betritt der Zionismus eine Entwicklungsbahn, an deren Ende die künstlerische Nationalbühne steht zweifellos eines der machtvollsten Mittel zur nationalen Erziehung des großen jüdischen Publikums. Bericht der statistisch-Volkswirtschaft liehen Kommission Der VII. Kongreß hat über den Antrag von Dr. Werner, den Herr Oskar Marmorek unterstützte, eine Kommission für die jüdische Statistik und die volkswirtschaftlichen Fragen der Judenheit eingesetzt, und als solche den jedesmaligen Vorstand des Verbandes für Statistik der Juden sowie die Mitglieder des von letzterem geleiteten statistischen Bureaus bestellt Die Bewilligung einer Jahresdotation von 3000 M. für diese Kommission wurde dem A. C. anheimgestellt mit der Direktive, diesen Vorschlag nach Tunlichkeit zu berücksichtigen. (Protokoll des VII. Zionisten-Kongresses S. 279.) Den ersten Anlaß, die Dienste der statistischen Organisation als zionistische Kommission in Anspruch zu nehmen, boten dem A. C. die russischen Katastrophen und die vom A.C. nach Brüssel einberufene Konferenz. Da gerade kurz vorher die Ergebnisse der letzten russischen Volkszählung zur Veröffentlichung gelangten, so war unsere Kommission in der Lage, eine Übersicht über die sozialen Verhältnisse der Juden in Rußland auf Grund amtlicher Daten in Bearbeitung von Dr. Arthur Ruppin der Brüsseler Konferenz als Grundlage für ihre Beratungen zu unterbreiten. Das A. C. bewilligte der Kommission für diese Arbeit 1000 M. Der zweite Gegenstand, dem unsere Kommission ihre Aufmerksamkeit zuwendete, war die neuerdings mit elementarer Kraft vor sich gehende Einwanderung unserer Stammesgenossen in Palästina. Unsere diesbezüglichen Arbeiten sind bereits im Gange, und wir hoffen, bis zum Schlüsse dieses Jahres die Ergebnisse derselben^ veröffentlichen zu können. Wir beabsichtigen, einerseits eine Übersicht über die Zahl und Zusammensetzung der Palästinaemigrationsvereine in Europa, hauptsächlich in Rußland, zu geben, anderseits ein Bild der neuen Einwanderung und Verteilung unserer Stammesgenossen in Palästina. Bei diesen Arbeiten unterstützen uns einerseits der Leiter des „Bezalel", Prof. Boris Schatz, anderseits das Informationsbu reau für jüdische Einwanderer in Jaffa. Prof. Schatz ist überdies mit einer speziellen Arbeit für unsere Kommission beschäftigt, nämlich mit der genauen statistischen Aufnahme der jüdischen Handwerker und Gewerbetreibenden in Jerusalem. Diese Arbeiten, welche für die zionistische Organisation naturgemäß von ganz besonderem Interesse sind, bestreitet unsere Kommission aus eigenen Mitteln, die ihr von nichtzionistischen Körperschaften geliefert werden. Die andern Erhebungen, mit denen der Vorstand des Verbandes für Statistik und das Statistische Bureau zurzeit beschäftigt sind, gehören, so sehr sie das nationaljüdische Interesse in Anspruch nehmen, nicht in den Rahmen dieses Referates, sondern in den Bericht der statistischen Organisation. Doch dürfte zum Schlüsse ein kurzes Wort über die für unsere Bewegung sehr lehrreiche Entwicklung dieser Organisation angebracht sein. Die jüdische Statistik wurde bekanntlich von einer Gruppe von Zionisten begründet und ist ein durchaus nationales Unternehmen. Sie hatte anfangs mit den größten Schwierigkeiten zu kämpfen. Die zionistische Organisation verweigerte ihr jede f inanzielle Unterstützung, weil sie von der Ansicht ausging, daß die jüdische Statistik nur in großem Stile, etwa mit dem Aufwände von einer Million Mark, zu schaffen wäre und solche Mittel nicht zur Verfügung ständen. Von nichtzionistischer Seite wurde die Statistik zunächst aufs heftigste bekämpft, weil sie als „jüdischer Staat im Staate" inopportun, als „Wahrheit über die Juden" gefährlich erschien. Nur von nichtjüdischer, ja von staatlich-amtlicher Seite wurden wir, allen Befürchtungen zuwider, als willkommene Mitarbeiter begrüßt und in jeder Weise unterstützt. Im Laufe weniger Jahre ist es nun trotz aller Hindernisse gelungen, von den bescheidensten Anfängen zu Größerem fortschreitend, ein ständiges Bureau zu etablieren, eine Zeitschrift zu gründen und ein Budget von zirka 12 000 M. für jüdisch-statistische Arbeiten zu sichern. An diesem Budget sind fast sämtliche jüdischen Organisationen und namhafteren jüdischen Gemeinden beteiligt. Ein solches Resultat, das nur den Beginn einer weiteren Entwicklung darstellt, konnte erzielt werden, weil wir uns mit Erfolg bemühten,, die offiziellen, nicht zionistischen Vertretungen der Judenheit wenigstens auf diesem Gebiete zu überzeugen, daß das nationaljüdische Werk der zeitgemäße und rationelle Ausdruck des wohlverstandenen Interesses der GesamtjudenheitseK ihr praktisches Sich-auf-sich-selbst-ßesinnen, die Wahrung jener vitalsten Interessen, auf die keine Gemeinschaft, die als solche existieren will, verzichten darf. Die mit der jüdischen Statistik geinachten Erfahrungen können nicht eindringlich genug empfohlen werden. Wenn man auch, wie die Erfahrung lehrt, bei allen künstlerisch gediegeneren Veranstaltungen dieser Art auf eine starke Beteiligung der nichtzionistischen Kreise rechnen kann, so sind die Kosten manchmal doch so erheblich, daß dieser Propagandazweig ohne finanzielle Mittel nicht betrieben werden kann. Die Propagandakommission hat daher gegen Ende des Berichtsjahres die Schaffung eines eigenen Garantiefonds für jüdisch-künstlerische Veranstaltungen in Angriff genommen, dessen Entwicklung dank der Beteiligung nichtzionistischer Kunstmäcene recht günstig zu werden verspricht. Während die von der Kommission veranlaßten literarisch-künstlerischen Darbietungen ihrer Natur nach einen lokalen Charakter tragen mußten, diente die von ihr herausgegebene Samnielschrift „Die Zukunft der Juden" den Zwecken der großen zionistischen Propaganda. Der Erfolg dieser Publikation, in der ebenfalls auf die künstlerische Seite besonderer Nachdruck gelegt wrude, war ein so guter, daß in wenigen-Monaten unter Beteiligung der Berliner zionistischen Vereinigung eine zweite, größere Auflage gedruckt werden konnte. Im Auftrage des A. C. hat sich die Propaganda-Kommission mit den Vorbereitungen zu einer planmäßigen zionistischen Agitation unter den im palästinensischen Lände rkreis lebenden Juden befaßt. Diese Bestrebungen sind ein logischer Ausdruck der auf Schaffung einer realen Basis im Orient gerichteten Politik, die die Macht der Tatsachen dem Zionismus immer mehr aufdrängt. Es ist eine naheliegende, ja selbstverständliche Idee, daß wir die jüdische Bevölkerung Palästinas, der europäischen und asiatischen Türkei und Ägyptens für unsere Anschauungen gewinnen, zu Pionieren und Stützen der nationaljüdischen Staatsidee machen sollten. Auf Grund zahlreicher, sehr informativer Berichte, die der Propaganda-Kommission von unseren Vertrauensmännern in Konstantinopel, Jerusalem, Beyrut und Kairo zugekommen sind, können wir mit Zuversicht behaupten, daß hier der zionistischen Arbeit in den den türkischen Gesetzen angepaßten Formen ein ebenso weites wie dankbares Feld offen steht. Unsere Brüder im Orient würden, nach der Überzeugung unserer Korrespondenten, bei geeigneter Beeinflussung unsere Bestrebungen nicht nur finanziell, sondern, dank ihren Beziehungen, auch politisch wesentlich fördern. Da sie jedoch in der französischen, spanischen und arabischen Kultursphäre leben, so müßte der nächste Schritt die Bestellung von Agitatoren und die Herausgabe von Schriften in diesen Sprachen sein. Auf die geeigneten Kräfte hat man uns hingewiesen; und so mangelt es, bei dem heutigen Stande unserer Vorbereitungen, zur Inangriffnahme dieses Werkes, dessen erstrangige Bedeutung in die Augen springt, an nichts, als an Mitteln. Gewähren Sie'der Propaganda-Kommission nicht außerordent-