Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 35 (31.8.1906)
- Date
- 1906-08-31
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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\1 ELT No. 35 Kunstschulen besucht haben, werden dort vollends ausgebildet und sollen zum Teil später in den verschiedenen jüdischen Zentren des Orient?, z. B. Tiberias, Safed, Saida, Damaskus, ev. auch Bagdad und Aleppo als Lehrer für Kunstgewerbe verwandt werden. Schon ist es gelungen, den Beginn eines jüdisch-palästinensischen Kunststieles zu schaffen und hierzu auch die hebräischen Buchstaben in origineller Art zu stilisieren. b) in der Vorbereitung künftiger Meisterschüler. Eine Reihe neu entdeckter Talente aus Jerusalem, momentan 8 junge Leute, werden dort in den Anfangsgründen der Kunst behufs weiterer Ausbildung unterrichtet. c) in der Anleitung der einheimischen Handwerker im kunstgewerblichen Zeichnen durch Abendkurse; diese Kurse werden von 25 Schülern besucht. d) in der Einführung von speziellen kunstgewerblichen Industrien. Zuerst wurde eine Qipsgießerei eingerichtet, wo die Schüler lernen, ihre Modelle selbst in Gips umzugießen; ein junger Mann ist schon soweit ausgebildet, daß er selbständig eine Gipsgießerei eingerichtet hat, wo er nach den Modellen der Schüler Reliefbilder von Ansichten und Typen des heiligen Landes zum Verkauf anfertigt und davon seine Existenz findet. Am meisten ausgebildet ist bisher die Mitte Mai eröffnete Teppichweberei, zu der lediglich Mädchen und Frauen herangebildet werden. Ohne Reklame und Publikation hatten sich nicht weniger als 400 Mädchen und Frauen hierfür angemeldet, von denen wegen Platzmangel leider nur 45 berücksichtigt werden konnten, und auch das nur unter Hinzunahnte ungedeckter Räume, wie Balkons etc.; schon haben sie ihre ersten kleinen Teppiche in persischer Art fertig, und es wird nicht mehr lange dauern, dann werden die ersten jüdisch-palästinensischen Teppiche im Handel erscheinen. Eine Kunstfärberei dient zur Vorbereitung der Wolle für die Teppichmanufaktur, und zwar werden hierfür nach orientalischem Vorbild die echten, dauerhaften Pflanzenfarben benutzt, nicht die zwar billigen, aber schneller verbleichenden Anilinfarben. Auch eine Spinnerei ist mit der Teppichabteilung verbunden, wo die Schülerinnen lernen, die Wolle für die Teppiche vorzubereiten, und namentlich ältere und schwächere Frauen werden sich hierdurch den Lebensunterhalt erwerben können, indem ihnen Spinnräder auf ratenweise Abzahlung nach Hause gegeben werden. Weitere Ateliers, z. B. für Bearbeitung von Marmor, für Holzschnitzerei, für Tonarbeiten, für Metall- und Einlegearbeiten mit Perlmutter, um auch der männlichen Bevölkerung Palästinas Nebenerwerb zu verschaffen, sowie für Kunststickerei und Spitzenklöppelei sind geplant, mußten aber wegen Mangels an Mitteln und vor allem wegen des beschränkten Raumes zurückgestellt werden. Letzterem Mangel abzuhelfen, sollte eine Ehrenpflicht unserer zionistischen Organisation sein. Damit auch ein gemeinsames geistiges Band die in den verschiedenen Idiomen redenden Schüler verbindet, wurde mit Unterstützung des Odessaer Komitees ein hebräischer Sprachkursus eingerichtet, denn die Unterrichtssprache der Schule soll die hebräische sein. Sehr erfreulich ist es auch, daß Prof. Schatz, der unermüdliche und aufopferungsvolle Leiter der Kunstgewerbeschule „Bezalel" schon schon jetzt die Grundlage für ein jüdisches Nationalmuseum in Jerusalem zu legen beginnt. Er hat schon eine Reihe jüdischer Altertümer, Münzen etc. hierfür gesammelt, auch haben verschiedene jüdische Künstler wertvolle Arbeiten dem Museum geschenkt, unter andern Max Liebermann ein von ihm gemaltes Bild, Hermann Struck eine große Anzahl seiner Radierungen, Lilien eine Reihe Zeichnungen, außerdem ist der Messias von Glicenstein, der den letzten Kongreß in so herrlicher Weise schmückte, in der Schule zur Aufstellung gekommen. In dieser Beziehung ist aber noch viel zu tun, jede Ortsgruppe sollte es sich angelegen sein lassen, Geschenke für das Nationalmuseum zu sammeln, während es Sache des Nationalfonds ist, wie für die Bezalelschule, so auch für diese hoffnungsvolle Kulturstätte ein passendes Heim zu schaffen. Was die Nationalbibliothek betrifft, so konnte dieses schöne Projekt leider nicht weiter gefördert werden; bei dem Mangel an Mitteln und bei der Unwahrscheinlichkeit, solche in näherer Zukunft in irgendwie ausreichendem Maße zu erlangen, wäre es vermessen gewesen, irgendwelche Schritte zu tun, die von den jetzigen sehr eifrigen Verwaltern der Abarbanel-Bibliothek als Mißtrauen ausgelegt werden könnten, oder die ihnen die Arbeitsfreude und das Verantwortlichkeitsgefühl für diese Bibliothek hätten rauben können, zumal die Frage der Nationalisierung dieser Bibliothek hierdurch de facto nicht im geringsten gefördert worden wäre. So schön auch die Idee einer Nationalbibliothek an sich ist, so können wir derselben doch erst dann näher treten, wenn wir über einen großen und sichern Fonds für Kulturzwecke in Palästina verfügen. Neuerdings traten wir auch der Frage der Bekämpfung der Malaria in Jerusalem näher. Einer unserer Gesinnungsgenossen, ein erfahrener Arzt, hat sich angeboten, nach Absolvierung eines Kursus an einem der Institute für Tropen-Hygiene auf eigeneKosten eine Saison in Jerusalem zuzubringen, um die Kampagne gegen die Malaria resp. die sie verbreitenden Mücken zu leiten. Wir hoffen bis dahin die nötigen Mittel zusammen zu bekommen, um die sachlichen Ausgaben der Kampagne bestreiten zu können und ihm eine Hilfskraft mitzugeben, welche ihn hierbei unterstützt und die Sache ev. selbständig weiter führen kann. Der neugegründete Palästina verein ist unserer Ansicht nach berufen, solche Projekte, wie die Nationalbibliothek, das Nationalmuseum, die Malariabekämpfung etc. tatkräftig zu fördern. Wenn der Verein auch vor der Hand noch keine große Bedeutung hat, so glauben wir doch, daß er eine weite Entwicklungsmöglichkeit haben wird. Es gibt Tausende guter und palästinatreuer Juden, welche den politischen Gedanken des Zionismus nicht zu folgen vermögen, sich aber an der kulturellen und wirtschaftlichen Hebung des Landes gern beteiligen werden. Für die wirtschaftliche Hebung suchen wir durch den Palästina-Pflanzungsverein, durch die vom Palästina-Industriesyndikat zu gründenden Gesellschaften, durch den Bezalel einen neutralen Boden zu schaffen, für kulturelle Zwecke soll der Palästinaverein die unpolitische Basis abgeben. Er wird eine gute Grundlage für gemeinsame Arbeiten mit anderen Institutionen abgeben und gleichzeitig den noch nicht zionistischen Schichten zeigen, daß man durch Beitritt zur zionistischen Organisation noch nicht zu einem eingefleischten Theoretiker geworden ist, sondern auch die Gegenwartsarbeit in Palästina hoch zu schätzen und zu organisieren versteht. Auf diese Weise schafft man dem Zionismus viele Freunde und kann namentlich auch durch Festlichkeiten, an denen sich dann auch Nichtzionisten gerne beteiligen werden, die nationale Idee und die national-kulturellen Institutionen in Palästina gleichzeitig fördern. Was die Gründung einer Mittelschule in Jerusalem betrifft, die nach der Meinung vieler ein absolutes Bedürfnis ist, so hat der Hilfsverein der deutschen Juden auf unsere Anregung hin sich dieser Frage ernstlich angenommen, und wir Zionisten werden versuchen, durch Aufbringung erheblicher Fonds das Recht zu erwerben, auch unserseits an der Organisation und Leitung der Schule teilzunehmen. Regen Anteil genommen hat die Palästina-Kommission an der Gründung des Pflanzungsvereins „Palästina", ja man kann wohl sagen, daß dieser Verein im wesentlichen ihr Werk ist. Dieser Verein soll jedem Juden der Welt die Möglichkeit und die Anregung geben, sofort oder allmählich der Besitzer eines kleinen Fruchtgartens in Palästina zu werden. Zu diesem Zwecke wird eine ein Dunam (ca. ha) große Landparzelle auf seinen Namen in das Liegenschaftsbuch des Vereins eingetragen. j_