Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 34 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 34 DIEEqKELT 15 o o o o o fF=== m ooooooojj AUS DER BEWEGUNG 0 0 O O 0 O 0 O O 0 O 4 Die zionistische Organisation in Kroatien Am 14. und 15. ds. wurde in Essek (Kroatien) der Grundstein zur Organisation der kroatischen Zionisten gelegt. In Essek wurde ein zionistischer Verein, namens „Theodor Herzl", gegründet und dieser Vereinsgründung werden andere in Agram, Semlin und Vinkovci folgen. Der Wirkungskreis des Esseker Vereins wird sich auf das ganze Komitat Virovitica erstrecken, derjenige des Agramer Vereins auf das Agramer, Belovar-Kreutzer, Lika-Krbavaer, Modrus- Fiumaner und Warasdiner Komitat (also das eigentliche Kroatien), der Wirkungskreis des Vinkovcer Vereins auf das Pozeganer und der des Semliner auf das Syrmier Komitat. Alle diese Vereine werden in eine Föderation zusammengefaßt werden, in ein kroatischslavonisches Distriktskomitee. Die Zionisten Kroatiens streben danach, zusammen mit Bosnien ein Landeskomitee zu bilden, da der Anschluß sowohl an die österreichischen als ungarischen Zionisten wegen der gegenwärtigen politischen Verhältnisse in Kroatien ein Ding der Unmöglichkeit ist. Ein derartiger Anschluß würde der Bewegung einen bedeutenden Schaden zufügen, sie vielleicht ganz unmöglich machen. Die Vereinigung der kroatischen mit den bosnischen Zionisten würde man seitens der kroatischen Regierung auch lieber sehen — und daher darf man hoffen, daß ein sogenanntes kroatisch-bosnisches Landeskomitee in absehbarer Zeit bereits ins Leben gerufen werden wird. Welche Vorteile eine derartige Organisation für die ganze Bewegung, respektive für die Verbreitung derselben in Kroatien und Bosnien bietet, braucht nicht erst betont zu werden . . . Wir lassen nunmehr einen Bericht über den Zionisten tag in Essek — wie man die Konferenz zionistischer Hochschüler und Abiturienten aus den südslavischen Ländern und die jüdische Bürgerversammlung allgemein bezeichnete — folgen: Zionistentag Dienstag, den 14. ds., um halb zehn Uhr vormittags, wurde im großen Beratungssaale der Oberstädter israelitischen Kultusgemeinde die zweite Konferenz jüdischer Hochschüler und Abiturienten aus den südslavischen Ländern eröffnet. Lange vor Eröffnung war der große Beratungssaal dicht gefüllt. Am grünen Tisch hatten 50 jüdische Hochschüler Platz genommen. Alle Konferenzteilnehmer waren teils mit Couleurs, teils mit jüdischen Nation'albändern (weiß-blau) geschmückt. Kultusvorstand Dr. Hugo Spitzer begrüßte die Teilnehmer. Er forderte die zionistische Jugend aus den südslavischen Ländern auf, in ihrer eifrigen Propaganda für den Zionismus nicht nachzulassen, sondern unerschrocken und zu jeder Stunde für die jüdische Sache einzutreten. Hierauf eröffnete cand. jur. Alexander Licht als Präsident des Vereins „Bar öiora" die Tagung. Er geißelte in Worten der Entrüstung die Veranstalter der letzten Pogrome in Rußland und forderte die Versammelten auf, in seinen Protest gegen dieselben als auch gegen die westjüdischenFinanzbarone, welche die russische Bureaukratie in ihrem Werke forderten, einzustimmen. (Lebhafter Beifall.) Indem er der Hoffnung Ausdruck gab, daß der Zionistentag seine Bedeutung für die Juden in den südslavischen Ländern nicht verfehlen werde, erklärte er die Tagung für eröffnet. Nachdem der Versammlungs-Präsident Ing. Rosenzweig die zahlreichen Begrüßungstelegramme verlesen hatte, erteilte er das Wort cand. iur. Alexander Licht zu seinem Referate über den Zionismus. Der Redner gab einen historischen Überblick über die Entwickelung des zionistischen Gedankens im allgemeinen, über die Assimilationsbestrebungen im Westen, um dann auf Grundlage des Baseler Programms die Prinzipien des politischen Zionismus zu erläutern. Nach einer Pause ergriff das Wort zu einem Referat über die Aufgaben der jüdischen Mittelschuljugend Abiturient Lavoslav Stern (Brod). Er geißelte die bisherige Erziehungsmethode der jüdischen Religionslehrer, betonte die Notwendigkeit eines intensiveren Studiums der jüdischen Geschichte und Literatur und der hebräischen Sprache. Während dieses Vortrages erschienen im Saale die Oberrabbiner Dr. Wenezianer aus Neu-Pest und Dr. Ungar (Essek), die vom Vorsitzenden warm begrüßt wurden. In der Nachmittagssitzung hielt cand. techn. Gustav Kunetz sein Referat über die jüdische Kultur I. Teil. Nach einer kurzen Pause hielt der Sekretär der „Bar Giora", cand. phil. Otto Goldstein sein Referat über die Juden in den südslavischen Ländern, indem er hauptsächlich sein Augenmerk auf .die Entwickelung der zionistischen Bewegung in diesen Ländern richtete. Das Referat wurde mit großem Beifall aufgenommen, worauf der Vorsitzende den ersten konferenztag schloß. Mittwoch, um halb 11 Uhr vormittag, wurde die Tagung fortgesetzt. Der Vorsitzende begrüßte das anwesende Mitglied des großen Aktionskomitees Herrn Dr. Leopold Kahn und den Herrn Rabbiner aus Virovitica Dr. Kaufmann. Nach Verlesung der eingelaufenen Telegramme erhielt das Wort stud. techn. Spingarn (Essek) zu seinem Referate über die jüdische Kultur II. Teil. Der Referent schilderte die markantesten Erscheinungen der modernen jüdischen Literatur, Wissenschaft und Kunst. Sein Hauptaugenmerk wendete er der ostjüdischen Literatur zu, unterließ es aber nicht, speziell die nichtjüdischen zionistischen Schriftsteller hervorzuheben. Nach dem mit großem Beifall aufgenommenen Referate entspann sich eine lebhafte Debatte. Hierauf stellten mehrere Konferenzteilnehmer Anträge, die fast alle angenommen wurden. Die vom Präsidium des Vereines „Bar Giora" vorgelegte Resolution wurde einstimmig und mit Beifall aufgenommen. Sie lautet: „Die am 14. und 15. August 1906 auf dem Zionistentag versammelten Akademiker und Abiturienten beschließen, auf dem Baseler Programme stehend, folgendes: In der Erkenntnis, daß es zur Stärkimg des jüdischen Nationalbewußtseins dringend notwendig ist, die Kenntnisse der jüdischen Geschichte, Literatur und aller kulturellen Probleme der jüdischen Vergangenheit und Gegenwart sich anzueignen, erachten sie es als ihre Pflicht, allen selbstbewußten jüdischen Studenten das intensive Studium der hebräischen Sprache und ihrer Erzeugnisse und die Beschäftigung mit den Kulturproblemen warm ans Herz zu legen. In der Erkenntnis der großen Aufgaben, die die Frauen in der nationalen Erziehung zu üben haben, betont der Zionistentag die Notwendigkeit, daß sich die jüdischen Frauen und Mädchen behufs Erlangung einer genügenden Vorbereitung für die Erziehung der jüdischen Jugend in wahrhaft jüdischem Geiste in Bildungsvereinen zusammenschließen. An alle Kultusgemeinden richten sie den Appell, daß sie in der Erkenntnis ihrer kulturellen und sozialen Mission allerorten jüdische öffentliche Bibliotheken errichten und für die Hebung des Studiums der jüdischen Geschichte und Ethik sowie der hebräischen Sprache Sorge tragen. Der Zionistentag protestiert dagegen, daß das jüdische Nationalbewußtsein der Studentenschaft seitens mehrerer Religionslehrer und Kultusgemeinden mit Gewalt unterdrückt wird. Die Gemeinden verlieren ihre raison d'etre, wenn sie sich dem selbstbewußt jüdischen Empfinden entgegensetzen. Der Zionistentag erklärt, daß die jüdisch-nationale Studentenschaft keinem nichtjüdischen politischen Vereine beitreten darf, von den kulturellen Vereinen aber bloß denen, deren Toleranz und Tendenzen mit den Anforderungen des modernen Judentums in keinerlei Widersprüchen stehen. Schließlich erklärt der Zionistentag, daß die jüdischen Studenten nach Möglichkeit jüdisch-nationalen, insbesondere studentischen Organisationen beitreten sollen, um mit Wort und Tat die Verwirklichung aller jüdisch-nationalen, insbesondere zionistischen Bestrebungen zu fördern. Der II. Esseker zionistische Studententag beschließt, daß diese Konferenz der zionistischen Studenten aus den südslavischen Ländern zu einer ständigen Institution werde und betraut mit der Einberufung und der Bestimmung des Sitzes der folgenden Zionistentage den Verein „Bar Giora" in Wien." Auf Antrag des Vertreters des Belgrader Vereins „Gideon", stud. med. David Albala, wurde empfohlen, den nächsten Zionistentag in Belgrad abzuhalten, des ferneren den Verein „Bar Giora" mit der Herausgabe zionistischer Broschüren in kroatisch-serbischer Sprache, insbesondere des Kongreß-Protokolls, zu betrauen. Nachdem der Vorsitzende den Delegierten für die mustergiltige Teilnahme an den Beratungen gedankt hatte, ergreift das Wort zur Schlußrede cand. jur. Alexander Licht, um nach einem kurzen Resume in begeisterten Worten den Teilnehmern ans Herz zu legen, die hier gewonnenen Anregungen in die Tat umzusetzen und als Pioniere des Zionismus ihm den Weg in die südslavischen Länder zu ebnen. Langdauernder Beifall erscholl, und in stürmischer Weise wurde der Begeisterung Ausdruck gegeben. Nach der Absingung der Hymne der „Bar Giora" wurde der Kongreß geschlossen.