Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-08-24 · 34 (24.8.1906) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
34 (24.8.1906)
Date
1906-08-24
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
96% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316221--48449-3343378
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

14 DIE3§EELT No. .".4 ich sah. Da war ein Kreis zwischen zwei Abgründen, ein schmaler runder Grat. Und im Bezirke des Kreises schloß sich ein roter Abgrund wie ein See von Blut, und außer des Bezirkes des Kreises dehnte sich ein schwarzer Abgrund wie ein Meer ,von Nacht. Und ich sah, siehe da ging ein Mensch auf dem Grate wie ein Blinder, mit wankenden Füßen, und seine beiden schwachen Hände rührten an die Abgründe zur Rechten und zur Linken, und seine Brust war aus Glas, und ich sah sein Herz flattern wie krankes Laub im Winde, und auf seiner Stirn war das Zeichen des Eises. Und der Mensch ging weiter und weiter den Weg des Grates, ohne rechts und links zu sehen, und schon war er dem Ende des Kreises nahe, das sein Anfang ist. Und ich wollte ihm rufen, aber mein Sehen lähmte meine Zunge. Und der Mensch blickte plötzlich auf, und sah rechts und links, und er strauchelte, und aus den Abgründen stiegen Arme auf, ihn zu fangen. Da berührte der Engel meine Lippen, und meine Zunge war frei, und ich rief und schrie zu jenem: „Erhebe deine Flügel und fliege!" Und siehe, da erhob der Mensch seine Flügel, und keine Schwäche und keine .Starrheit war mehr an ihm; und der Grat verschwand unter seinen Füßen, und den'Abgrund des Blutes verschlangen Gottes Wasserquellen, und der; bgrund der Nacht verging in Gottes Lichte, und die Stadt des Herrn lag da, offen allerwärts. Sehet, ein Kreis ist unser Jahr. Wir gehen auf schmalem, rundem Grat zwischen zwei Abgründen und sehen die Abgründe nicht. Sind wir aber an das Ende des Grabes gekommen, das sein Anfang ist, da fällt die Angst und das Zittern über uns wie der Sturm des Herrn, und der Blitz des Herrn fährt über die Abgründe hin und wir sehen sie und wir schwanken. Aber der Schofar tönt über uns und faßt unsere Seelen und trägt sie, und jeder Schofarton trägt viele Seelen auf seinen Flügeln. Und die Schofarim schwingen sich zu den Himmeln auf. Und die Himmel lauschen, und die Angst und das Zittern kommt über sie wie der Sturm des Herrn, und der Weltenschofar erschallt. Und der Weltenschofar trägt auf seinen Flügeln die Seele, die aus unseren Seelen geboren wurde und die Seele des Messias ist. Und er schwingt sich auf zu dem Reiche des Geheimnisses, und er schlägt mit seinen Flügeln an die Pforte, und die Pforte tut sich weit auf, und siehe, da ist nicht Pforte mehr noch Mauer, sondern die Stadt des Herrn liegt da, offen allerwärts. „Stoße in den großen Schofar, o Herr, zur Geburt der Seele!" Die Stimme des Baalschem war wie der Schofar, bis er schwieg. Dann erhob er sich und ging in seine Kammer und schloß sich ein. Und mit ihm erhoben sich die Schüler und traten hinaus. Wie Träumende gingen sie durch die Gassen, blicklos und bang. Sie hatten ein kleines Haus außerhalb der Stadt, wo sie sich zu versammeln und miteinander die ewigen Dinge zu betrachten pflegten. Dahin gingen sie nun, und die Flügel der Stimme waren über ihnen. Aber im Hause des Baalschem lebte dazumal ein Knabe, Josef mit Namen, und alle nannten ihn Jossele. Als der Meister in seine Kammer gegangen war und die Gefährten alle zu ihrem Hause außerhalb der Stadt, blieb er allein zurück an dem langen Tische, denn er war zu jung, um von jenen nach dem Orte ihrer Betrachtung mitgenommen zu werden. So saß er zwischen den geschwärzten Wänden und fühlte die Flügel der Stimme an seinen Schultern. Und wie die ersten Schatten des Spätnachmittages ihr goldbraunes Zucken über die weiße Decke des Tisches warfen, legte Jossele den Kopf in die Hände, denn ihm war Angst um der Flügel der Stimme willen, die er an seinen Schultern fühlte. Und die dicht aneinander und vor die Augen gepreßten Finger schufen ihm ein Dunkel, aber in dem Dunkel erwachte ein rotblaues Licht, das sang zu ihm wie die. Stimme, um deren willen ihm Angst war. Und es geriet über Jossele mit einer stürzenden Gewalt, wie lang verhaltene Tränen urplötzlich hervorschießen: Jetzt und jetzt wird Meschiach kommen. Und die Stube weitete sich und dV Wände verschwanden, und vor ihm war ein rotblaues Licht, 0; strahlte rings hinaus mit Strahlen einer nächtigen Sonne. L; Jossele lief auf das Licht zu. Aber da war die Türe, wie t; stechender, weckender Schmerz. Der Knabe stand einen Augenblr k lang sehend auf schmalem Grate zwischen zwei Abgründen, u j der Blitz des Herrn fuhr vor ihm hin, und er schauderte i;| schwankte. Da aber erfaßte ihn die Gewalt mit Fängen der Cherub i. und die Stimme brauste, und das Licht war in sein Herz gefall und brannte. Und Jossele öffnete die Türe und lief hinaus, i d er lief durch die Gassen der Stadt, und lief in stürzender Eile, d> er zum Hause der Schüler kam. Da standen seine Sohlen, i d seine Kehle spannte sich und er rief: „Meschiach!" Aber da \;;• kein Laut rings um ihn, nur seine Stimme tönte und verklang s< r langsam und lebte vor ihm und war wie die Stimme, deren Flu i er an seinen Schultern fühlte. Da zwang er seine Augen, anzusehen, und mühte sich, bis er sah. Da saßen die Gefährten alle v-.; der Schwelle des Hauses in langer bogenrunder Reihe, und eines jeu; Mund war fest verschlossen, und eines jeden Blick lag in der Fen . und kein Glied regte sich. Und Jossele hörte seine Stimme rufe : „Jetzt und jetzt wird Meschiach kommen" und hörte die Stirn: .• verklingen mitten in starrendem Schweigen. Da flog die Se< des Knaben auf den Flügeln der Stimme auf und flog zu eim der Schüler hin und legte sich an seine Brust, und Jossele sprac; : „Nachum, weißt du noch, wie du gefastet hast von einem Sabb: h zum andern, um Meschiach zu rufen? Weißt du noch, wie I Ii zu dir kam, als du am Boden lagst am letzten Tage und mit Stirn an die Diele schlugst, wie wir dann zusammen geweint d gebetet haben? Sieh, Meschiach kommt!" Aber jener schwi :. Und die Seele wandte sich und flog zum zweiten hin und schmie.ie sich an seine Schläfe, und Jossele sprach: „Elimelech, ich sah dich < nmal über ein Feuer geneigt, daß deine Locken an die Flammen spran; ui und deine Lippen flüsterten: Meschiach. Ich sah dich einmal ,n Arm emporheben und die Hand gen Himmel schütteln, und dt ic Lippen flüsterten: Meschiach. Elimelech, er kommt!" Aber k r schwieg. Und abermals wandte sich die Seele und flog auf; dritten zu und glitt über seine Hand und Jossele sprach: „Jehl ich habe dich damals gehört, als du den Zauber tatest über •. Wassern und den dunklen Spruch sprachest in das Wehen id..- Windes. Der Zauber ist mit den Wassern verronnen und <: Spruch ist im Winde verweht. Aber jetzt Jehuda, horch, je; kommt er, hörst du ihn kommen? Jehuda, laß uns ihm entgeg;. gehen." Aber jener schwieg. Und Jossele sah die Gefährten i und schaute mit seiner Seele auf sie, und da sah er, sie hön 1 seine Worte nicht, und er sah sie lauschen einem fernen Sehr . Da saßen sie in langer, bogenrunder Reihe und horchten auf ein 1 fernen Schritt und blickten in die Ferne. Alsdann kam die L samkeit über Jossele und legte ihre kalte, harte Hand auf seil; Nacken, und die Krallen der Hand gruben sich in sein Fleis. und die Hand lag auf seinem Nacken wie ein riesenhaftes, lebendig sich einkrallendes Siegel. Und Jossele sah, wie das rotblaue Li i seinem Herzen entstieg, und vor seinen Augen verflimmerte. Jossele fühlte, wie die Flügel an seinen Schultern verschrumpi' - und wie sie abfielen. Und Jossele wollte sprechen, aber sc. - Kehle trug keine Stimme. Und Jossele wollte hinweg, aber er konnte den Fuß nicht heben. Und Jossele setzte sich zu J^i andern und blickte in die Ferne und horchte auf einen fernen Schr'i- So saßen sie beisammen, bis die Sterne kamen. Da wie! von ihnen, und sie kehrten in die Stadt zurück. Und Jos-- stand in seiner Stube wie ein Blinder, mit wankenden Füßen, seine beiden schwachen Hände rührten an die Abgründe '/■ Rechten und zur Linken, und sein Herz flatterte wie krankes Luü ] im Winde, und auf seiner Stirn war das Zeichen des Eises.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.