Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 34 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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geschickt. Für sofortige Hilfe an die Verunglückten und deren Familien, für Lebensmittel, Kleidung usw. würden 8500 Rubel aufgewendet. Ärztliche Hilfe beanspruchte Ausgabe von 1000 Rubel, wobei zu erwähnen ist, daß das Komitee an einzelne Sp;täler noch Zahlungen zu leisten hat, z. B. an Warschauer Hospitäler. An die Verwundeten wurden 17 000 Rubel verteilt. Den Witwen und Waisen sowie den sonstigen Angehörigen der Getöteten wurden 66 000 Rubel überwiesen oder sichergestellt. So hat man für jedes Waisenkind 200—300 Rubel beiseite gelegt. Die Zinsen dieses Geldes fallen der Mutter zu. Wird das Kind mündig, so bekommt es den betr. Betrag; stirbt es vor der Mündigkeit, so wird der Betrag der Mutter ausgehändigt. Es ist im Werke, die Waisenkinder, die der Pogrom geschaffen hat, zwischen 60 und 70, die noch nicht anderweit versorgt sind, durch einmalige Zahlungen zu versichern, so daß sie bei Erlangung der Mündigkeit je 1000 Rubel bekommen. Die Verhandlungen mit den Versicherungsgesellschaften sind hierüber noch im Gange. Der Plan, der jede Billigung verdient, wird etwa 15 000 Rubel in Anspruch nehmen. Für die 35 Kinder, die in das Ausland geschickt worden sind, waren zur Equipierung und zum Reisegeld bis Lemberg 1000 Rubel nötig. An Schadenersatz wurden etwa 115 000 Rubel ausgegeben. Es bleibt somit noch ein verfügbarer Rest von 35 000 Rubel, wovon allerdings die zurückzustellenden 15 000 Rubel für die Kinderversicherungen abzuziehen sind. Die noch etwa freien 20 000 Rubel sind teilweise zur Verwendung für die Opfer des vorjährigen Pogroms in Bjelostok, für die nur in sehr knapper Weise gesorgt werden konnte, in Aussicht genommen. Die danach noch zur Verfügung stehenden Gelder dürften für alle Anforderungen, die berechtigterweise kommen werden, kaum ausreichen. Noch heute erfährt man neu von Opfern des Pogroms, von Leuten, die erschossen sind und deren Leichen man erst später gefunden, von Verwundeten, die sich geflüchtet hatten, von Geflüchteten, die um ihre Habe gekommen sind. Infolge des Pogroms sind 20 000 Personen aus Bjelostok fortgezogen. Noch mag erwähnt werden, daß die vereinigten Hilfsorganisationen, die oben genannt sind, 9000 Rubel unter Bezeichnung besonderer Verwendungsbestimmtingen gegeben haben, darunter 3000 Rubel für Arbeitslose. Herr A. Wolkowyski, der an der Spitze des Bjelostoker Hilfskomitees steht, hat sich den obliegenden Mühewaltungen mit ebensoviel Ausdauer wie Klugheit unterzogen. Es war viel Energie nötig, das Hilfswerk in den Grenzen zu halten, die die Helfenden vorgeschrieben hatten, und manche Forderung abzuweisen, die das ganze Werk auf eine andere Basis zu stellen drohte. Herrn Wolkowyskis Tätigkeit ist es in erster Reihe zuzuschreiben, daß beispielsweise für die durch den Pogrom arbeitslos Gewordenen ein besonderes Komitee eingesetzt wurde, dem auch Gelder nicht aus dem allgemeinen Hilfsfonds, sondern mit der entsprechenden ausdrücklichen Zweckbestimmung von Wohltätern zugewiesen waren. Neben Herrn V/olkowyski waren namentlich die Herren Julius Gordon und S. Goldberg in aufopfernder Weise tätig. Auch alle anderen Mitglieder des Komitees sind mit beispielloser Selbstlosigkeit beflissen gewesen, den von dem Pogrom Heimgesuchten beizustehen. Von den Pogromwaisen Die Versorgung der russischen Waisenkinder kann nunmehr endgiltig als gesichert betrachtet werden. Nachdem die Großloge für die in Deutschland unterzubringenden Kinder in weitgehendster Weise gesorgt hat, sind am Mittwoch den 15. August durch Vermittelung des Hilfsvereins der Deutschen Juden und unter Begleitung von Frl. Pappenheim, Frankfurt a. M., 19 Kinder nach England gefahren. Am Donnerstag den 16. August mit dem Schnelldampfer „Amerika" haben 30 weitere Kinder die Reise nach New-York angetreten. Zur Einschiffung dieser für Amerika bestimmten Kinder waren vom Hilfsverein der Deutschen Juden Herr Paul Laskar, Hamburg, und Herr Dr. Bernhard Kahn in Cuxhaven anwesend. Sie brachten mit den Kindern zusammen die Nacht vom Mittwoch auf Donnerstag an Bord des Dampfers „Amerika" zu. Am Freitag früh erfolgte die Überführung der 8 für Ahlem bestimmten Waisenkinder aus Bialystok unter Begleitung von Frl. Klausner als Vertreterin der Alliance Israelite Universelle Berlin. O (( □□□□□□ o o v> FEUILLETON □ □□□□□ ) DIE LEGENDE DER CHASSIDIM Von MARTIN BUBER 3. Die Predigt des neuen Jahres Die erste Sonne des Jahres stand in der Mittagshöhe, und die Luft war voll des Schofarklanges. Man hörte ihn auf allen Wegen, ja es gab der Schüler welche, die ihn zu sehen vermeinten, als hätte das Tönen Kreise eines fremden, glühenden Lichtes in das Grau des Frühherbsttages gezogen. In dem Hause des Baalschem saßen die Schüler um den uralten langen Tisch, der heute fester als je die Füße gegen den Boden zu stemmen schien, um sich wider die Zeit zu behaupten. Die einen blickten hinaus in die Lichtkreise, die andern sahen an den geschwärzten Wänden hinauf, als müßten sie im nächsten Augenblicke zur Seite weichen und das Reich des Geheimnisses erschließen. Der Nachsegen des Mittagmahles war beendet, und der Baalschem begann, die Predigt des neuen Jahres zu sprechen. Die Schüler konnten in sein Angesicht nicht schauen, aber wenn sie die Augen schloßen, kam Wort für Wort vor sie mit einem Angesicht, blitzend das eine, abgrundsdunkel das andere, ein drittes rein und still wie die Liebe Gottes zur Welt. Mit geschlossenen Augen saßen sie da, die jungen und die alten, und lauschten und schauten. Und der Baalschem sprach. Es ist zu sagen, daß die Stimme des Baalschem gemeiniglich war wie ein leichtes, Schlagen von Erz an Erz, und nur im tiefen Gebete mischte es sich zuweilen darein wie der Schrei der Lerchenkehle. Aber am Tage des neuen Jahres war seine Stimme neu und gewandelt. Es war der Schofar, der in ihr atmete und Menschenlaut war. Der Weckruf des Tekia kam und rüttelte an den Toren der Seele. Das wogende Schewarim umpfing die Losgemachte wie das Beben der Sehnsucht. Der hohe Jubel der Terua trug sie zur Erlösung empor. Und das Wort, über das der Baalschern sprach, war das Wort des neuen Jahres: Stoße in den großen Schofar zu unserer Befreiung! „Stoße in den großen Schofar", so rief er zum Herrn, „wenn der Kreis des Jahres sich rundet, und die Seelen aller Dinge in die Finsternis tauchen zu neuer Geburt. Siehe, deine Kinder sind morsch geworden vom Anhauch der Stürme. Siehe, der Brand der Wüste hat ihr Mark versehrt. Nun da der Kreis deines Jahres sich schließt und das Dunkel der Wende seine Fluten entsendet, stoße in den großen Schofar, o Herr, zur neuen Geburt! Deine Pein hat unsere Hände gemartert, bis sie schwach wurden vor dem Leben. Deine Wanderschaft hat unsere Füße gejagt, bis sie auf festem Boden wankten. Du hast den Wurm in unsere Herzen geschickt, und sie sind zernagt wie krankes Laub. Dein Bote hat seine Hand auf unsere Stimme gelegt, und unsere Gedanken starren im Eise. Stoße in den großen Schofar, o Herr, zu unserer Befreiung! Der Engel des Herrn erfaßte mich in der Nacht, und führte mich hinaus, und ich stand im Leeren, und die Nacht lag auf meinen Schultern wie eine große Last, und die Nacht wälzte sich von unten an meine Sohlen heran. Und der Engel sprach: „Schaue!", und die Finsternis wich, und ich stand leicht in heller Leere, und