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Die Welt · 1906-08-24 · 34 (24.8.1906) · page 6

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
34 (24.8.1906)
Date
1906-08-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
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8 DIE 3^KE LT No. 34 Die russischen revolutionären Parteien sind sich wohl dessen bewußt, daß die Stärke einer proletarischen Partei in der Gewerkschaft ruht, die ihr die Möglichkeit gibt, das ökonomische Leben des Landes und den Gang der politischen Ereignisse zu beinflussen. In der ersten Zeit schuf auch jede Partei Gewerkschaften auf eigene Faust. Auch der „Bund" tat es. Nun soll aus dem Chaos eine geeinigte gewerkschaftliche Organisation werden. Treu den Grundsätzen der Sozialdemokratie verlangen alle Parteien eine alle Arbeiter, ohne Unterschied der Nation und der Parteizugehörigkeit, umfassende gewerkschaftliche Organisation. Auch der „Bund" verlangt es in seinen von der VII. Konferenz genehmigten Resolutionen. Er weist aber auch auf die Gefahr des anarchistelnden „Syndikalismus" hin und verlangt eine stete Fühlungnahme zwischen Partei und Gewerkschaft. Um das Verhältnis der beiden Institutionen herzlicher zu gestalten, werden verschiedene Mittel, meistens technischer Natur vorgeschlagen. Auch das Wort — nationale Sektionen — kommt in der Resolution vor. Aber nicht mehr, als das Wort. Was sich der „Bund" darunter denkt (was heißt denn eigentlich eine „nationale Sektion" in der Gewerkschaft — nationale Gewerkschaften, ähnlich der von den tschechischen Sozialdemokraten in Österreich verlangten Organisationsform, verwerfen ja die Bundisten —) bleibt ebenso unklar, wie alle anderen „nationalen Enunziationen" des Bundes. In der Praxis wird wohl das Wort von der „Sektion" derart gedeutet daß der „Bund" nicht einmal den gewerkschaftlichen Zusammenschluß aller jüdischen Arbeiter zulassen will, sondern einfach „bundistische" Gewerkschaften gründet, die seiner Parteikasse einen Teil ihrer Beiträge zuführen müssen. Mit dem Eintritt des „Bundes" in die „Partei" wird auch diese goldene Zeit vorbei sein. Die „Partei" wird dem Bunde die Bedeutung der Forderung einer „parteilosen" Gewerkschaft (als gäbe es solche am Kontinent!) klar machen und das Aufgehen aller bundistischen Gründungen in den allgemeinen Reichsverbänden zweifelsohne durchsetzen. Die bundistischen Arbeiter werden gewerkschaftlich, in noch höherem Maße als politisch, dem Wirkungskreise des „Bundes" entzogen und der Moskauer oder Petersburger Zentrale unterworfen werden. Die einzige Gebieterin der Gewerkschaft und der Reichsverbände bleibt die russische „Partei", der der „Bund" keine eigene wirtschaftliche Organisation entgegenzusetzen in der Lage sein wird. Der „Bund" verzichtet durch seinen Eintritt in die „Partei" auf das stärkste Rückgrat einer proletarischen Gruppe. Sein Einfluß auf die jüdische Arbeiterschaft und in der „Partei" selber wird allmählich auf den Gefrierpunkt sinken. Nur wenn die russische „Partei" durch etwaige Mißerfolge an Macht und Ansehen einbüßen sollte, könnte es dem „Bunde" gelingen, auf Kosten ihrer Schwäche innerhalb der Parteiorganisation, wenn auch nicht auf Dauer, zum Einflüsse zu gelangen. Die „harten" bundistischen „Neinsager" scheinen es vorauszusehen, oder wenigstens zu ahnen. Sie werfen ihren „weichen" Parteigenossen vor, sich im Banne der „iskra-zionistischen Agitation"! zu befinden. Wenn sich aber beide Teile noch so kriegerisch und tapfer gebärden, wenn sie ihre Kapitulation vor der „Partei" den Einfältigen sogar als einen Erfolg vorspiegeln wollen, — es wird ihnen nicht gelingen, den Beobachter zu täuschen. Das neue Entwicklungsstadium, in welches einzutreten der „Bund" sich anschickt, ist das der langsamen Auflösung. DIE VI. GENERALVERSAMMLUNG DER PALASTINA¬ GESELLSCHAFT (CHOWEWE-ZION) IN ODESSA*) In Abwesenheit des Präsidenten, Herrn Abraham Grünberg, wurde die VI. Versammlung durch Herrn Dr. G. J. Himmel färb eröffnet, der auch den Rechenschaftsbericht für die letzten 3 Jahre erstattete. Er konstatierte, daß in Anbetracht der allgemeinen Lage in Rußland und besonders der Juden, die Einnahmen dieser Jahre bedeutend zurückgegangen sind, welcher Umstand zur Folge hatte, daß das Komitee nicht in der Lage war, die Bestimmungen der V. Generalversammlung voll durchzuführen. Anderseits wurde die Tätigkeit des Komitees noch dadurch gehemmt, daß die Ausgaben durch die vorige Generalversammlung prozentual festgelegt waren. „Da wir aber zufällig nicht in der Lage waren," erklärt Dr. Himmelfarb, „in diesen 3 Jahren genau so zu wirtschaften, wie es festgesetzt wurde, haben wir mit einem Defizit von über 9000 Rbl. abgeschlossen, während über 18 000 Rbl. in der Kasse unberührt liegen, weil wir kein Land kaufen konnten." Er bittet daher die Generalversammlung, zu gestatten, diese 18 000 Rbl. ins Aktivum zu übertragen und so das Komitee für nicht genaue Ausführung der Bestimmungen zu entlasten. Die Versammlung erteilt dem Komitee Decharge und wählt folgendes Präsidium: Ussischkin zum Vorsitzenden, LudwipoL Triwus und Schwarz mann zu Sekretären. Ussischkin begrüßt die aus ganz Rußland eingetroffener Delegierten und teilt mit, daß von vielen Nachrichten einliefen, daß sie wegen des nahe bevorstehenden Bahnstreiks ihr Haus nicht verlassen können. Damit sei auch die geringe Anzahl der Auswärtigen (85)**) zu erklären. Zudem sei noch die Panik, die überall herrscht, in Betracht zu ziehen. Darauf leitet Ussischkin die bevorstehenden Debatten über den Rechenschaftsbericht und über die Taktik des neu zu wählenden Komitees für die nächsten 3 Jahre ungefähr mit folgenden Worten, die hier im Auszug folgen, ein: Die Palästina-Gesellschaft wurde von Pinsker zum Zwecke begründet, die Wiedergeburt des jüdischen Volkes zu fördern. Das war der Gedanke, der unserer Gesellschaft zugrunde lag. Leider aber war diese Gesellschaft zu einseitig. Die Chowewe-Zion hofften Palästina nur durch Kolonisation zu erlangen. Alles andere hielten sie für *)Wir behalten uns vor, auf die Versammlung, über die wir den vorliegenden Spezialbericht vor Abschluß des Blattes erhielten, noch zurückzukommen. **) Abgesehen von den Teilnehmern aus Odessa. überflüssig. Die Folge davon war, daß der Chowewe-Zionismus zum Rachmones-Zionismus, zur Philanthropie, herabsank, weil man diejenigen, welche schon dort ansässig gemacht wurden, nicht verlassen konnte. Die besten der Chowewe-Zion gerieten in Verzweiflung und dachten, ihre Sache sei verloren. Da wurde vor 8 bis 9 Jahren eine mächtige Organisation — die zionistische — geschaffen, welcher genau derselbe Gedanke — die Wiedergeburt des jüdischen Volkes — zugrunde lag. Und wenn zwischen den beiden Strömmungen oft Mißverständnisse vorkamen, so war nicht das Endziel daran schuld, sondern die Ausführungsmethode. Das Palästina-Komitee dachte durch reale Arbeit in Palästina zu siegen. Das Leben zeigte, daß noch etwas anderes nötig ist, und das ist das, was das Prinzipielle des politischen Zionismus ausmacht. Schließlich kam man doch so weit, daß die beiden Strömungen sich fast vereinten, indem der VI. Kongreß die Palästina-Kommission schuf, während der VII. Kongreß die reale Arbeit in Palästina anerkannte. Das erste Wort zur allgemeinen Taktik erhält Dr. Raimist, der den Vorschlag macht, das Komitee solle sich in den nächsten 3 Jahren nur mit Schulen und Informationen befassen, zu welchem Zwecke es mit anderen analogen Gesellschaften Hand in Hand gehen soll. Eine weitgehende Tätigkeit mit großen Plänen hält er für undurchführbar aus Mangel an Geld. Darauf spricht der greise Vertreter des Chowewe-Zionismus, Herr Lilienblum: Das Unglück des Palästina-Komitees ist es, daß wir uns mit Philanthropie befassen, daß uns große Gesichtspunkte fern blieben. Das ist das Geheimnis unserer Armut. Als wir diese Gesellschaft schufen und weitgehende Wiedergeburtspläne im Auge hatten, waren unsere Einnahmen in zwei Monaten ebenso groß, wie jetzt in einem Jahre (54000 Rubel). Wenn wir den Antrag Raimist annehmen, so bleiben wir bei der alten Philanthropiepolitik und sinken zu einer großen Talmud-Thoragesellschaft herab. Wir müssen uns mit Landankauf befassen. Nur ein weitgehendes Programm kann unser Budget wieder auf den alten Stand bringen und noch viel größer machen. Drujanow stellt sich auf den Standpunkt Raimists und betont, daß es lächerlich wäre, mit diesen kleinen Geldmitteln große Pläne ausführen zu wollen. Wir müssen dem Komitee unsern wärmsten Dank aussprechen, daß es ihm gelungen ist, mit diesem

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