Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 34 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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ein, und ist in seiner Tätigkeit durch keine Rayongrenzen eingeschränkt. 2. Der „Bund" akzeptiert das Programm der R. S.-D. A.-P. 3. Alle Bestimmungen des gemeinsamen Parteitages sind für den „Bund" bindend. 4. Innerhalb der Grenzen der Parteitagsbeschlüsse der R. S.-D. A.-P. behält der „Bund" seine Selbständigkeit in Organisation, Agitation und Propagandafragen. Diese Bestimmungen können erst dann richtig gewürdigt werden, \ enn wir auf die Organisationsbeschlüsse des Parteitages hinweisen,; Iis denen klar hervorgeht, daß die Lokalkomitees von allen Parteingehörigen (einer Ortschaft) ohne Unterschied der Nationalität in Vollversammlungen gewählt werden. § 6 der „Ausgleichs"-Belimmungen lautet: „Alle lokalen Organisationen (der „Partei") bilden auf Grund von allgemeinen Wahlen, ohne Unterschied der Nationalität der Parteimitglieder, ein einziges leitendes Lokalkomitee." Die jüdischen Arbeiter entsenden also in die Exekutivorgane er Partei keine separaten Vertreter und können, da nicht einmal i roportionalwahlen vorgeschrieben sind, von nichtjüdischen Genossen : lajorisiert werden. Die bundistischen Lokalkomitees und Parteionferenzen, die erhalten bleiben, haben gar keine exekutive 1 ewalt, denn die „Bundisten" unterstehen in jeder Beziehung den tssischen Komitees, ebenso wie alle andern organisierten Arbeiter. : <ie ganze Organisation des „Bundes" schrumpft also zu einem ei willigen Verbände von jüdischen Mitgliedern der russischen irtei zusammen, die für eine intensivere Agitation unter der dischen Arbeiterschaft Sorge tragen. Punkt 9 der Vereinbarung mstatiert das Aufgehen des „Bundes" in der russischen Partei, da den Verzicht desselben auf eine eigene Vertretung auf den in- : rnationalen sozialistischen Kongressen festlegt: „In die Delegation der R. S.-D. A.-P. zu den internationalen Kongressen :tsendet der „Bund" keine Vertreter." Der „einzige Vertreter des i dischen Proletariats" wird dasselbe auf den internationalen Konessen gar nicht vertreten. Die paar „Bundisten" werden als Mit- 'eder der russischen Delegation, d. h. als russische und nicht als dische Sozialdemokraten gelten. Die Bundisten gedenken gar nicht •n dem bemerkenswerten Beschlüsse des internationalen Bureaus,;r die Vertretung auf den Kongressen auf eine neue, und zwar i-tionale Grundlage stellt, Gebrauch zu machen. Das internationale »zialistische Bureau hat nämlich bei seiner letzten Sitzung (im ■arz 1906) beschlossen, das Vertretungs- und Abstimmungsrecht if den Kongressen den sozialistischen Organisationen der Nationen id nicht mehr — wie es bisnun gewesen — der Staaten zugestehen.- Als eine Nation wurde „eine Bevölkerungsgruppe" i efiniert, die „unter einer Regierung" steht. Als die polnischen >zialisten gegen diese willkürliche Bestimmung heftigen Protest hoben (besonders regte sich über dieses den Polen zugefügte •irecht der „Pole" Dr. Diamant auf), wurde der Zusatz angenommen,!) das Bureau „auch ausnahmsweise eine solche Bevölkerungs- .ippe als eine besondere Nation anerkennen (darf), deren Streben eh Selbständigkeit und deren geistige Einheit als Folge einer lgdauernden historischen Tradition anzusehen sind, mag sie auch - er einer der verschiedenen Regierungen stehen." So das rnationale Bureau. Man sollte glauben, der „Bund" werde Grund dieses Beschlusses auch vom internationalen Bureau ine Anerkennung, als „des einzigen Vertreters des jüdischen oletariats" verlangen. Er hat aber von vornherein darauf verhtet, sogar einen Versuch in dieser Richtung zu unternehmen. :,iem etwaigen Bestreben der poale-zionistischen Partei, das jüdischzialistische Proletariat auf den internationalen Kongressen zu vereten, wird der „Bund", wie bestimmt vorauszusehen ist, verzweifelten Widerstand leisten. Die Taktik des „Bundes" ist daher ein freiwilliger (oder von der russischen Partei erzwungener) Verzicht auf die Anerkennung der jüdischen Nation von der sozialistischen Arbeiterschaft. Wir wollen diesen neuerlichen Beweis der nationalen Kleinmütigkeit des „Bundes" nicht weiter qualifizieren. Der „Bund" handelt entweder im Geiste seiner Doppelpolitik der unklaren nationalen Enuntiationen und entschieden antinationalen Taten, oder aber ... er will einmal konsequent und loyal sein: da er vom „Streben zur Selbständigkeit" (gemeint ist natürlich zur nationalen) und von einer „langdauernden historischen Tradition" nichts wissen will, so steht ihm auch gar kein moralisches Recht zu, sich um die Vertretung des jüdischen Proletariats auf den internationalen Kongressen zu bewerben. Dieses Recht können ausschließlich diejenigen proletarischen Parteien haben, die das Streben zur nationalen Unabhängigkeit als ihre Aufgabe ansehen. Kehren wir aber zu unserem eigentlichen Thema zurück. Keine nationale Organisation, keine Föderation, keine exekutive Gewalt der Lokal- und Zentralkomitees, kein Einfluß auf die Redaktion der Parteiorgane, das sind die Errungenschaften des „Bundes" am Friedens- Parteitage. Die Demütigung der einmal so stolzen Organisation wird um so krasser, wenn man den Eintrittsbedingungen des „Bundes" diejenigen der „Sozialdemokratie Polens und Littauens" entgegenstellt. Die polnische Partei wird als eine territoriale Organisation der russischen Partei anerkannt. Sie leitet die Bewegung auf ihrem territorialen Gebiete (Polen), und niemand darf in Polen als der russischen Partei angehörig betrachtet werden, wenn er nicht der „S.-D. P. u. L." beigetreten ist. Die polnische Sozialdemokratie ist also wirklich die einzige Vertreterin aller in Polen und Littauen wohnenden Proletarier. Sie behält auch ihre Sondervertretung auf den sozialistischen Kongressen. Die Niederlage des „Bundes" angesichts dieser auf demselben Parteitage den Polen gemachten Zugeständnisse erscheint nicht nur als vernichtend, sondern für das Selbstbewußtsein eines jüdischen Sozialisten, wenn auch eines Gegners des „Bundes", direkt als demütigend. Trotzdem unterliegt es keinem Zweifel, daß die harten Bedingungen von dem bevorstehenden bundistischen Parteitage akzeptiert werden. Lassen wir den Herrn Medem, der sich als prinzipieller Gegner der Kompromißbestimmungen vorstellt, die Gründe für den Eintritt in die „Partei" anführen. Allerdings, Herr Medem ist ein Meister der Andeutungen: „Die Lage des „Bundes" im jüdischen Leben hat sich geändert", meint er diplomatisch. Die bürgerlichen Parteien sind erstarkt und gehen zum Angriff über. Es gilt, die frühere Popularität zurückzugewinnen. Von der Fusion mit der russischen Fartei wird dieses Wunder erwartet. „Je angesehener und einflußreicher der „Bund" als politische Macht im Reiche ist, um so größer seine Attraktionskraft für die jüdischen Massen" . . . Übersetzt. in eine weniger diplomatische Sprache heißt es folgendes: Der „Bund" ist nicht mehr die einzige revolutionäre Partei im jüdischen Volke. Die guten alten Zeiten sind vorüber. Die Sozialzionisten und Sozialterritorialisten bereiteten dem „Bunde" mehr als eine Niederlage, und die schüchterne, finanziell nicht zu unterschätzende Unterstützung der jüdischen Bourgeois, die den „Bund" in ihr Herz geschlossen, jetzt aber sich den „Kadetten" zuwenden, beginnt zu versagen. Die „Isoliertheit" des Bundes, wie Herr Medem den Hauptbeweggrund zur Vereinigung bezeichnet, oder das „Gefühl der Ohnmacht*', wie sein „harter", aber offenherziger Parteigenosse, Herr Selz er, in demselben Blatt sagt, zwingen den „Bund", seine Schwäche hinter die Autorität und die erhofften Erfolge der russischen Sozialdemokratie zu verbergen. Dazu ist die Vereinigung unbedingt notwendig. Als selbständig handelndes Organisationsgebilde, als eine der russischen Parteikonferenz nicht unterstehende jüdische Partei --- wird der „Bund" verschwinden. Aber nicht die Organisationsfrage allein ist es, die ihm den Boden untergräbt. Die Gewerkschaftsfrage übt in viel höherem Maße ihren zersetzenden Einfluß auf die Machtstellung des „einzigen Vertreters des jüdischen Proletariats". Seit den Oktobertagen entstehen in Rußland Gewerkschaften und Branchenorganisationen.