Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 34 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316221--48441-3343370- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIE ungesetzlich aufgehoben wurde. Nun wäre ja alles so schön gewesen, aber es hat doch nicht sollen sein! Allerdings ist diesmal daran nicht die russische Polizei, sondern Japan schuld, dem seit dem August vorigen Jahres die Festung Port Arthur, sowie die ganze Kwantung-Halbinsel laut dem Friedensvertrag von Portsmouth abgetreten wurde. . . . ELT No. 34 Die einzige Folge dieser hochwichtigen „Entscheidung" war für Herrn Kr. die zwangsweise Beitreibung durch die Polizei von 5 Rubel 86 Kop. an Kanzleigebühren!" Und von dieser Zopfbureaukratie, von diesen „Halsabschneidern", an deren Spitze jetzt Herr Stolypin steht, sollen die Juden ihre Rechte erwarten! DES „BUNDES" GLUCK UND ENDE Von S. KAPLANSKY-KAPLAN (Wien) Der „Bund" hat nun seine Ja- und Neinsager. Der innere Bruderzwist hat die scheinbar festgefügte Organisation in zwei feindliche Lager getrennt und konnte schließlich auch den Außenstehenden nicht verheimlicht werden. Die Frage des Wiedereintrittes in die R. S.-D. A.-P. (Russische soz.-dem. Arbeiterpartei, kurz auch „Partei" genannt) hat es den Bundisten angetan, und sie, nach der landläufigen Terminologie, in „weiche" (Zustimmende) und „harte" (Intransigente) gespalten. Noch vor wenigen Jahren schien der „Bund" den Höhepunkt seiner Machtentfaltung erreicht zu haben. Im Bewußtsein seiner organisatorischen Stärke setzte er sich im Jahre 1903 über die allerschwersten Bedenken hinweg und löste sich von der soz.-dem. Arbeiterpartei los. Das war eine Konzession an die „sich immer mehr nationalisierenden" Massen. Zwar hat sich die alles Nationale verpönende Taktik des „Bundes" auch nach der Aufstellung der national-kulturellen Postulate (im Jahre 1900) nicht im geringsten geändert, doch ist er dadurch wenigstens offiziell zu einer nationalen Organisation geworden, und ein weiteres friedliches Zusammenleben mit der ausgesprochen assimilatorischen russischen Partei wurde unmöglich. Die theoretische Position des „Bundes", die durch die poalezionistische Analyse der jüdischen ökonomischen Wirklichkeit schon damals sehr bedenklich wurde, erfuhr durch die schroff ablehnende Haltung der russischen Genossen gegenüber jeder nationalen Regung der jüdischen Arbeiterschaft eine starke Schwächung. Allein die quantitative Schwäche der „Iskra"-Organisation im Jahre 1903 ließ die Isolierung des „Bundes" als eine geradezu glänzende erscheinen. Das Zentralkomitee versäumte auch nicht, durch entsprechende Berichterstattung in der europäischen Presse den „Bund" als die größte und leistungsfähigste revolutionäre Partei Rußlands hinzustellen. Das war er auch vielleicht, solange die revolutionäre Tätigkeit in der Drucklegung und Verbreitung von „Proklamationen" und Broschüren bestanden hat. Herr Medem, ein bundistischer Wortführer, gibt jetzt selber zu, daß „die Rolle einer selbständigen politischen Partei, die auf eigene Faust* Revolutionen macht", vom Bunde selbst als ein Widerspruch empfunden wurde; denn in der Wirklichkeit war er bloß „eine Gruppe" — eine grandiose Gruppe — für politische Selbstbildung und revolutionäre Erziehung!*) Aber er unternahm es trotzdem, die Rolle einer selbständigen Partei zu spielen. Die im Jahre 1905 ausgebrochene Revolution änderte sehr bald die Situation. Wohl fand sie das jüdische Proletariat (unter der Führung nicht bloß des „Bundes", sondern auch der poalezionistischen Partei, im Süden Rußlands sogar ausschließlich unter der Leitung der letzteren) kampfbereit. Aber die natürliche Schwäche der jüdischen Arbeiterschaft, die über keine wichtigen Fäden des wirtschaftlichen und Verkehrslebens Rußlands verfügt, verurteilte den „Bund" zu einer sekundären Rolle in den großen Tagen der abgelaufenen Revolutionsepoche. Ja, die fähigsten Führer des „Bundes", wie das Beispiel des angeblichen Präsidenten der „lettischen Republik" — Maxime — zeigt, befriedigten ihre Betätigungslust außerhalb der eigenen Organisation und ihres natürlichen Wirkungskreises. *) „Unser Wort" (russisch), Wilna 1906. Nr. 3. Die revolutionäre Woge hob dagegen die russische soz.-dem. Partei auf eine ungeahnte Höhe, die glorreichen Oktobertage stellten die Leistungsfähigkeit des „Bundes" in den Schatten. Solange er noch am alten Ruhme einer revolutionären Avantgarde zehrte, konnte er darauf rechnen, mit der russischen Partei wie Macht zu Macht zu verhandeln; nun mußte er sich beeilen, Frieden zu schließen. Und der „Bund" trat den geordnetsten Kuropatkinschen Rückzug an. Was verlangte der „Bund" auf dem 2. Parteitage der russischen Sozialdemokratie und was wurde ihm verweigert? Eine föderative Umgestaltung der Parteiorganisation und die Anerkennung des „Bundes" als des „einzigen Vertreters des jüdischen Proletariats". Ist die letzte Forderung, die bereits sprichwörtlich geworden ist, eine bloß moralische, ist das eine Redefloskel oder ein greifbarer organisatorischer Vorschlag? Wenn das Gerede über den „alleinigen Vertreter" keine phrasenhafte, den Tatsachen gar nicht entsprechende Prahlerei, sondern eine ernstgemeinte Forderung sein sollte, so konnte diese von der 5. Konferenz des „Bundes" aufgestellte These nur den Sinn und den Zweck haben, die russische Sozialdemokratie zu bewegen, das Prinzip der nationalen Gliederung, ähnlich der österreichischen Organisationsform, zu akzeptieren, wobei der „Bund" die nationale Organisation der jüdischen Sozialdemokraten werden sollte. Herr Medem meint auch, daß der „Bund" für „nationale soz.-dem. Organisationen im Rahmen einer geeinigten soz.-dem. Landesorganisation" eintrete. *) Die Notwendigkeit einer separaten jüdischen Arbeiterorganisation begründete der Vertreter des Bundes am 2. Parteitag (Liber) durch die eigenartigen sozialen Verhältnisse im Judentum. Der „Bund" hatte aber nicht den Mut, aus dieser Tatsache die Konsequenzen zu ziehen und einzugestehen, daß die Wechselwirkung der sozialen Kräfte im Judentum das jüdische Proletariat vor besondere Aufgaben stellt, — ein Zugeständnis, aus welchem die Berechtigung einer Sonderorganisation wohl ohne weiteres hervorgeht, das aber freilich ein theoretisches Zugeständnis an den Zionismus gewesen wäre. Die Furcht vor etwaigen zionistischen Schlußfolgerungen bestimmte den „Bund" auf das einzig logische Argument für die Notwendigkeit einer jüdisch-proletarischen Sonderorganisation zu verzichten, so daß seine Gegner von der russischen Bruderpartei leichtes Spiel hatten. Sie folgerten aus der vom „Bunde" nicht bestrittenen Identität der Interessen und Aufgaben der jüdischen und nichtjüdischen Proletarier die Notwendigkeit einer einheitlichen Organisation und sprachen dem „Bunde" überhaupt jede Existenzberechtigung ab. So weit gingen allerdings nur die assimilierten „Iskra"- Juden. Das war der Streit, der den Bruch hervorgerufen hat. Wie sieht nun das am Friedens-Parteitag nach dreijährigem Hader abgeschlossene Kompromiß aus? Die Forderung der Anerkennung des „Bundes" als des „einzigen Vertreters des jüdischen Proletariats" ist. vom „Bunde" selbst fallengelassen worden. Die Verständigung lautet also**): 1. Der „Bund" tritt in die Russ. soz.-dem. Arb.-Partei als eine sozialdemokratische Organisaton des jüdischen Proletariats *) Unser Wort (Nr. 1). **) „Der jüd, Arbeiter" Nr. 17. 1906. Krakau.