Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 34 (24.8.1906)
- Date
- 1906-08-24
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE^ELT No. 34 auferlegt, mit Ernst und Eifer darüber zu beraten, auf welchen Bahnen sie die Bewegung führen sollen, sie haben das Recht, von allen Zionismen die persönliche Hingabe, den Einsatz der besten Kraft zu fordern, für die Durchführung dessen, was sie als nützlich für die Bewegung erkannt haben. Wahrheit und Klarheit gegen sich, gegen uns — in diesem Zeichen heißen wir dieTeilnehmer der Jahreskonferenz vom Herzen willkommen! Mitteilungen zur Jahreskonferenz Ihre Teilnahme an der Jahreskonferenz haben noch folgende Herren angemeldet: N. Sokolow, z. Z. London, Bezalel Jaffe (aus Palästina), M. Feldstein, Warschau, H. Grünau-Grünzweig, Antwerpen, J. Moser, Bradford, O. Marmorek, Wien, J. Kremenezky, Wien, Rabbiner Rabbinowitz (jetzt Liverpool), Dr. A. Idelson, Petersburg. % * * Der Kommers der zionistischen Ortsgruppe Köln wird am Mittwoch, den 29. ds., abends 9 Uhr, in dem großen Saale der Lesegesellschaft stattfinden. * * * Am 27. August d. J. findet in Köln im Anschluß an die Jahreskonferenz eine Sitzung des Zentralkomitees der Zionistischen Vereinigung für Deutschland statt. _ Montag den 27. August findet in Köln im Laufe des Nachmittags eine Sitzung der vom 10. Delegiertentage deutscher Zionisten zu Hannover gewählten Kommission zur Prüfung des die Gründung einer nationaljüdischen Tageszeitung betreffenden Antrags statt. Ort und Stunde werden vom Zentralbureau bekannt gegeben werden. * * * Gelegentlich der Jahreskonferenz versammeln sich die Mitglieder der Propagandakommision zu einer Sitzung, deren Zeit und Tagesordnung durch Anschlag im Sitzungslokal der Jahreskonferenz bekannt gegeben werden wird. oo ooo POLITISCHE REVUE Der letzte Rest Der letzte Rest der jüdischen Kultur — geht auch der zu Grunde? Ist es möglich, daß eine Sprache, die Jahrtausende lang die Verkörperung des Tiefsten war, was die jüdische Volksseele in sich barg, vergessen werde? Ist es möglich, daß der letzthin so starke Aufschwung, den die hebräische Sprache und Literatur erlebt haben, nur das letzte Aufflackern einer absterbenden Flamme war? Wie ein Ruf der inneren Verzweiflung klingen diese Fragen, die allenthalben von den hebräisch-schreibenden und lesenden Juden gestellt werden. R. Brainin, einer der bedeutendsten hebräischen Schriftsteller, formulierte neulich diese Fragen in verzweiflungsvollen Sätzen. Er schrieb in der neuen hebräischen Zeitung „Hajom" u. a.: „Außer dem materiellen, ökonomischen, politischen Ruin unseres Volkes, haben wir noch einen andern Ruin zu verzeichnen — einen großen, tiefen, furchtbaren ... Er ist der Ruin der hebräischen Literatur, der hebräischen Sprache. Und wer ist Schuld daran? Wir! Das ganze jüdische Publikum, das gesamte Volk! . . . Die hebräische Literatur ist im letzten Jahre wie von einem jähen Tode dahingerafft worden, sie stieg plötzlich von der Lebensbühne hinab. . . . Gestern hatten wir eine hebräische Sprache, eine hebräische Literatur — heute haben wir nichts mehr. . . . Erst gestern hatten wir hebräische Schriftsteller, hebräische Journalisten, eine hebräische Tribüne, ein hebräisches Heiligtum — und hebräische Leser und Hörer. Wir erwachten — und alles verschwand. Und in unserer Welt ist es still geworden: Niemand trauert, keine Seele weint über den moralischen Ruin, über die geistigen Leichen, über den Brand der jüdischen Seele .... Für jeden Verein, für jede Stiftung, für jede Idee innerhalb des Judentums gibt es Mäcene, Förderer, Propagandisten, — aber für die jüdische Literatur, für unsere ureigene Seele gibt es nichts. Für alle Ruinen des Judentums gibt es Wiederaufbauer — aber bei der Zertrümmerung des Geistes in Israel gibt es keinen Fürsorger. . . Ohne hebräische Sprache und Literatur, ohne eine Literatur der Gegenwart, die ein Produkt und ein Echo des Lebens wäre — gibt es keine Wiedergeburt des Volkes. . . ." Sind diese Klagen berechtigt? Ist der Ruin wirklich so groß, so irreparabel? Und wo sind die Ursachen zu suchen? Kann man wirklich unser Volk beschuldigen, daß es seinen ureignen nationalen Kulturbesitz ohne Federlesens von sich abgeschüttelt hat? Wir wollen hier nicht auf die Ursachen der Erscheinung eingehen. Daß aber die hebräische Literatur wirklich vollständig darniederliegt — ist leider eine Tatsache. Auch die Jargonliteratur leistet keinen Ersatz. Wo ist unser Volksgeist? Wo sind die Formen, in denen er seinen Ausdruck findet? Natürlich kann man von einem Volke, das unter solchen Bedingungen lebt, wie die Juden in Rußland, nicht verlangen, daß es eine große Literatur erzeuge. Aber ist es nicht eine traurige Erscheinung, daß in der Judenschaft der ganzen Welt sich kein Finger rührt, um die nationale Kultur zu erhalten? War es wirklich der letzte Rest, die letzte Schar, die im Judentum eine Kultur schaffen wollten? Und all diesen Fragen steht eine klare Antwort gegenüber: Ohne Volksfreiheit keine Volkskultur. , , f , In der Mitte des vorigen Die Lage der Juden in Pinnland T , , , . .., , , Jahrhunderts wahrend der Revolutionszeit, die in Europa die neuen Staatsformen erzeugte, haben es die allgemein-philosophischen, humanistischen Prinzipien zustande gebracht, daß auch die Juden „emanzipiert" wurden. Zweifelsohne betrachten die Junker und sonstigen Antisemiten Westeuropas diese „überstürzte Befreiung" für einen Ausfluß des schädlichen, törichten Humanitätsdusels, ebenso wie es in Frankreich in gewissen Kreisen seit Taine Sitte geworden ist, die berühmte Nacht, als die französische Nationalversammlung einstimmig alle Privilegien und Kastenunterschiede aus der Welt schaffte, für eine tolle Nacht zu halten. Aber unsere Zeit scheint von dieser „Humanität" frei zu sein. Was früher undenkbar war — eine erfolgreiche Revolution ohne Emanzipation aller Bürger — ist jetzt eine Tatsache. Wir sehen es an Finnland. Diesem Lande ist es gelungen, sich vom Joche des russischen Absolutismus zu befreien — aber es dachte nicht daran, nicht einmal im Taumel der Freude, den Juden, die in Finnland noch weniger Rechte haben, als in Rußland, Bürgerrechte zu verleihen. Wie es jetzt mit den Juden im Lande der „Tausend Seen" steht, belehrt uns folgende Meldung: Der Gouverneur von Wiborg, Geheimrat von Rechenberg, hat, wie die Wiborger Zeitung „Ostra Finnland" berichtet, schon vor mehreren Wochen den Villenbesitzern im Gouvernement bei einer Strafe von 100 Mk. verboten, ihre Villen oder Zimmer in ihnen an Personen mosaischer Konfession aus Rußland zu vermieten, ehe diese