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Die Welt · 1906-08-17 · 33 (17.8.1906) · page 15

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
33 (17.8.1906)
Date
1906-08-17
Page
– (sequence 15)
Language
German
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No. 33 DIE3^ELT 17 einstimmig beschlossen, eine fünfgliedrige Kommission mit Zuwahlsrecht zur nochmaligen Durchprüfung aller Angebote und Projekte einzusetzen, derselben der Auftrag gegeben, eventuell Expeditionen auszusenden und die Weisung erteilt, ihren Bericht, von dem unter allen Umständen die definitive Entscheidung des Rates abhängig gemacht wird, spätestens im Frühling 1907 abzustatten. Auf den Antrag der Herren Cyrus Sulzberger-New-York, Phineas Levi-Birmingham und Rechtsanwalt Jasinowski-Warschau wurde die Ernennung dieser Kommission, der die maßgebendsten Führer der Judenheit aller Länder angehören sollen, einstimmig dem Präsidenten übertragen. Das Angebot eines Beitrages von 400 000 Mk. seitens des bekannten englischen Bodenreformers und Philanthropen Joseph Fels, für eine Itoniederlassung unter der Bedingung des Gemeinbesitzes an Grund und Boden wurde dem Exekutivkomittee überwiesen, wobei der Internatiohalrat seinen herzlichsten Dank für das hochherzige Geschenk ausdrückte. * * * Dies der Inhalt des Communiques, das den deutsch-jüdischen Blättern über die erste Jahreskonferenz der „Ito" genannten Jewish Territorial Organisation zur Verfügung gestellt wurde. An positiven Tatsachen ist diesem Communique so gut wie nichts zu entnehmen. Über den Umfang der Organisation wird nichts berichtet, die Zahl der Delegierten und die Gruppen, die sie entsandt haben, werden nicht genannt. Die meisten Delegierten — neue Namen sind unter ihnen nicht zu finden — waren wohl aus eigenem Antrieb und auf ihre Verantwortung, nicht als Vertreter von Gruppen,, erschienen. Daß z. B. — um nur eine Stichprobe zu machen — der Delegierte für Deutschland keine einzige Gruppe vertreten konnte, (da es eine solche nicht gibt) wissen auch oberflächliche Kenner der Verhältnisse. Soweit das besondere territoriale Ziel der „Ito" in Betracht kommt, wird nichts Neues gemeldet. Wir könnten höchstens hier einen Augenblick bei der im Berichte registrierten Äußerung der Mrs. Auerbach über ihre „Studienreise" durch Ostafrika verweilen. Man muß immerhin die Kühnheit bewundern, mit der die Dame dem Bericht einer Kommission von erprobten Fachmännern entgegentritt, noch erstaunlicher aber ist die Tatsache, daß der Internationalrat sich mit den Schlüssen, die aus einer solchen „Studienreise" gezogen werden, durch die kritiklose Wiedergabe in seinem offiziellen Communique identifiziert. Über Charakter und Art der sonstigen dem Internationalrat vorliegenden „Landangebote" wird keine Andeutung gemacht. Die Aufklärung darüber — ist bis zum Frühjahr 1907 verschoben. Ein neues jüdisches Theater in Galizien Das jüdische Theater war seit jeher ein Zankapfel für alle, die es als einträgliches Objekt ausnützen wollten. Man scheute keine Mittel, um eine Konzession für die Leitung eines jüdischen Theaters zu erlangen. Kaum hatte man sie in Händen, da hatte man eine unversiegbare Einnahmequelle und gebot über die Existenz von mehreren Familien, die just an einen Direktor gebunden waren. So war es zur Zeit, da ganz Galizien nur ein jüdisches Theater hatte und der Leiter desselben, Herr Gimpel, sozusagen ein Alleinherrscher war. Jetzt ist es anders. Mehrere Personen sind im glücklichen Besitze einer amtlichen Bewilligung, sich Direktor nennen zu dürfen und mit einer größeren oder kleineren Truppe in Galizien herumzureisen. Also kein Alleinherrscher mehr, was den einzelnen, nur halbwegs befähigten Schauspielern insofern zugute kommt, daß sie nicht mehr für einen minimalen Lohn sich abhetzen müssen, ein gewöhnlicher Konkurrenzkampf, der, wie alle ähnlichen materiellen Kämpfe, seine Licht- und Schattenseiten hat. Moralisch und geistig hat sich das jüdische Theater in Galizien gar nicht gehoben. Man führt noch immer die alten Schundstücke mit immer schwächeren Kräften auf, weil die besseren Schauspieler nach Amerika auswandern, wo sie nach Gebühr bezahlt werden. Und ein Direktor rechnet es sich als besondere Geschicklichkeit an, mit Statisten oder wie es hier technisch bezeichnet wird — mit Hopfenstangen — ein dem Schreiber gegenüber, gehörtes Selbstlob eines Direktors — auf die Bühne gestellt, seinem Publikum Geld und Beifall zu entlocken. Es war nie seine Sache, auf eine Hebung der jüdischen Bühne irgendwie bedacht zu sein. Ratschläge, die ihm in dieser Richtung von berufenen Kritikern und Schriftstellern erteilt wurden, wies er zurück, mit der höchst originellen Motivierung, er begreife nicht, wie Fremde in sein Geschäft sich einmengen wollten. Man ersieht also aus den wenigen Beispielen, daß ein Direktor mit derartigen Anschauungen nicht berufen ist, die jüdische Bühne auf die Höhe zu bringen, die sie jetzt eigentlich einnehmen müßte. Wir begrüßen es daher mit Freuden, daß es unserem Gesinnungsgenossen Herrn Moses Richter gelungen ist, die Konzession für ein jüdisches Theater zu erlangen. Herr Richter ist bereits in der jüdischen Theaterwelt als begabter Dramatiker bekannt. ^Er hat sich mit einigen Dramen eingeführt, welche unbedingt eine Übergangsepoche für die Moderne bezeichnen. Ihm gebührt vor allem das Verdienst, den üblichen Hanswurst von der Bühne — in seinen Dramen wenigstens — verscheucht zu haben. Er hat auch das häßliche „Deutschsprechen" aufgehoben. Seine Stücke sind in einem reinen Jüdisch gehalten, und es ist entschieden zu erwarten, daß ein Mann mit derartigen Fähigkeiten die Leitung eines so wichtigen Kulturwerkes, wie die jüdische Bühne es ist, zu mehr als geschäftlichen und nur materiellen Erwerbszwecken ausbeuten wird. M. Altjüdische Ruinen in Bulgarien In der alten Zaren- und Krönungsstadt Tirnova sind bei den Erdarbeiten für den Bau eines Bahnhofes die Überreste eines uralten jüdischen Friedhofes bloßgelegt worden, wobei man nicht nur auf menschliche Skelette gestoßen ist, sondern auch goldene und silberne Schmucksachen in bedeutender Anzahl zutage gefördert hat; die Auffindung von Grabsteinen mit jüdischen Namen in hebräischen Schriftzügen läßt keinen Zweifel darüber zu, daß man es hier tatsächlich mit den Überresten jener bedeutendsten der jüdischen Kolonien aus der Zeit der selbständigen Zaren zu tun hat, deren Bestehen bulgarische Chroniken erwähnen, über deren genauere Lage man aber bisher keinen Nachweis besaß. Tirnova spielte zurzeit der unabhängigen Zaren von Bulgarien eine große Rolle in der Geschichte der bulgarischen Juden. Der Zar Iwan Alexander von Bulgarien heiratete nämlich im Jahre 1335 eine schöne Jüdin aus Tirnova, Sara, die nach der Taufe den Namen Theodora, die „neuerleuchtete Zarin und die einzige Stütze aller Bulgaren und Griechen", erhielt. Theodora verband mit einer hervorragenden Schönheit einen starken und herrischen Verstand und war die eigentliche Leiterin des bulgarischen Reiches. Als nun Zar Iwan alt wurde, teilte Theodora, die zwei Kinder, einen Sohn Iwan Tschitschman und eine Tochter Tamara hatte, das Reich unter ihren Sohn und die anderen Söhne des alten Zaren, so daß ihrem Sohne ein Teil Bulgariens zufiel, mit Tirnova als Hauptstadt. Im Jahre 1346 wurde Iwan Tschitschman, der Sohn einer Jüdin, Zar von Bulgarien. Er favorisierte die Juden, und unter seiner Herrschaft bildeten sich Judengemeinden in Nicopolis, Plevur, Widdin, die meistens aus den aus Ungarn vertriebenen Juden bestanden. Nach dem Tode Iwans brachen in Tirnova Unruhen gegen die Juden aus, so daß diese sich nach Nicopolis begeben mußten. Die Funde, die nun in Tirnova an den Tag gefördert werden, werden über dunkle Zeiten Aufschluß geben können. Schiffahrt auf dem See Qenezareth Ein kleines Dampfboot ist, wie man mitteilt, im See Genezareth vom Stapel gelassen worden, das die Verbindung zwischen der Eisenbahnstation Semakh (Samach) am See mit dem nordwestlich davon liegenden Tiberias noch in diesem Monat herstellen soll. Semakh ist Station der von Haifa (am Meer am Fuße des Karmel) ausgehenden Linie, die bei El Muzerib die große Mekkabahn erreichen wird. Auch spricht man von einer Eisenbahn Jerusalem—Nablus— Jenin (Dschenin, Engannim) mit Anschluß an die Haifalinie bei Afuleh, von wo Nazaret leicht und nahe zu erreichen ist. Die Untersuchung über die Bjelostoker Greuel Petersburg, 14. August. Die Parteilichkeit bei der Untersuchung über die Bjelostoker Greuel wird durch folgendes charakterisiert. Untersuchungsrichter Bokitko verweigerte die Protokollierung der Aussage des verwundeten Lunskij, der erklärte, Oberst Schröter habe ihn, den Schutzsuchenden, auf dem Bahnhof mit gezogenem Säbel trotz seiner schweren Kopfwunde seinen Peinigern zugetrieben. Lunskij verlangt Remedur. Von der Odessaer Universität Odessa, 14. Aug. Der Rat der hiesigen Universität beschloß, bei dem Ministerium die Zulassung sämtlicher jüdischer Studenten zu beantragen, die zu Beginn des neuen Semesters um Zulassung zum Universitätsstudium bitten.

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