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Die Welt · 1906-08-17 · 33 (17.8.1906) · page 14

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
33 (17.8.1906)
Date
1906-08-17
Page
– (sequence 14)
Language
German
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16 DIEEaEELT No. 33 Jahre verlaufen sind, doch mit dem Brief nach Brody ginge und versuchte, die Männer zu finden, an die er einst geschrieben wurde. Vielleicht, daß er selbst heute noch sein Gutes zu stiften vermag." Und er vergaß der Not und Bitterkeit in seinem eigenen Hause, und sein Herz erhob seine Füße. So ging er mit dem Briefe nach der Stadt Brody. Als er müde und erschöpft dort ankam, begab er sich, da es ihm an Zehrgeld um eine Herberge aufzusuchen, mangelte, nach der Art der Armen in das Lehrhaus. Hier wandte er sich an einige alte Männer mit der Frage^ welches vor siebenzehn Jahren die Vorsteher der Gemeinde gewesen seien. Da nannten ihm die Leute nach etlichem Besinnen ein paar Namen, die aber nichts mit denen, die auf dem Briefe standen, gemein hatten. Er zog das Schreiben hervor und nannte die Namen, die da aufgeschrieben waren, und fragte die Alten, wann die Männer dieses Namens Vorsteher gewesen seien. Der Älteste unter ihnen besann sich und sprach: „Ich denke seit fünfundsiebzig Jahren aller Juden, die Vorsteher unter uns waren, mein Gedenken ist trotz meines hohen Alters hell wie ein klares Wasser, aber ich weiß, daß in all dieser Zeit keiner dieses Namens das Amt bekleidet hat." Da mengte sich ein anderer in die Rede und sagte: „Es gibt wohl zwei junge Leute in unserer Stadt, die sich so benennen, aber sie sind kaum der Lehrzeit entwachsen und jungvermählt und haben noch keine Würde unter uns besessen." Ein dritter rief unter Lachen: „Nun, gedulde dich ein Weilchen, soeben werden im Gemeindehause die Namen unserer neuen Vorsteher aus der Urne gezogen. Vielleicht hast du Glück und kannst deinen Brief sogleich bei ihnen abgeben". Daraus entstand allerlei Fröhlichkeit und Scherz. Während sich alle der Heiterkeit hingaben, wurde auf einmal die Türe aufgerissen, und herein stürzten zwei mutwillige Knaben und riefen: „Masel tow! Die Wahl ist beendet! Die Jüngsten der Gemeinde sind zu unseren Ältesten geworden!" Und sie schrien in singendem Tone die Namen aus, die auf dem Briefe des Baalschem verzeichnet standen. Da kam ein scheues Staunen über die Leute, und die Männer geleiteten den Fremden zum Versammlungshause, wo die Neuerwählten soeben feierlich in ihr Amt eingesetzt worden waren. Bescheiden und durch die sonderbaren Umstände ein wenig verwirrt, trat der Ankömmling auf die beiden zu und überreichte ihnen den Brief, indem er sagte: „Diesen in eure Hände gelangen zu lassen, hat der Baalschem mir befohlen." Da sahen sich jene eine Weile ohne Verständnis an, dann aber füllte sich ihr Mund mit Lachen, und der eine fragte: „Woher kommst du, Einfältiger, und wie verhält es sich damit, daß du uns einen Brief von dem heiligen Baalschem bringst, dessen Andenken zum Segen sei und der vor nun siebenzehn Jahren dahingeschieden ist, als wir noch kleine Kinder waren?" Der Fremde erwiderte gebeugten Geistes: „Ich bin aus einem kleinen Dorfe dieser Gegend, und auch mich dünkt der Hergang der Sache gar wunderbar." Und er erzählte ihnen die Geschichte des Briefes und wie sich alles ereignet hatte. Sodann reichte er. ihnen den Brief und sprach: „Nun nehmet ihn doch aus meiner Hand und öffnet ihn, denn ich trage Scheu ihn zu entfalten und in das Wunder zu greifen." So nahmen sie dann das Schreiben und erbrachen es> und solcher Art war der Inhalt: „Der Mann, der euch, ihr Herren und Führer eurer Gemeinde, diesen Brief überreichte, ist ein rechtschaffener Mensch und gütigen Sinnes. Er hat viele Jahre seines Lebens großen Wohlstand genossen, bis sein Rad sich wendete und sein Gut von ihm genommen wurde. Nun leidet er die schwerste Armut. Ich, Israel Baalschem, verlange von euch, daß ihr euch zu seinem Glücke bemüht und ihm helfet, das Unheil zu überwinden- Vielleicht scheint es euch nicht glaubhaft, daß ich diesen Brief geschrieben habe. So möge euch dies zum Zeichen sein: Jeder von euch erwartet, daß sein Weib in diesen Tagen gebäre, und es wird nicht eine Stunde vergehen, nachdem ihr diesen Brief empfangen habet, da werden Boten zu euch kommen und euch melden, daß dem einen von euch ein Knabe, dem andern ein Mädchen zur Welt gekommen ist". Und so geschah es, und es kamen zwei Boten und brachten die Nachricht, ganz wie es in dem Brief verheißen war. Da beschied sich die ganze Gemeinde zusammen wie zu einer Tat der Ehre, und durch den heiligen Willen des Baalschem taten sie dem Wirt so viel Gutes an, daß er sein Haus wieder bestellen konnte und binnen kurzem mit den Seinen zum früheren Wohlstand gedieh. Von der „Ito" Der Internationalrat der Jüdischen Territorial-Organisation hielt seine Sitzungen am Mittwoch und Donnerstag den 1. und 2. August im Saale Essex Hall in London ab. Der Präsident, Herr Israel Zangwill, führte den Vorsitz. Außer aus England waren aus Belgien, Deutschland, Frankreich, Rußland, der Schweiz und den Vereinigten Staaten Vertreter anwesend. Alle anwesende Mitglieder waren aus den betreffenden Ländern selbst gekommen. Entschuldigungen von abwesenden Mitgliedern kamen aus Bulgarien, Palästina, Rumänien und Südafrika. Zustimmungskundgebungen und Begrüßungsdepeschen liefen u. a. aus folgenden Orten ein: Antwerpen, Berlin, Bern, Bjolostok, Ekaterinoslaw, Elisavetgrad, Johannesburg, Kattowitz, Kiew. Kowno, Krementschug, Krugersdorp, Manchester, Mendzyrzec, Odessa, Otschakow, Philipopolis, Plovdiv, Posen, Stralkowo, Warschau und Zürich. Dr. Jeremias-Posen übermittelte telegraphisch die herzlichen Wünsche der Posener Zionisten. Herr Dr. Krenberger-Wien drückte sein lebhaftes Interesse für das Itowerk aus, wie auch seine Bereitwilligkeit, die „Nationalzeitung" in den Dienst der Sache zu stellen. Der Redakteur des in Odessa erscheinenden Blattes „Rußki Jevrey" bot ebenfalls seine Mitwirkung in einem Briefe an, der mit den Worten beginnt: „Ich begrüße den Rat in einem Augenblicke, wo vor mir die noch warmen Leichen dreier jüdischen jungen Leute liegen, von Kosakenkugeln durchbohrt." Mit lebhaftem Beifall wurde ein Brief von Dr. Paul Nathan- Berlin, dem Präsidenten des „Hilfsvereins der Deutschen Juden" aufgenommen, in dem er seine warme Sympathie mit den Itobestrebungen ausdrückte. Aus Johannesburg wurden die Glückwünsche eines jüdischen Massenmeetings gekabelt, in welchem der High Commissioner Lord Seiborne in einer begeisternden Rede für die Ito-Sache eingetreten war. Begrüßungen und Petitionen Auswanderungslustiger liefen ferner aus Bendery (Bessarabien), Bjelostok, Drabow, Kriwoy Rog, Peresyp und von der jüdischen Gemeinde von Solotonoscha, im Poltawaer Gouvernement, ein, während Einwohner von Ekaterinoslaw und Krementschug ihr vollstes Vertrauen dem Itorate durch Adressen mit mehr als tausend Unterschriften ausdrückten und demselben in erschütternden Worten die dringende Notwendigkeit einer Auswanderung aus Rußland vor Augen führten. Aus Amerika sandten u. a. Prof. Dr. Solis Cohen und Richter Mayer Sulzberger-Philadelphia Glückwünsche. In seiner Eröffnungsrede schilderte der Präsident die Fortschritte der Bewegung und legte die bevorstehenden Aufgaben dar. Durch die Verhaftung des Herrn Joselew in Warschau und die Konfiskation der bei ihm befindlichen Schriftstücke konnte der Bericht des russischen Zentralkomitees nicht zur Verlesung gelangen. Der Ehrensekretär, Herr Rechtsanwalt Clement I. Salaman, gab einen Bericht über die für die Ito-Kolonisation in Frage kommenden passendsten Territorien in den verschiedenen Kontinenten ab, sein Bericht verbreitete sich namentlich eingehend über zwei neue, höchst aussichtsvolle Angebote. Mrs. Auerbach aus Südafrika und London, die das britische Schutzgebiet in Ostafrika bereist hatte, stattete über das Land und dessen Zustände einen Bericht ab, der zu dem der vom Zionistenkongreß entsandten Gibbons-Kayser-Wilbuschewitz-Expedition von Mai 1904 in schroffem Gegensatz stand. Nach eingehender Debatte, an der sich fast alle Mitglieder des Rates beteiligten, wurde auf den Antrag des Herrn Dr. Klee, Berlin,

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