Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 33 (17.8.1906)
- Date
- 1906-08-17
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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No. 33 DIEESELT 15 Sprudel vor jenen weltberühmten europäischen. Namentlich stellt der recht hohe Gehalt an Kochsalz und alkalischen Erden bei -gleichzeitig hohem Schwefelgehalt und beträchtlicher Temperatur eine äußerst glückliche Kombination dar. Die in den älteren Schriften angegebene und von den Einwohnern Palästinas anerkannten Indikationen (Gelenkleiden, Rheumatismus, Gicht und andere Stoffwechselkrankheiten, Magen- und Darmleiden, Hautkrankheiten, nervöse Zustände usw.) sind bei der chemischen Zusammensetzung der Quellen bezw. ihrer Temperatur und ihrer Kombination mit salzigen Dampfsprudeln theoretisch anzuerkennen. Es wäre weiterhin zu erwägen, ob die Gelegenheit zu Schwitzbädern in Verbindung mit einer monatelangen gleichmäßigen heißen Temperatur nicht in ähnlicher Weise wie in den berühmten ägyptischen Orten Heltian und Luxor in großem Stile zu Heilzwecken bei chronisch Nierenkranken ausgenutzt werden könnte. Damit ließe sich vielleicht eine gewaltige Konkurrenz gegenüber Ägypten schaffen, die ökonomisch von um so größerer Bedeutung wäre, als es gerade die wohlhabendsten Kranken sind, die in diesen Breiten Heilung suchen, — und die von Ägypten um so mehr zu fürchten wäre, als sich die Kranken unbedingt lieber nach dem herrlichen Palästina als an den Rand der afrikanischen Wüste begeben würden. Neben dem natürlichen Zauber der Landschaft müßte ein hoher Grad von mindestens lokaler Landeskultur, der den Reisenden alle Annehmlichkeiten der großen Badeorte böte, ein weiteres Lockmittel für die kranken und gesunden Reisenden, namentlich aus England und Amerika, bilden. Die ökonomischen Aussichten derartiger Unternehmungen lassen sich aber erst.ganz übersehen, wenn man einen weiteren hygienischen Faktor berücksichtigt: die günstigen Chancen, die Palästina für die Heilung der Tuberkulose bietet. (Fortsetzung folgt.) O ff □□□□□□ o o O FEUILLETON □□□□□□ o J°o DIE LEGENDE DER CHASSIDIM Von MARTIN BUBER 2. Der Zukunftsbrief Der Baalschem kam einst auf einer Reise mit einigen der Seinen in die Gegend von Brody. Als er noch einige Meilen von der Stadt entfernt war, dünkte es ihm wohl, Nachtrast abzuhalten, und er kehrte einem kleinen Gasthofe zu, den ein rechtschaffener Jude innehatte. Der Wirt, der in seinem Gast den Meister erkannte, tat gar alles, was ein hingebendes Herz und ein wohlbestelltes Haus vermögen, um dem Baalschem Ehre zu erweisen. Des andern Tags nach der Morgenmahlzeit, als die Fremden sich anschickten, die Reise fortzusetzen, sprach der Baalschem zum Wirt: „So du in deiner Seele einen Wunsch hegest, möchte es wohlgetan sein, wenn du ihn mir heute verrietest". „Herr", redete jener, „da wüßte ich Euch wahrlich nichts zu sagen, denn Gott hat meinen irdischen Stand recht sehr gesegnet". Als der heilige Mann dies vernommen hatte, lächelte er ein kleines und sprach gar zutraulich: „Nun, da ich dir keine Bitte zu gewähren vermag, Freund, möchtest du mir wohl einen geringen Dienst tun?" Und er schritt zum Tisch, schrieb einiges auf ein Blatt, brach und versiegelte es, und alsdann setzte er die Weisung darauf, an wen es abzugeben sei. Hierauf trat er zum Wirt und sprach: „Siehe, hier habe ich etwas niedergeschrieben, und es tut not, daß du es bei Gelegenheit den Vorstehern der Gemeinde zu Brody überreichest, deren Namen du außen aufgezeichnet findest." Der Hausvater war des mit Freuden willens, nahm den Brief, verwahrte ihn in seiner Brusttasche und rief: „Heute noch führt mich ein häuslich Ding in die Stadt, da will ich gleich hingehen und den Brief bestellen." Da lächelte der Baalschem wieder, klopfte dem Wirt auf die Schulter und sagte: „Nun, Freund, haste nicht, allzugroße Eile ist nicht vonnöten. Inzwischen hättest du wohl noch Lust, uns ein kleines Stück des Weges zu begleiten?" Da lief jener ailsogleich in die Kammer neben dem Stall, darin er in einer Truhe sein bestes Pferdegeschirr verwahrte. Indes er sich bückte, um es unter dem anderen Kram herauszulesen, fiel ihm der Brief aus der Tasche, glitt zwischen dem Riemen- 'und Sattelwerk hindurch und barg sich am Boden der Kiste, ohne daß der Mann in seiner Eile es gewahr wurde. So ging er, den Wagen zu besorgen, und gab sodanu dem Baalschem das Geleite. Als er ins Haus zurückkehrte, war es spät am Tag geworden, und er mußte den Gang nach Brody um einige Zeit verschieben. Nach einigen Tagen ging er wohl hinüber, dachte aber des Briefes nicht mehr. — Noch hatte das Jahr seinen Lauf nicht völlig abgetan, so brachten Reisende in das Wirtshaus die Kunde, daß der große Meister Israel Baalschem dem Leben auf dieser Erde den Abschied gegeben habe und in die wahre Welt eingezogen sei. Da faßte den Wirt eine große Wehmut an, daß es ihm hienieden nicht mehr beschieden sei, dem Herrn seiner Seele zu begegnen, und in dem Spiegel seines Gedächtnisses stiegen die Bilder jenes Tages auf, an dem der Baalschem sein Haus des Besuches gewürdigt hatte, aber die Erinnerung an jenen Brief blieb im Dunkel des Vergessens geborgen. Wie die Zeit darnach kam und ging, brachte sie gar viel Schweres und Unseliges über den Wirt, und obwohl er sich rechtschaffen und herzhaft gegen des Lebens Unbill wehrte, vermochte er doch nicht, dem Schlimmen Einhalt zu tun. Sein Haus und Ansehen schwand und zerfiel und selbst seiner Tage und Nächte harte Arbeit schuf ihm nichts Gutes, nun da sich sein Rad gewendet hatte. Es kam ein Morgen, da in der Lade kein Brot war und die Kinder vor Hunger weinten. Da vermochte er in die trüben Augen seines Weibes nicht mehr zu sehen. Umsonst forschte sein Blick an den kahlen Wänden der Stuben, ob sich noch ein geringes Ding fände, für das er die nötige Speise eintauschen könnte, aber alles war schon dahingegangen, um den Seinen die Notdurft zu erkaufen. Als er so sann und trachtete, fiel ihm eine alte Kiste ein, die einst neben dem Pferdestall gestanden hatte und dann, als er längst weder Pferd noch Stall mehr sein eigen nannte, mit anderem nutzlosen Gerümpel unter das Dach des kümmerlichen Häuschens gewandert war, in dem er jetzt wohnte. Und so stieg er hinauf und kramte in der alten Truhe, ob sich drin noch einiges alte Leder- und Metallzeug fände, für das der Händler ein paar Groschen böte. Als er so suchte und die Kiste ihres Inhalts entleerte, fand er am Boden unter einer dicken Staubschicht jenen langvergessenen Brief, dessen Besorgung einst — nun waren es siebenzehn Jahre — der Baalschem von ihm erbeten hatte. Er nahm ihn zur Hand und las die Aufschrift und erkannte die heilige Hand. Da stand im Bild vor seinem Geiste alles lebendig wieder da, die Tränen stürzten ihm nieder und er rief: „Wohl, nun kenne ich die Quelle aller meiner Leiden! Wehe mir Leichtfertigen, der ich verabsäumt habe, dem Befehl meines Herrn zu genügen". Und wie er mit Schmerz und Reue von neuem auf die teuren Schriftzüge sah, kam ihm der Gedanke: „Vielleicht wäre es recht, wenn ich heute, obzwar so viele