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Die Welt · 1906-08-17 · 33 (17.8.1906) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
33 (17.8.1906)
Date
1906-08-17
Page
– (sequence 12)
Language
German
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14 DIEIaEELT No. 33 Ägypten gehen, um am Rande der Wüste Heilung zu suchen — wie einzelne Alpenlandschaften, vor allem die Schweiz, die nicht durch Heilquellen, sondern meist nur durch Klima und Naturschönheit alljährlich zahllose Besucher anlocken, einen beträchtlichen Teil ihres Nationalvermögens diesen fremden Besuchern verdanken — der wird die große ökonomische Bedeutung derartiger Quellen ermessen können. Es ist nicht der Zweck dieser kleinen Abhandlung, die wissens- * werten Daten über die Heilthermen Palästinas wiederzugeben. Die ältere Literatur ist in dem 2. Bande von Karl Ritters Erdkunde von Asien gesammelt, während sich 1884 der Frankfurter Pfarrer Dechent der dankenswerten Aufgabe unterzogen hat, das gesamte Material über die Heilquellen, mit Einschluß des topographischen und historischen, in einem Aufsatze in derZDPV zusammenzustellen, dem ich die meisten der folgenden Daten entnehme und dessen Lektüre ich empfehle. Es bedarf mithin nur weniger Literaturangaben. Wenn man von einzelnen Heilquellen, deren Wirkung zweifelhaft ist, oder die sich nicht mit Sicherheit wieder haben auffinden lassen, absieht, haben wir es im wesentlichen mit drei getrennten Gruppen von heißen Schwefelquellen zu tun, die sämtlich dem großen Jordaneinschnitt angehören. Die heißesten sind die von Tiberias und Gadara, die wasserreichsten die von Gadara und Kallirrhoe. Über diese altberühmten und noch heute relativ reich besuchten Badeorte, deren Thermen schon zur Zeit Christi nach griechischem und römischem Muster mit künstlichen Fassungen versehen wurden, sei nur einiges mitgeteilt, was von allgemeinem Interesse sein dürfte. Die Tiberiasquellen am Tiberiassee (See Genezareth) stellen Thermen von etwa 48° R. dar, die u. a. Schwefel und Salz enthalten, schweflig riechen und salzig-bitter schmecken. Sie stehen den Karlsbader Heilquellen nahe und werden auch mit ähnlicher Wirkung getrunken. Ihre Hauptanwendung finden sie indes zu Badezwecken. Man rühmt ihnen Heilkraft bei Rheumatismus, ja bei Skorbut (?) und Lepra (??) nach. Bedenkt man weiterhin, daß das prachtvolle Stück Erde mit seinem Ausblick auf den schneebedeckten Gipfel des Herrnon oft monatelang ein wahres Treibhausklima hat (es sind Temperaturen bis 40" R. beobachtet), das freilich die endemischen Fieber nährt, — so begreift man die Heilwirkung der Thermen auf alle Art rheumatischer Leiden. Auch die heißen Dämpfe, die dem Boden entweichen, werden heute in primitiver Weise gegen dieselben Leiden in Form von Schwitzbädern angewandt. Nach arabischen Berichten kamen ehemals Hinkende (wohl Gelenkkranke), Gichtbrüchige, Magenleidende und Hautkranke zu diesen Quellen, um Heilung zu suchen. Zwischen der einstmaligen Residenzstadt Tiberias und dem Badeort zogen sich zur Römerzeit die Landhäuser der Vornehmen hin, und noch heule zeugen bedeutende Ruinen mit granitenen Säulen von entschwundener Pracht. Das römische Gepräge des Badelebens von Tiberias wandelte sich später in ein jüdisches um, als sich eine große rabbinische Gelehrtenschule in Tiberias aufmachte. Wo heute kahle und nackte Felsen stehen, waren ehemals die Ufer mit einem Kranz von Dörfern und Städtchen umsäumt, und auf dem jetzt öde wogenden See trieben Kähne uiv? Schiffe der Vergnügungsbesucher und Fischer einher. „Wenn dieses Bad", so ruft der Reisende Seetzen aus, „mit seinen Umgebungen in Europa läge, würde es einer der besuchtesten Badeorte sein." Die Tiberiasthermen sind heute zwar noch gut besucht, aber ziemlich verwahrlost. „Das Bad ist", wie Dechent sagt, „eins der wenigen Heilbäder, die eine ununterbrochene Tradition von fast zwei Jahrtausenden besitzen. . . Vielleicht schlägt auch für dieses einmal die Stunde neuen Aufschwungs." — Gadara liegt südöstlich vom See Genezareth. Tritt man vom Ghor in das enge Thal, das auf beiden Seiten von 100 Fuß hohen, schwarzen Felswänden eingeschlossen ist, so sieht man zwischen den Felsen den reißenden Fluß dahinbrausen. Hier finden sich an 10 schwefelhaltige Quellen von einer Temperatur von 27—35° R., von denen die auf der Nordseite die heißeste ist. Auch hier herrschte einst zur Römerzeit ein reges Badeleben, von dem die in der Nähe der Thermen gelegenen Trümmer des einen der drei Theater von Gadara beredtes Zeugnis ablegen. Der Boden um die Quellen galt nach allgemeiner Übereinkunft als neutrales Gebiet, auf dem Freund und Feind friedlich zusammenkamen. In den äußerst primitiv eingerichteten Bädern findet man heute oft einige hundert Badegäste anwesend; es ist sogar ein großes Bassin vorhanden. Die Wirkung der Thermen soll kräftiger sein, als die von Tiberias, im übrigen sind die einzelnen Quellen von Gadara nicht sämtlich von gleicher Wirkung. Der Engländer Merrill (PEF 1879) spricht in den Ausdrücken höchsten Entzückens von der herrlichen Wirkung dieser Thermen und der prächtigen Landschaft mit ihren Aussichten, ihrem Klima und ihrer Vegetation. „Würde El Hamma", so schreibt er, „wieder aufgebaut, so könnte es einer der anziehendsten Versammlungspunkte von Syrien und einer der interessantesten Orte der ganzen Welt werden!" Welch ungenutztes Kapital! Welch unerschöpflicher brachliegender Bodenschatz! Die dritte Gruppe sind die im nördlichen Teil der Ostküste des Toten Meeres entspringenden heißen Schwefelquellen, die einst Hemdes der Große besuchte — eine Gruppe von Quellen, die die Griechen unter dem Namen Kallirrhoe, d. h, Schönborn zusammenfaßten. Möge diesen Heilquellen in Zukunft der gleiche Andrang von reiselustigen, heilungsuchenden und — last not least — kapitalkräftigen Badegästen beschieden sein, wie dem gleichnamigen Sprudel in Kissingen! Der Lage des Ortes entsprechend sind diese Bäder noch verwahrloster und verlassener als die oben erwähnten. Die südlichen Quellen von Kallirrhoe werden auch getrunken. Badeanlagen bestehen nicht, doch legen Pflanzungen von Dattelpalmen Zeugnis davon ab, daß hier einst menschliche Kultur geblüht. Hier ' wie in den nördlichen Quellen kommen sogar recht verschiedenartige Sprudel dicht nebeneinander vor, kalte und heiße, süße und bittere, und es ist klar, daß sich diese eigenartigen Kombinationen in raffinierter Weise zu Heilzwecken ausnutzen ließen. Noch heute weist die von Norden und die von Süden nach Kallirrhoe führende Römerstraße auf den ehemaligen Badeverkehr hin. Die Quellen haben ihren Ursprung im Tale des Wadi Zerka main, der noch an seiner Mündung eine Temperatur von 23" R. zeigt. Dort, wro der Fluß flacher zu werden beginnt und mehrere Seitenarme aufnimmt, brechen die heißen Quellen in größerer Anzahl hervor. Der Fluß enthält viel aufgelösten Kalk, der sich stellenweise in Schichten ablagert. An einem Punkte bricht ein starker, heißer, mit Salzteilchen geschwängerter Luftstrom aus einem Erdloch hervor. Läßt man übrigens das Wasser von Kallirrhoe über Nacht abstehen, so bildet es ein angenehmes Getränk (Kersten, ZDPV 1879). Wie primitiv die Badeeinrichtungen sind, möge man daraus entnehmen, daß ein englischer Naturforseher (PEF 1888) dort kranke (meist an Reumatismus leidende) Araber antraf, die Schwitzbäder auf dem überdeckten Dampf Sprudel improvisierten, ein Lamm schlachteten und Kopf und Eingeweide in die heißen Quellen tauchten, bevor sie sie in den Kochtopf warfen. Sic transit .... Die Quellen (42—45" R.) riechen schwefelhaltig. Ich empfehle dem Leser, eine chemische Analyse dieser Quellen, die Dawies 18% im PEF gibt,*) durchzustudieren und den "/'oo-Gehalt an schwefelsauren, kohlensauren und Chlorsalzen des Calcium, Magnesium und Natrium sowie den H-S-Gehalt mit dem Schwefel- und Salzgehalt des Karlsbader, Kissinger und Teplitzer Sprudels zu vergleichen. Die Tabellen für diese Sprudel sind in Meyers Konversationslexikon zu finden. Der Vergleich zeigt deutlich gewisse Vorzüge unserer *l Das im englischen Text vorkommende Potassium bedeutet Kalium, Sodium bedeutet Natrium.

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