Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 33 (17.8.1906)
- Date
- 1906-08-17
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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No. 33 DIE2 Gegenüberstellung des Nazarenentums und Apollinismus. In seinem Geiste spiegelte sich das Judentum nicht als eine weltverneinende, lebensfeindliche Lehre, wie bei allen andern, die diese Antithese aufstellten. Für ihn war das Griechentum die Form, die Idee, das Judentum das Herz der menschlichen Kultur. Moral ist Kultur des Herzens — und das ist seiner Meinung nach die Quintessenz des Judentums. Und deshalb ist ihm das jüdische Volk das Volk des Ideals, das idealsuchende. . . . Dies ist der leitende Grundgedanke des „Achad-Haamismus", sein Anfang, aber auch sein Ende. Es ist kein Prinzip, das Welten umfaßt, auch keines, das die Geheimnisse der Geschichte restlos erklären könnte. Achad-Haam hat sich dieser Arbeit auch nicht unterzogen. Er hat bisher nie versucht, seine Theorie auf die Vergangenheit in eingehender Weise anzuwenden. Er blieb vielmehr bei Apercus, beim reinen Gedanken. Aber wichtiger als die Rückwirkung seiner Erkenntnis auf die Erklärung der Vergangenheit ist seine Anwendung der Erkenntnis auf Gegenwart und Zukunft. Und da liegt die ganze Stärke Achad- Haams. Da hört er auf, Gelehrter und Dichter zu sein — und wird Idealsucher, Forderer, Problemsteller. Da klingt sein Wort wie Erz und erlangt das Pathos des ernsten Gedankens, der von den Strahlen des Gefühls erwärmt wird. Jede geschichtliche Konstruktion geht im Grunde auf ein Verlangen, auf eine Zukunftsforderung hinaus. Und die Forderung, die er an die Zukunft des jüdischen Volkes stellt, ist eine so tiefernste, so hohe, daß sie auf das gesamte Leben des jüdischen Volkes einen veredelnden Einfluß ausüben muß. Was er vom jüdischen Volke fordert, ist, daß es wieder den alten Faden aufnehme, daß es wieder ausgehe, ein Ideal zu suchen. Für ihn konzentriert sich die Geschichte des Judentums im Prophetentum, dem Gipfel des Idealismus. Und er glaubt, daß die innere Kraft des jüdischen Volkes, die die Prophetie gebar, auch jetzt noch imstande sei, neue, große und erhabene Werte aus sich zu schöpfen. Dazu muß das Volk sich auf sich selbst besinnen, seinen Willen aus dem Zustande der Tatenlosigkeit zu dem der Tat hinüberleiten. Sein zweiter Grundgedanke ist der der Kontinuität des geschichtlichen Lebens, und darum erklang gleich im Anfang seiner Tätigkeit sein Ruf: „Nicht dies ist der Weg!" . . . Nicht Neubau auf dem von den Trümmern des Alten vollständig gereinigten Boden, sondern Weiterbau auf den Ruinen des alten, aber noch immer lebendigen Judentums. Er prägte das Wort „Wiederbelebung des Geistes" und schuf die Theorie der geistigen Renaissance des Judentums. . , . kelt =- 13 Geistige Renaissance heißt bei ihm aber eine Erweiterung und Vertiefung des Judentums aus ihm selbst heraus durch Aufnahme von homogenen Kulturelementen. * * * Wer solche großen Forderungen an seine Zeit und an sein Volk stellt, der kann sich nicht mit anderen aus anderen Voraussetzungen entstandenen Formen der Wiederbelebung des jüdischen Volkes zufriedengeben. Und darum sein Gegensatz zum bloßpolitischen Zionismus. Der politische Zionismus nahm die Juden, wie sie sind, um aus ihnen ein freies Volk zu machen, in der Erkenntnis, daß eine höhere Kultur auch ein freies und selbständiges Außenleben erfordert. Achad-Haam geht an den Juden als Individuum mit seinen Forderungen heran und verlangt, daß er zum wahren Judentum zurückkehre, daß er ein höherer und besserer jüdischer Mensch werde. Diese beiden Tendenzen schließen einander nicht aus, — kreuzen sich aber auch allzuoft. Und Achad-Haam vergißt oft, daß das Leben stärker ist, als das Individuum und sein Wille. „Soll das Gesetz den Berg beugen", — sagten einst unsere absolut denkenden, kategorisch wollenden Weisen. Aber der Berg blieb doch stehen..... Und dennoch — gerade dieser unentwegte Idealismus verleiht Achad-Haam seinen hohen sittlichen Wert, seinen poetischen Reiz. Ja — poetischen; denn sein Stil, der schmucklose, möglichst einfache, wirkt auf jeden Leser wie versteinerte Poesie, wie Leidenschaft, in logische Sätze gegossen. Es ist eine Prophetenstimmung darin. Man denkt unwillkürlich an den feinen, tiefen, idealstrebenden Amerikaner Emerson, wenn man Achad-Haams Essays liest. Und noch mehr — wie die Gedanken Achad-Haams aus dem tiefen Borne des Judentums geschöpft sind, mit den modernen Ideen innig verflochten, so ist sein hebräischer Stil so tief-jüdisch, so ursprünglich, so natürlich, daß man ihn als einen Musterstil der hebräischen Sprache bezeichnen muß. Jeder Satz erweckt Erinnerungen, Assoziationen, es liegt alte, aufgespeicherte jüdische Kultur in seiner Sprache. . . . * * * Mitten im Sturme des Lebens steht Achad-Haam fest und unerschütterlich, glaubend und hoffend. Er glaubt an die Kraft des Judentums, er hofft auf eine Zukunft. Und darum ist die Erinnerung an ihn ein Trost und eine Lehre. A. Cor. HEILQUELLEN UND KURORTE IM KÜNFTIGEN PALASTINA Von Dr. ARON SANDLER-Breslau*) Es ist kein müßiges Spiel der Phantasie, wenn man die agronomischen, industriellen und sonstigen wirtschaftlichen Möglichkeiten Palästinas in bunten Farben ausmalt. Ist doch die Berechnung der Chancen der stärkste und sicherste Antrieb, die Energie zur Oberwindung der anfänglichen Schwierigkeiten zu stählen. Keine Schilderung vermag das Interesse für den Bau der Bagdadbahn stärker wachzuhalten als die Darstellung der ehemals blühenden Kultur von Arabia felix. Während es der gründlichsten fachwissenschaftlichen Vorkenntnisse und Erfahrungen bedarf, um die für ein spezielles Land geeigneten Methoden zur Anbahnung neuer gesunder wirtschaftlicher Verhältnisse anzugeben und zu präzisieren, wird es jedem, der sich in seiner Phantasie über die Schwierigkeiten des Anfangs hinweg nach dem blühenden Altneuland versetzt denkt, auch jedem Nicht-Fachmann, erlaubt und möglich sein, die weitere Ausgestaltung gewisser Kultur- und Wirtschaftsarbeiten und ihre höchste Blüte vorauszudenken. *) Aus dem „Kadimah"-Kalender, dessen Besprechung in nächster Nummer folgt Der Landwirt, der Kaufmann, der Ingenieur, der Arzt wird hier Gelegenheit finden, sich beim Studium des heutigen Palästina und seiner Entwicklungsmöglichkeiten aus seinen Berufsvorstellungen und -kenntnissen heraus ein Palästinaideal zu schaffen. Da mag der eine an elektrische Werke an den Wasserschnellen des Jordan, der andere an Kupfer-, Phosphat-, Jod- und Zementindustrien, ein dritter an Orangen-, Oliven- und Rosinenexport, ein vierter an die ökonomische Bedeutung der vernachlässigten Heilquellen Palästinas und ein fünfter an eine hervorragende Geisteskultur denken! Die Heilquellen Palästinas! Auf ihrem Grunde ruht ein köstlicher Schatz, aber nicht der unheilzeugende Schatz der Nibelungen, sondern ein Quell zukünftigen Volksreichtums, zu dessen Erschließung es nichts weiter bedarf als einer allgemein höheren Landeskultur in Palästina. Wer bedenkt, welch gewaltige Summen alljährlich in den Badeorten Mitteleuropas zusammenströmen, deren Quellen in ihrer Zusammensetzung denen Palästinas nahe stehen — wieviel leidende Menschen alljährlich unter Aufwendung hoher Kosten nach