Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 33 (17.8.1906)
- Date
- 1906-08-17
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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12 DIE3 die Gedenktage und Jubiläen großer Männer. Es ist eine Art Rückschau, die man an diesen Tagen hält, eine Selbstbesinnung, die einen kulturellen Wert hat. Solche Tage waren in diesem Jahre die Raschi- und Maimonidesgedenkfeiern, das Jubiläum des Veteranen der lebenden jüdischen Schriftsteller, Mendele Mocher Sforim — ein solcher Tag ist auch ein Jubiläum, das von keinem gefeiert, nur wenigen Eingeweihten bekannt ist — der fünfzigste Geburtstag von Achad-Haam. Erst fünfzig Jahre, und der Name Achad-Haams ist schon beinahe ein historischer geworden, ein Name, der zugleich eine Parole ist. Erst fünfzig Jahre alt — erst siebzehn Jahre literarisch tätig — und er gehört schon zu den Männern, zu denen sein Volk aufschaut, deren Worten es lauscht, deren Urteil bei jeder Frage erwartet wird, deren Äußerungen nie spurlos vorübergehen. Er hat seinen Namen einer Lehre, einer politischen Doktrin gegeben, die von vielen Juden befolgt, von den meisten gekannt wird. Er ist ein Faktor im jüdischen Leben geworden — aus „Achad-Haam", „Einem vom Volke" — der „Eine des Volkes" geworden. Es ist über Achad-Haam bereits viel geschrieben und gesagt worden. Seine Ansichten sind Gegenstand eingehender Erörterungen, ja eifrigen Studiums gewesen. Und wenn wir dennoch bei dieser rein äußerlichen Gelegenheit — denn was sind bei solchen markierten, nicht mehr entwicklungsfähigen, ausgereiften Persönlichkeiten die zufälligen Schranken und Wegzeichnungen der Zeit? — auf die Persönlichkeit und die Tätigkeit Achad-Haams hinweisen, so verfahren wir wie ein Steuermann, der die Mannschaft eines Schiffes, das sich auf hoher See befindet, Wind und Wogen preisgegeben ist, auf einen in der Ferne schimmernden weißen Leuchtturm hinweist, der die Richtung zeigt, den Weg beleuchtet. Es ist ein Trost und eine Lehre. Was hat nun Achad-Haam getan, welche neuen Werte brachte er dem jüdischen Volke? Warum hat er einen so großen Eindruck auf die Geister unserer jüdischen Generation gemacht? Was ist der Achad-Haamismus? Drei ziemlich dünne Bände von Schriften sind der Schatz, den Achad-Haam' dem Judentum bisher gebracht hat. In den drei Bänden, die den Titel tragen „AI proschas drochim", (Am Scheidewege) hat er seiner Weltanschauung Ausdruck gegeben. Sind es epochale Gedanken, die darin enthalten sind, sind es neue, funkelnde, schönheitsgetauchte Worte, die drin glitzern, oder ist es eine neue Gedankenwelt, die drin eingeschlossen ist? Wenn wir seine Werke Seite für Seite, Satz für Satz ohne Vorurteile nach der Seite der Bewunderung oder der Verneinung nachdenklich und prüfend lesen, so finden wir, daß die Ideen an und für sich weder neu noch himmelstürmend sind. Und wenn wir als Europäer, für die jedes geschriebene oder gesprochene Wort nie allein steht, sondern in ein assoziatives Verhältnis zu anderen, bereits vorhandenen, schon aufgenommenen Ideen tritt, uns fragen, welche Bereicherung die Gedankenwelt an und für sich durch Achad-Haam erfahren hat, so sagen wir uns: Hier ist nicht die Bedeutung des Mannes gelegen. Achad-Haams Schriften sind Aufsätze, die von allgemeinen, übernommenen philosophischen Thesen ausgehen, zum Judentum kommen, diese allgemeinen Ideen mit dem Judentum verschmelzen, große Kriterien ans Judentum anlegen. Und dennoch kann sich niemand, auch nicht der geschulteste und an Assoziationen reichste Leser, von dem eigenartigen Charme befreien, von dem gewinnenden, erobernden, überzeugenden Eindrucke, den die Sätze Achad-Haams hinterlaasen. Achad-Haam erobert nicht durch sein Feuer, durch seine Leidenschaft — er ist kühl und zurückhaltend. Er stürmt nicht, er berauscht nicht durch seinen Bilderreichtum, durch seinen Lyrismus — er ist nüchtern und knapp. Er imponiert nicht durch den monumentalen Aufbau seiner Gedanken — er ist einfach, wortkarg, präzis. Er schweift selten ab, macht keine unerwarteten Abstecher, — und dennoch gELT ====— No. 33 wirken seine Sätze beinahe wie Poesie, graben sich im Gedächtnis ein — erzwingen sich den Einlaß..... Schopenhauer hat drei Arten von Schriftstellern unterschieden — Schriftsteller, die denken, bevor sie schreiben, solche, die denken, während sie schreiben und solche, die auch dann nicht denken. Schriftsteller der ersten Art sind die seltensten — aber auch die besten, die wortkargsten — aber auch die einflußreichsten. Worte können berauschen, verführen, aber nur Gedanken können Achtung erringen. Und an der Stirn jedes Schriftstellers ist zu lesen, ob er auch ein Denker ist. Worte, die wirkliche Gedankenarbeit decken, wirken wie Wein nach langer Gärung. Sieverfehlen nie ihre Wirkung. Achad-Haams Sätze sind wortgewordene Gedanken. Was wollte Achad-Haam? Um es mit kurzen Worten zu sagen: er wollte den Sinn des Judentums ergründen. Warum leben wir Juden als Juden, woher schöpft das jüdische Volk seine Lebens- und Leidenskraft? Das waren die Grundprobleme, an die Achad-Haam herantrat und die er zu lösen versuchte . . Es waren keine flatternden Gedankengebilde, die er baute. Ziemlich spät — mit 35 Jahren — hat er begonnen, den Mitmenschen, den Mitjuden zu sagen, was er über sein Volk gedacht hat, und wie er sein Judentum begriffen und darum auch gerechtfertigt hat. Ich sage „gerechtfertigt", denn jeder denkende Mensch trägt in sich den Zweifel, den er erst nach langer Gedankenarbeit überwindet. Wer sich seines Judentums bewußt ist — der kam zu ihm auf dem Wege des inneren Kampfes. Und Achad-Haam, durch und durch Jude, Sprößling eines Geschlechtes, in dem jüdisches Wissen, jüdisches Denken tief in der Seele eingewurzelt waren, mußte sich auch eines Tages fragen: Wie kam es, daß das jüdische Volk noch existiert? Er suchte und fand seine Lösung im Judentum e. Nicht äußere Umstände, nicht das abwehrende Verhalten der anderen Völker waren das Bindemittel, das Bildungsplasma des jüdischen Volkes, aber auch nicht ein Wille, der außerhalb des menschlichen Denkens und Begriffsvermögens steht — sondern die jüdische Seele, die im Judentum, so wie es ist, ihre Verkörperung gefunden hat. Nicht das traditionelle Judentum hat die Juden zusammengehalten, sondern im Gegenteil die unverwüstliche jüdische Psyche hat das Judentum jmmer umgeformt und sich dienstbar gemacht. Achad-Haam hat somit eine Geschichtskonstruktion aufgestellt, die ihm den Weg, der in der weiten Ferne sich schlängelt — nach hinten und nach vorne — klar, die Windungen und Krümmungen der jüdischen Geschichte verständlich macht. Ist das etwas neues? Nein. Nachman Krochmal, um nicht weit zurückzugreifen, hat dasselbe getan. Er hat Hegels Geschichtsphilosophie sich zurechtgelegt, sie auf die jüdische Geschichte zugeschnitten. Achad-Haam hat das moderne Prinzip der Volkspsyche zu seinem Leitfaden gemacht. Der Unterschied ist nur theoretischer Natur — vielleicht ist der wirkliche Unterschied zwischen beiden gar nicht groß. Denn ob wir mit Krochmal vom Geist des Judentums oder mit Achad-Haam vom Judentum als der vergeistigten Individualität des jüdischen Volkes reden — es kommt immerhin auf eine metaphysische Annahme hinaus — auf die ununterbrochene Entwicklung, auf die innere Kontinuität der jüdischen Kultur. Alle derartige Annahmen sind schließlich Begriffsdichtungen, die aber den Grundstein für eine einheitliche Erklärung geschichtlicher Ereignisse sind. Nachdem Achad-Haam sich zu dieser seiner Erkenntnis durchgerungen hat, zu einem Gedankengange, der ihn zu den neuen Geschichtserklärungen, vor allem zu der ökonomischen, in einen unüberbrückbaren Gegensatz bringen mußte, mußte er folgerichtig auch ein einheitliches Prinzip suchen, das die Dominante des jüdischen Lebens war, ist und es deshalb auch für die Zukunft sein muß. Und er fand sie in der Idee der Moral. Er vertiefte den bereits vor ihm hervorgehobenen Gegensatz zwischen Judaismus und Hellenismus. Aber nicht in der Form der üblichen