Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 33 (17.8.1906)
- Date
- 1906-08-17
- Page
- – (sequence 9)
- Language
- German
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deihen. Die Gründer des sepharadischen Waisenhauses wandten sich an den „Bezalel" mit der Bitte, einen Plan für den zukünftigen Bau ihrer Anstalt aufzustellen. Und die Vorstände der größten Synagoge, der „Churwa von Rabbi Jehuda Hachassid" ersuchten den „Bezalel", dieselbe zu malen. Auch die hiesigen Christen verhalten sich dem „Bezalel" gegenüber mit Achtung und Teilnahme. So boten uns das deutsche Blindeninstitut und Waisenhaus von Schneller und die amerikanische Kolonie sofort ihre Hilfe an mit allem, was ihnen zur Verfügung steht und borgten uns Spinnrocken, die* sonst hier nicht zu erlangen waren. Sie wenden sich an uns mit der Bitte, von ihnen Schüler und Schülerinnen anzunehmen, aber aus Furcht vor etwaiger Konkurrenz konnten wir bisher nur Schüler akzeptieren, die bloß malen zu lernen wünschen (einer von der amerikanischen Kolonie und der zweite ein Armenier, Angestellter bei der türkischen Post). Die geplante Eröffnung einer Werkstätte für Marmor zur Bearbeitung von Handgeräten mit Perlmutter bedeckt, wie sie Damaskus liefert, Schnitzerei, Metallarbeiten usw. konnte vor der Hand aus Mangel an Mitteln und hauptsächlich aus Mangel an Raum noch nicht stattfinden. III. Wenn wir in unserer gemieteten Wohnung bleiben, können wir nicht nur nicht daran denken, unser Unternehmen zu vergrößern und zu erweitern, sondern wir werden im Gegenteil gezwungen sein, die ganze Abteilung für Teppichknüpferei zu verkleinern und die Anzahl der Schülerinnen zu vermindern, denn im Winter ist es unmöglich, unter freiem Himmel unter Strohmatten zu arbeiten, wie es jetzt bei einigen Schülerinnen der Fall ist. Ich halte es für meine heilige Pflicht, den Mitgliedern und Abgeordneten desv Aktionskomitees anläßlich der Konferenz zu Köln über diesen Punkt so ausführlich zu berichten und im Namen Tausender von Familien in Palästina, die sich hier zu Tode hungern und ihre Hoffnung in den „Bezalel" setzen, die hochverehrte Konferenz flehentlich zu ersuchen, uns in dieser Hinsicht nach Möglichkeit zu helfen. Denn ich glaube, daß die Zeit schon gekommen ist, wo das Aktionskomitee, ohne Opfer seinerseits zu bringen, Großes für den „Bezalel" tun kann. Für unsere gemietete Wohnung zahlen wir 2300 Frcs. jährlich, eine Summe, welche sich bei manchen Änderungen und Reparaturen auf 2600 Frcs. jährlich belauft. Nun müssen wir nach vier Monaten den Kontrakt erneuern und zum früheren Mietzinse noch 100 Frcs. jährlich zufügen und dazu, wie jetzt, alle Änderungen und Reparaturen auf unsere Rechnung. Da wir aber, wie gesagt, in diesem Hause schrecklich gedrückt sind, ist es uns nicht möglich, darin noch weiter zu bleiben, ohne vor der Hand noch einige Zimmer provisorisch hinzuzubauen, was uns wenigstens 6—7000 Frcs. kosten wird, die wir ja bei dem Verlassen der Wohnung auch verlieren müssen. Und haben wir das Recht, so etwas zu tun, wenn wir uns für das ganze Geld, indem wir nur mittelhohe Bankzinsen rechnen, eine eigene geräumige Wohnung anschaffen können auf eigenem Boden und unserem Zwecke entsprechend (große geräumige Zimmer, von oben einfallendes Licht)? Ich ersuche also die löbl. Konferenz des Aktionskomitees in Köln unsere Bitte zu erwägen: Man möge vom Gelde des Nationalfonds Boden für den „Bezalel" kaufen, was zusammen mit allen dazu erforderlichen Bauten ungefähr 50 000 Frcs. ausmachen kann. Land und Gebäude würden auf den Namen des Aktionskomitees solange verbleiben, bis der „Bezalel" die Schuld bis zum letzten Pfennig getilgt hat. Der „Bezalel" kann jährlich 4—5000 Frcs. und die Zinsen für das Kapital erlegen. Ich hoffe, daß die Konferenz des Aktionskomitees in Köln die Bedeutung und Richtigkeit meiner Bitte zu schätzen wissen wird. Damit wird sie unserer zionistischen Welt zeigen können, daß das Aktionskomitee alles, was den Bereich seiner Tätigkeit, die Verbreitung der Siedelung in Palästina, vergrößert, zu fördern bereit ist. Wir unserseits sind sicher, daß der „Bezalel" auch manches für die jüdische Kunst tun wird, was nicht direkt in den Bereich unserer speziellen Arbeit gehört, wodurch dem Volke Israel große Ehre bereitet werden wird. Wie bekannt, gibt es viele jüdischen Künstler, die großes Talent besitzen, die aber trotzdem für die jüdische Kunst sehr wenig leisten. Das kommt daher, daß der jüdische Künstler gezwungen ist, um sein Talent zu entwickeln und sich in seinem Fache zu vervollständigen, den jüdischen Kreis zu verlassen und in fremden Ländern, unter fremdem Einfluß sein Studium fortzusetzen und sich mit andersartigen Objekten zu beschäftigen, so daß er sich nach und nach seinem Volke entfremdet, ohne es selbst zu fühlen. Hier aber in unserem alten Vaterlande, wo jeder Schritt und Tritt uns an unsere Vergangenheit erinnert, wo man die originellsten Gegenstände in den Straßen und Gassen antrifft, wo wir die vergangenen glücklichen Zeiten durch unsere Phantasie in die Gegenwart zurückrufen und bei alldem die Stärke der Galutsbitterkeit fühlen; hier, wo sich beim Bewußtsein der Knechtschaft die zuversichtlichsten Hoffnungen auf eine glänzende Zukunft in diesem Lande regen; hier, wo die Schüler nach ausgezeichneten jüdischen Modellen unter der Bläue des palästinensischen Himmels malen, während ihre Ohren der Zauberklang der hebräischen Sprache, die nationalen Lieder und Melodien erfüllen, — hier müssen unsere Schüler nur von unsern nationalen Hoffnungen und Bestrebungen sprechen und von ihnen durchdrungen sein. Unsere Schüler werden einen neuen Geist erwecken und werden der ganzen Welt zeigen, daß auch das jüdische Volk einen künstlerischen Geist und eine eigenartige Phantasie besitzt. Und alldies ist keine leere Einbildung. Mit sicheren Schritten nähern wir uns unserem Ziele, und während der so kurzen Zeit von fünf Monaten haben wir bereits vieles für unser Werk getan. Davon haben sich alle, die unsere Schule besucht haben, überzeugt, und sobald wir unsere ersten Arbeiten in die Welt schicken, werden es uns die andern bestätigen. Der schwere Anfang ist schon überwunden. Helfet uns nun, daß wir unser Werk zur Vervollkommnung bringen können! Dazu ist notwendig: 1. Daß das Komitee des „Bezalel" aus Vorstehern aller jüdischen Vereine bestehe, damit, wie die Klagemauer als ein gemeinsamer Ort der gesamten Judenheit betrachtet wird, um dort zu weinen und zu klagen, der „Bezalel" als ein Volksgut betrachtet werde, wo man arbeitet, um das Ideal unserer Besten, die Neubelebung unseres Volkes auf seinem eigenen Boden, in die Wirklichkeit umzusetzen. 2. Uns raschest die Möglichkeit zu geben, einen umfangreichen Bauplatz mit einem geräumigen Gebäude, wenn nicht sehr groß, doch unseren Bedürfnissen gemäß, zu erwerben. Wir selbst mit unseren eigenen Händen werden dann unser Gut ausschmücken und einen prächtigen Palast für die jüdische Kunst errichten. Dies allein wird uns die Möglichkeit geben, unser Budget zu vergrößern. Denn wenn es bekannt werden wird, daß wir in unserem Lande ein festes Heim haben, werden sich die Spenden und Geschenke für den „Bezalel" tagtäglich vermehren und immer neue Mitarbeiter und Mithelfer werden für den „Bezalel" eintreten. Unsere Zukunft ist in unseren Händen und wir werden das Ziel-erreichen, wenn wir wollen. Von uns und nicht von anderen hängt es ab! Dann wird wie durch einen Zauber das ganze traurige Bild, daß jedes junge und gesunde Element das Land verlassen muß und nur die gebeugten, lahmen Alten verbleiben, um die Zahl der früheren Gräber zu vergrößern, verschwinden. Wir werden es nicht mehr zulassen, daß eine Kraft uns verläßt; alles wird unter unserem Einfluß von neuem erstarken und sich ermannen, neue gesunde Kräfte werden uns zufließen, unser altes Vaterland wird von neuem aufblühen, und die Frühlingstage werden zu ihm und zu seinem Volke zurückkehren. ACHAD-HAAM (USCHER GINZBERG) (Zu seinem fünfzigsten Geburtstag) „Inter arma silent musae" — zu Kriegszeiten schweigen die Musen. In Zeiten der Kämpfe um Leben und Tod vergißt man alles, was nicht unmittelbar mit dem Momente zusammenhängt, was nicht für den Augenblick geschaffen ist, wenn es auch mit dem Augenblick vergehen sollte. Das jüdische Volk, das bereits seit einigen Jahren im Zustande der permanenten Gärung, des Kampfes um das Leben steht, hat natürlich weder Muße noch Lust, sich an seine geistigen Führer zu erinnern, an die Schöpfer und Baumeister seiner Kultur. Und gerade dieses Jahr, das in gewisser Hinsicht den Höhepunkt des verzweifelten Kampfes bildet, war reich an Momenten, die gewöhnlich vom Volke benutzt werden, um als Huldigungen des Geistes gefeiert zu werden. Solche Momente sind