Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 33 (17.8.1906)
- Date
- 1906-08-17
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
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DIEJ^ELT No. 33 Die öffentliche Meinung Gestalt gezeigt. Die sicherlich nicht revolutionären „Times" nennen das Kabinett Stolypins schlechthin: „Das Kabinett der Reaktion". Herr Stolypin hält ferner sein Wort. Er beschäftigt sich mit der Judenfrage. Und wie das Resultat dieser eingehenden Beschäftigung ist, zeigt uns ein Telegramm aus Odessa vom 11. d. M.: „Der hiesige Stadthauptmann hat vertraulich die Stadtverwaltung aufgefordert, künftig keine Juden in den städtischen Dienst aufzunehmen. Von dieser Ausschließung sind unter anderem auch Ärzte, Juriskonsuiten, Ingenieure und Techniker betroffen. Die Aufforderung ist auf eine ministerielle Zirkularverfügung aus Petersburg zurückzuführen." Ähnliche „liberale" Verfügungen würden sich häufen lassen. Der liberale Herr Stolypin bemüht sich redlich. — Wir registrieren zwei Protestkundgebungen gegen die Greuel, die die russische Regierung in der Form von Pogromen verübt hat. Die Proteste gingen diesmal nicht von Juden und nicht von vereinzelten Philanthropen aus, sondern von Parlamenten, also von den wirklichen Vertretungen der „öffentlichen Meinung". Natürlich war es nicht irgend ein europäischer Staat, der sich zu einer solchen Tat emporschwang, sondern es waren die freien Staaten jenseits des Ozeans, Australien und Südafrika, Im „Legislative Conncil" von Johannesburg legte Abg. Mr. C. W. H. Kohler am 19. Juli folgende Resolution vor: „Dieses Haus bedauert die ununterbrochenen Grausamkeiten und Massakers, die an dem jüdischen Volke in Rußland verübt werden und hofft, daß die Resolutionen, die von verschiedenen Versammlungen und Parlamenten der ganzen Kulturwelt als Proteste dagegen angenommen werden, ein für allemal diesen unmenschlichen Grausamkeiten ein Ende machen werden, und daß diese Resolution der gesetzgebenden Versammlung übermittelt und dann an seine Exzellenz den Gouverneur übergehe, damit er sie weiter an die Reichsregierung befördere." . . . Noch freier und mutiger lautete die am 5. Juli im Repräsentantenhaus der australischen Bundesregierung in Sydney von dem tasmanischen Abgeordneten Mr. S torer beantragte und nach kurzer Debatte genehmigte Resolution, durch welche das Bedauern des Hauses über die russischen Greuel zum Ausdruck gebracht wird. Die Resolution hat folgenden Wortlaut: „Das Haus drückt sein tiefes Bedauern über die kürzlich gemeldeten Untaten in Rußland und die zuversichtliche Hoffnung aus, daß Eingebungen von Weisheit und Gerechtigkeit denjenigen Bürgern, die darunter leiden, den wirkungsvollen Schutz der Gesetze sichern werden." Der Premier Deakin befürwortete die Resolution, betonte aber gleich im Anfang seiner Rede, daß sich die russischen Behörden in einer Lage befinden, die die denkbar ungünstigste sei und die dazu geführt habe, daß in einzelnen Landesteilen die Autorität der Staatsgewalt geradezu paralysiert sei. Man braucht nur an die Umwälzungen in den fundamentalen Institutionen des Reichs, an dessen enorme Ausdehnung, an den Krieg und seine entsetzlichen Opfer an Geld und noch mehr an Blut und an die Eindrücke zu denken, die dieser Krieg bei denen hervorgerufen habe, die ihre Väter und Brüder in Ostasien verloren hätten, um zu begreifen, daß hierdurch eine überaus traurige Lage geschaffen worden sei. Diese traurige Lage aber dürfe es verzeihlich erscheinen lassen, wenn das Haus denen, die unter der geschaffenen zeitweisen Desorganisation zu leiden hätten, seine Teilnahme auszusprechen sich gestatte. Reaktionäre Einflüsse gäbe es in jedem Lande, sie seien zweifelsohne auch in Rußland im Werke, er, Deakin, gebe sich indessen der Zuversicht hin, daß das Haus einstimmig sein tiefes Bedauern über die häßlichen Zwischenfälle bei einer Bewegung aussprechen werde, von der jedermann hoffe, daß sie einen großen Fortschritt von seiten einer der glänzendsten und tapfersten Nationen der Welt bedeuten werde....... Die „öffentliche Meinung!" Wir wissen leider zu genau, wie man in Rußland sich über solche Kleinigkeiten hinwegsetzt. Was liegt Henkern wie Durnowo und Konsorten an der öffentlichen Meinung? Nach ihnen die Sintflut! HISTORISCHES ZUR „PALASTINA-ARBEIT" Von HUGO SCHACHTEL, Breslau Aus den Debatten, die jetzt an manchen Stellen über die Frage der praktischen Arbeit in Palästina stattfinden, geht hervor, daß es erstaunlicherweise eine ziemliche Anzahl solcher gibt, die der Anschauung sind, es handle sich da um eine erst in allerjüngster Zeit aufgetauchte prinzipielle Streitfrage. Es ist ja immerhin möglich, daß einige, die erst kürzlich dem Zionismus beigetreten sind, zu dieser Anschauung veranlaßt werden, weil tatsächlich die Frage in den allerletzten Jahren unvergleichlich mehr in den Mittelpunkt des Interesses gerückt worden ist als früher und weil sie selbst die Vorgeschichte des Zionismus nicht genauer kennen. Manchmal aber hört man sogar von solchen, die dem Zionismus seit dem ersten Kongresse angehören, Aussprüche wie: Das Hervorkehren der Notwendigkeit praktischer Arbeit in Palästina sei eine Folgeerscheinung des Itoismus, dem dadurch ein Gegengewicht geboten werden soll. Nichts ist falscher als diese Anschauung. Und da es oftmals besser ist, sozusagen „aktenmäßig" zu antworten, als sich in theoretische Diskussionen einzulassen" so sei im folgenden der Versuch gestattet, eine gedrängte historische Übersicht über die Entwicklung der Frage der Palästinaarbeit zu geben. Es ist vielleicht für alle Teile nicht ganz zwecklos, daß einmal das Material zusammengestellt wird, das zeigt, wie von allem Anfang an im politischen Zionismus neben allen Charterbestrebungen die Frage der praktischen Palästinaarbeit erörtert und ihre Wichtigkeit betont wurde, und wie sie positive Kongreßbeschlüsse zeitigte. Die praktische Palästinaarbeit, von der die Rede ist, ist nicht im geringsten identisch etwa mit Infiltrations-Ideen und unsystematischer kleinkolonisatorischer Tätigkeit, welche Verwechslung jetzt so häufig benutzt wird, um kleine und große Kinder gruseln zu machen. Die einzelnen offiziellen und nichtoffiziellen politischen Zionisten stimmen wohl nicht ganz überein in dem Maße, in dem in Palästina gearbeitet werden sollte, von keiner Seite ist aber der heute so beliebte Einwand erhoben worden: in Palästina dürfe nichts geschehen, denn mit jeder Tätigkeit in Palästina werde das Land wertvoller gemacht, ohne daß wir einen Gegenwert empfingen. Diese Argumentation ist wahrlich so unpolitisch wie nur möglich. Bestände sie zu Recht, so wäre, um nur ein Beispiel zu nennen, die Anglo-Palestine-Company ein Fehler gewesen und die Konsequenz wäre, sie baldigst wieder zu liquidieren, anstatt neue Filialen zu gründen. Doch lassen wir dokumentarische Tatsachen sprechen, und zwar offiziell verbürgte: Kongreßprotokolle und nur einiges zur Ergänzung aus dem offiziellen Organe, der „Welt". Zunächst vom ersten Kongreß und vom zionistischen Programm. Im Programm heißt es: „Der Zionismus erstrebt für das jüdische Volk die Schaffung einer öffentlich-rechtlich gesicherten Heimstätte in Palästina. Zur Erreichung dieses Zieles nimmt der Kongreß folgende Mittel in Aussicht: 1. Die zweckdienliche Förderung der Besiedlung Palästinas mit jüdischen Ackerbauern, Handwerkern und Gewerbetreibenden." Das bedeutet: Tätigkeit in Palästina als MittelzurEr reichung des zionistischen Zieles. In der Programmkommission saßen damals neben fünf Juristen, darunter Dr. Bodenheimer, noch Max Nordau und Prof. Schapira. Auf das Verlangen des Delegierten Dr. Blumenfeld, es solle kommentiert werden, was der Programm- Ausschuß und der Kongreß unter jedem einzelnen Schlagwort versteht, erwiderte Dr. Herzl: „...daß es an sich eine,authentische Interpretation nicht geben kann; ich glaube aber, daß in gewissem Sinne eine solche in der Debatte des Kongresses liegt, die jeder lesen kann und die im stenographischen Bericht sich finden läßt." Aus dieser Debatte heben wir heraus die Äußerungen Dr. Jacob Bernstein-Kohans: „...Als zweiter und mächtiger Hebel zur Wiedergeburt des jüdischen Volkes muß die Gewinnung Palästinas