Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 33 (17.8.1906)
- Date
- 1906-08-17
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
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No. 33 diei£k ELT Deutschrusse) — er hatte in den früheren Jahren sicherlich Gelegenheit, russische Juden kennen zu lernen. Er weiß, wie sie aussehen — aber se non e vero . . . Und nun kommt das schönste. In Rußland hat Fürst Urussow, Ex-Ministergehilfe unter Durnowo, vor der ganzen Welt erzählt, daß und wie die russische Regierung Pogrome veranstaltet. Die Dumaabgeordneten, die sich nach Bjelostok zur Erforschung des Pogroms begaben, haben die Schuld der Regierung nachgewiesen. Die ganze Welt weiß es. Die russische Regierung leugnet es gar nicht, ebenso wie sie sich der intellektuellen Urheberschaft der Ermordung Herzensteins beschuldigen läßt, ohne sich rechtfertigen zu können. Da kommt Herr Harden und erklärt: Die Regierung ist rein und unschuldig, ihre einzige Schuld ist, daß sie nicht den Mut hat, gegen das Volk, das einen Todeshaß gegen die Juden hat, aufzutreten. . ." Und darum, jüdische Haute-Finance, gib Geld der russischen Autokratie, denn sie ist das gaudium humani generis, denn sie ist die beste der Regierungen in dieser besten aller Welten! Es sei. Herr Harden ist ein Bekannter von Witte (Sergej Juljewitsch). Vielleicht ist das der Einfluß Wittes. Herr, dunkel sind deine Wege .... Für die Juden kommen Harden- Witkowskis Rodomontaden wirklich nicht in Betracht. Die maßgebenden Männer der europäischen Politik verachten solche Akrobaten. Aber er ist interessant als psychologische Erscheinung. Wir sehen in Harden den ausgeprägten Typus eines degenerierten — das Wort pervers wäre vielleicht passender — Geschlechtes. Wir sehen in ihm den Stämmling einer alten, tiefwurzelriden Rasse, der ihre schlechten Eigenschaften geerbt, ihre guten verloren hat. Jedes Volk, jede Rasse hat solche Sprößlinge, die gleichsam an der Peripherie haften, mit dem eigentlichen Stamme nichts gemein haben und tief angekränkelt sind. Harden will in Deutschland die Rolle eines Shaw spielen. Aber Shaw, trotz seiner launigen, zum Perversen neigenden Natur, ist doch eine ganze, irische Persönlichkeit, die im Kampfe gegen das Englische ihre Eigenart erhielt. Harden ist ein Jude, der nie gelernt hat, Deutscher zu sein der nie die Tugenden des deutschen Stammes begriffen hat. Alles was die Ehre des Deutschen ist — Tiefe, liebevolle Hingebung, Sichversenken in jeden Gegenstand, an den er herantritt, Achtung vor der Wahrheit — sind für Harden Dinge aus einer andern psychischen Region. Und er ist ein Götheschwärmer! Und er ficht für Deutschland, für Mutter Germanias Interessen! Harden der Germane! Witkowski der Antisemit! Risum teneatis! Nach Zigeunerart Vor einigen Tagen brachte die „Vossische Zeitung" folgendes Telegramm aus Kattowitz: „Die russischen Auswanderer, die die preußische Grenze passieren, müssen jetzt auf Grund einer neuen Verfügung außer den vorgeschriebenen Legitimationspapieren den revidierenden Gendarmen eine bestimmte Summe baren Geldes vorweisen. Die Summe ist bei Erwachsenen auf 400, bei Kindern auf 300 Mark festgesetzt. Wer diese Summe nicht vorweisen kann, wird über die Grenze zurückgeschoben." Diese Nachricht wird bestätigt durch Meldungen von der Grenze, durch Berichte, die in den jüdischen Zeitungen Rußlands veröffentlicht wurden. Kann man diese Maßregel anders als eine grausame nennen? Man denke: In Rußland herrscht Elend, himmelschreiende Not. Pogrompanik jede Stunde. Die Juden, die den Sündenbock für alle Schandtaten der russischen Behörden und für die Dummheit des russischen Volkes abgeben müssen, sind keinen Augenblick ihres Lebens sicher. Nun wollen sie flüchten. Nach Nordamerika, nach Kanada, nach Afrika, überallhin, wo man sie noch duldet. Sie würden wahrscheinlich Deutschland meiden, wenn sie es könnten. Denn sie wissen wohl, diese Ärmsten, mit welchem haßerfüllten Blicke der Deutsche, vom Gendarm bis zum gaffenden Spießer, sie betrachtet Sie wissen wohl, daß sie in diesem Lande nicht verweilen dürfen, daß ihrer sicher das Ausweisungsurteil harrt. Aber die Grenzen kann man ja nicht verschieben. Es gibt ja schließlich nur einen Durchgangspunkt für die Auswanderer aus Rußland, und das ist Deutschland. Schaden die Auswanderer irgend jemandem im Deutschen Reich? Leidet das Land darunter? Offenbar ist doch das Gegenteil der Fall. Werden nicht die deutschen Schiffahrtsgesellschaften reich vom Blut und Schweiß dieser Auswanderer? Und werden die deutschen Eisenbahnen etwa ärmer dadurch, daß sie um so und so viele Tausende von Passagieren jährlich mehr haben? Nehmen wir an, die deutsche Regierung erachte es für eine „Staatsgefahr", wenn ausländische, d. h. russische Juden sich in Preußen niederlassen. Die preußische Regierung ist Herr in ihrem Hause und darf ihre „Staatsräson" walten lassen. Es ist zwar ein Verstoß gegen die Humanität und den „Fortschritt", auf die man sich in Preußen - Deutschland so gerne stützt, daß man den „Fremden, der in Eurer Mitte wohnt", unterdrücke und ausweise, — doch „cuius regio—hujus religio" —wes Land, — des Glauben ... Aber gibts eine Staatsräson, die gebieten würde, Durch - Wanderern den Einlaß zu erschweren und beinahe unmöglich zu machen? Was geht es die deutschen Behörden an, ob der Auswanderer genug Geld hat, und wer hat ihnen das Recht gegeben, diese willkürlichen Ziffern aufzustellen? „400 Mark bei Erwachsenen, SOO Mark bei Kindern!" Wenn also ein Auswanderer mit einer Frau und, sagen wir, 4—5 Kindern ankommt, so muß er gegen 2000 Mark Bargeld haben? Heißt es nicht, die armen Auswanderer einfach verhöhnen, wenn man von ihnen eine solche unerschwingliche Summe verlangt? Amerika fordert von den Einwanderern, die dort landen und sich ansiedeln, die ziemlich geringe Summe von etwa 45—50 Mark pro Kopf. Was gibt also den deutschen Grenzbehörden die Berechtigung, die Summe von 400 M. zu verlangen? Gegen etwaige Niederlassungsgelüste der russischen Juden hat sich ja die deutsche Regierung durch die sehr dehnbare Auslegung und Handhabung des Fremdengesetzes gesichert. Welche Motive, ja, welche völkerrechtlichen Bestimmungen veranlassen und berechtigen zu weiteren Repressalien, zu noch härteren Rechtsschmälerungen der russisch-jüdischen Auswanderer? Sind etwa der Junker- und Kreuzzeitungspartei die Ausweisungspolitik des Herrn von Bodes, der Kontrollstationspferch und die Balliniade nicht scharfmacherisch genug? Oder sind die russischen Juden wirklich Zigeuner, mit denen man umspringen kann, wie es einem gerade einfällt? Im sechszehnten und siebzehnten Jahrhundert waren die Zigeuner „vogelfrei". Sie wurden aus den Grenzen des einen Landes ausgewiesen, in das Nachbarland aber unter Todesstrafe nicht eingelassen. — Dies hat das Rechtsbewußtsein der „guten, alten Zeit" als einen normalen, legalen Zustand betrachtet. Sind die russischen Juden Zigeuner? Darf man sich ihnen gegenüber alles erlauben, ohne daß das Rechtsbewußtsein dagegen sich auflehnt? Wir haben von der russischen Regierung, der es in dieser Frage als erster obliegen würde, Schritte einzuleiten, nichts zu erwarten. Aber wir fragen vor allem die westeuropäischen Juden: Können sie es dulden, daß Juden, die Majorität der Juden, als Zigeuner, nein, schlimmer als Zigeuner behandelt werden, deren Ansiedlungen man in deutschen Orten toleriert, aus denen russische Juden schonungslos ausgewiesen werden? Der „Überale Kurs" in Rußland Die dienstfertige Presse hat bei dem Amtsantritt Stolypms die Kunde verbreitet, das Ministerium sei nicht im mindesten reaktionär, sondern im Gegenteil sehr „liberal". Herr Stolypin ließ sich seinerzeit von Korrespondenten Pariser Zeitungen interviewen und entwickelte ihnen sein „liberales" Programm. Unter anderem wollte er die Gleichberechtigung der Juden noch vor der Dumaeinberufung einführen. In Rußland glaubte natürlich kein Mensch an diese schönen Worte, aber die ausländischen Bankiers spielten drauf lustig auf Hausse in russischen Papieren, und die Schalmeien der Journalisten ertönten von Lobeshymnen auf die Weisheit und Weitsichtigkeit des Herrn Stolypin. Jetzt hat sich Stolypin in seiner wahren 2