Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 32 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 32 DIEXffiELT 17 lassen wurden. Um Mißverständnissen vorzubeugen, sandte der englische Agent und Generalkonsul in Ägypten am 13. April 1892 eine- Note an den Minister des Auswärtigen in Ägypten, Tigrane- Pascha, worin er erwähnt, und zwar auf eine mehr oder weniger genaue Weise, wie die Grenzen von Ägypten zu verwalten seien. Das Territorium im Osten, begrenzt durch eine Linie, die von Osten nach Süd-Osten zu verläuft, reicht an einem Punkte in kurzer Entfernung bis zum Osten des El Arisch, und von da zum oberen Teile des Golfes von Akaba. Die Festung Akaba, östlich welcher diese Linie verläuft, sollte natürlich zum Vilajet von Hijaz gehören, während Tabat im Besitze von Ägypten verblieb. Dies ist die Behauptung der Anglo-Ägyptischen Regierung. „Die Welt" ist nicht der Platz dafür, die Einzelheiten dieser Frage zu erwägen. Aber daß die ägyptische Regierung irgendwelche Ideen hätte, durch List auf das Ende der neuen Zweigbahn von Hijaz Beschlag zu legen, scheint höchst unwahrscheinlich. Ein Blick in Lord Cronmer's Bericht über die Verwaltung von Ägypten und London (Seite 13 und folgende) vom Jahre 1905 macht es ersichtlich, daß das einzige, was durch die Regierung geschehen ist, war, daß diese im Mai 1905 Mr. Jennings mit einigen Policemen nach der Sinai-Halbinsel sandte, um dort Verbrechen unterdrücken zu lassen und eine geregelte Verwaltung in der dortigen Gegend anzubahnen. Es ist selbstredend, daß einige der wildwachsenden Fabeln, für politische Zwecke benutzt, nach Jaffa gelangten. Der Osten ist in dieser Beziehung ebenso wie der Westen, nur muß man eben verstehen, die Spreu vom Weizen zu sondern. Hochachtungsvoll Professor Richard Gottheil, Villa Paulina, Freudenstadt Württemberg. c =0 □□□□□□ o >0 . 12^= FEUILLETON □ □ □ □ □ □ jj O DIE LEGENDE DER CHASSIDIM Von MARTIN BUBER Die Legende der Chassidim erzählt das Leben des Israel Baalschem, des „Meisters des wundersamen Gottesnamens", des Begründers der letzten und höchsten Phase jüdischer Mystik, und das Leben seiner Schüler 'und Schülersschüler. Sie hat sich in der zweiten Hälfte des achtzehnten und der ersten des neunzehnten Jahrhunderts im Gange der Geschlechter gebildet als die jüngste aller Legenden. Von den Zivilisierten und Aufgeklärten lange verachtet, von den Historikern des Judentums geschmäht oder verschwiegen, ist sie in unseren Tagen als eine hohe Schöpfung unserer dichtenden Kraft und als Phänomen von Wärme, Farbigkeit und Lebensgefühl mitten in einem erkalteten, verblichenen und erstarrten Schrifttum erkannt worden. Wohl hat sie nicht die rauhe Macht, in der die Buddhalegende redet, und nicht die innige, die die Sprache der Franziskuslegende ist. Nicht im Schatten uralter itaine und nicht an silbergrünen Olivenhängen erwuchs sie, in engen Gassen und dumpfen Kammern ging sie von ungelenken Lippen m bange lauschenden Ohren, ein Stammeln gebar sie und ein Stammeln trug sie weiter, denn die Menschen der Gassen und der Kammern wußten nur die Worte der Lehre und ihrer Deutung, iber wenn die Sehnsucht über sie kam und Bilder der Überlieferung nit Bildern des Traumes zur Legende verband, konnten sie nicht sprechen. Und wenn sie nun doch erzählen mußten, weil die ierrin über ihnen war, da stammelten sie eine seltsame Sprache, gemischt aus den Elementen, die ihr Leben regierten, aus der Rede ler Bibel und der Rede des Marktes, die nun seltsam gemischt iiid. doch gesondert nebeneinander wohnten; zwischen den beiden iber blitzten hier und da, wie aus der Erde heraufsprühend, die lammen einer dritten Rede auf, eine starke, reine Flammensprache, yie sie hier und da in dem Sohar und den anderen Schriften der Cabbala unvermittelt und jäh aus dem Boden emporschlägt, aber ioch wieder in ursprünglichen, neuen, unberühmten Worten, von :enen es auf ewig unbegreiflich bleiben wird, wie sierin den Seelen iieser erblich lebensfremden Menschen gezeugt werden konnten. Seltsam wie die chassidische Ekstase, die hundert Jahre die Juden ses Ostens mit läuterndem Feuer durchbrannte, seltsam wie die 'hassidische Phantasie, die aus dem Feuer der Ekstase heraufblühte md den Stamm, der anderthalb Jahrtausend lang kaum je der Mund zur Erzählung öffnete, Geschichten spinnen ließ, wie nun rgend eine sagenschöpferische Nation und die Ältesten Europas zu lessen Jüngsten im naivem Volksschaffen machte, so seltsam ist iuch die Sprache, in der diese Phantasie redet. Diese Sprache kann nur der verstehen, der, von ihr umgeben, Kind war. Jedem anderen wird sie roh und öde erscheinen. Ich durfte mich daher nicht damit begnügen, das Vorgefundene zu übertragen. Ich habe die Erzählung nachgebildet, — nacherzählt, wenn man will; aber ich habe alle Elemente der starken, reinen Flammensprache gewahrt und die anderen, die Rede der Bibel und die Rede des Marktes, nur da völlig verworfen, wo die erste der Seele des Erzählten fremd und die zweite des Geistes des Erzählten unwürdig war. i. Die Heiligen des Herrn und die Rache Als die Macht des Bilbul über die Stadt Pawlicz kam und der Triumph der Lüge einherfuhr, flohen aus allen Orten der Gegend die Juden vor der drohenden Vernichtung in die Weite. Aber einige fromme, alte Männer wollten sich nicht bewegen lassen, von dannen zu ziehen. Sie sprachen zu ihren Seelen: „Wie eine lange eingedämmte Schleuse ist dieses fremde Volk, es will uns schlagen, um seine Kraft zu schmecken. Aber wie lange sind wir selbst wie eine eingedämmte Schleuse gewesen und konnten Gott nicht dienen nach unserem Sinne! Von Geburt auf war unser Leben ein gestörter und entweihter Gottesdienst. Denn hier ist die Welt eng und dumpf, und wir haben keinen Raum, dem Herrn zu jubeln, und wir atmen eine Luft, die nicht des Herrn ist. Einst war die Mazo das Werk unseres Feldes, und die Kraft unserer Hände lebte in unserem Felde und diente Gott. Aber jetzt kommt die Mazo zu uns aus der Erde der Fremden, die unser Feind ist. Einst v/ar der Esrog die Lust unseres Gartens, und der Herzschlag unserer Freude lebte in unserem Garten und diente Gott. Aber jetzt kommt der Esrog zu uns wie ein Gast aus einem sehr fernen Lande, das wir nicht schauen werden. Und in diesem fernen Lande sind die Wurzeln unseres Gebetes geblieben. Nun sprechen wir die Worte, aber sie haben« keine Wurzeln, und wie könnten sie da zu Gott emporwachsen? Es ist uns nicht gegeben, dem Herrn mit unserem Leben zu dienen. So wollen wir ihm mit unserem Tode dienen und ausharren zur Heiligung seines Namens." Also sprachen sie und ließen sich in Gewahrsam nehmen und warteten in Freuden, daß sie getötet würden. Aber einer war nicht mit ihnen geblieben. Das war Rabbi David von Koraczow. In jungen Jahren hatte er ein Buch begonnen, in dem gesagt wurde, wie man Gott dienen könne mit seinem Leben. Er hatte streng und hart gelebt und alle Kraft und alles Verlangen und alle Gedanken in das Buch getan. Wenn er irgend etwas träumte und wollte, nahm er seinen Traum und seinen Willen wie einen Stein in die Hand und legte ihn auf die anderen, daß sein Bau zu Gott emporwachse. So fügte sich ein Teil des Buches langsam zum anderen. Es war aber alles darin so angeordnet, daß ein Aufstieg waltete von niedern Stufen des Dienstes zu immer höhern. Und so oft er daranging, von einer neuen Stufe zu reden, bereitete sich Rabbi David in großer Glut der Seele und lebte in Sammlung alle Tage, bis er in seine Kammer ging, um zu schreiben. Da saß er dann und tat sein Werk, und keiner durfte ihn rufen und zu Speise und Trank oder zum Schlafe mahnen, bis er vollendet hatte, von der Stufe zu reden. Und er sprach zu keinem von seinem Buche. Als aber der Bilbul dahergezogen kam, unterredete sich Rabbi David mit seiner Seele, und es war ein tiefes Zwiegespräch durch viele Stunden in der stillen Kammer. Und das Buch, das bis zur höchsten Stufe gediehen war — von dieser aber war noch nicht begonnen zu reden —:, lag auf dem Tische, und er sah es nicht an. Zuletzt aber kam sein Blick und ruhte ■'if'