Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 32 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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14 DIEMKE LT No. 32 BEERSEBA Von DAVIS TRIETSCH, Jaffa. Wer von Gaza nach Beerseba geht, der sieht etwas, was man in ganz Palästina zum zweiten Mal nicht sehen kann: Endlose Flächen Landes ohne Berge 'und Hügel, ohne Ortschaften, ohne Baumwuchs, ohne Brunnen — ohne die geringste Abwechslung im Landschaftsbilde — und doch ein wundervoll gesegnetes Stück Land. Hier wächst, was Gaza an Kornfrucht exportiert. Ein Gebiet von zwei Millionen Dunam Land ist fast ein großes Kornfeld, das Abrahams-Brunnen in Beerseba (jetzt Maschinenhaus der städtischen Wassserleitung) alljährlich Erträge liefert, die kaum vom besten Kulturland übertroffen werden. Und doch kennt man hier weder Dünger noch moderne Maschinerie, und doch fehlt es hier gänzlich an der dichten Bevölkerung, die anderwärts als Erklärung für gute Landerträge dienen kann. Kein Dampfpflug, keine vier Pferde und keine zwei Ochsen ziehen hier die Pflugschar, sondern ein Eselchen ritzt mit dem unglaublich primitiven, an einem Holzgestell befestigten Eisendorn das Erdreich etwa zehn Zentimeter tief. Die ganze Maschine kostet noch keine drei Francs. Aber der Boden ist so locker und hält die Feuchtigkeit der Niederschläge (Regen und Tau) so gut, daß eine Ernte erzielt wird, wie anderwärts nur unter ausnahmsweise guten Bedingungen und unter Anwendung von aller möglichen modernen Wissenschaft und Technik, die dem Beduinen hier heute noch so fremd ist, wie weiland unserem Vater Abraham, der ebenfalls in dieser Gegend ein fürstlicher Landwirt war. Die Lockerheit des Bodens erklärt auch, wie die Beduinen- Scheiks mit den geringen Arbeitskräften, die ihnen zur Verfügung stehen, solche Flächen Landes pflügen können. Bei der Ernte freilich und beim Dreschen helfen ihnen die Araber von El-Arisch, die zur Sommerszeit zu Tausenden mit ihrem Vieh hierherkommen. Die „Stadt" Beerseba ist noch sehr jung.*) Sie hat aber jetzt schon erhebliche Bedeutung. Vor acht Jahren wurde eine Regierungs- Station dort etabliert, Beerseba wurde Sitz eines Kaimakam (Sous- Gouverneurs), dem der Distrikt mit seinen ca. 70 000 Beduinen unterstellt wurde, es kam einiges Militär hin und man baute ein geräumiges, schönes Regierungsgebäude (Serail) nebst Kaserne. Drei Jahre nach Gründung dieses neuen Regierungssitzes gab es dort erst drei Häuser, darunter eine jüdische Getreidemühle. Seitdem wurden von der Regierung große Anstrengungen gemacht, den Ort zu heben, und er ist jetzt in flotter Entwickelung begriffen. Zur Zeit zählt Beerseba an hundert gut gebaute Steinhäuser mit annähernd 800 Einwohnern. Zahlreiche Läden machen den Ort zum Hauptmarkt der Beduinen des Distriktes. Der städtische Baugrund, den die Regierung mit 10 Lt. (Türkische Lira zu 18,36 Mark) per Dunam abgab und noch gibt, ist an bebauten Stellen aus privater Hand schon nicht mehr unter dem siebenfachen Preis zu haben. Eine gemietete Wohnung kostet ca. 150 Francs jährlich für zwei kleine Zimmer, ein winziger Laden von 3X4 Metern Fläche kostet 120 Francs jährliche Miete. Diese für ein so weltfernes Nest sehr hohen Preise deuten auf ungewöhnliche Verhältnisse, und solche hat hier in der Tat die Regierung geschaffen! Wir trauten unseren Augen kaum, als wir eine leibhaftige städtische Wasserleitung im Bau sahen, die übrigens inzwischen vollendet worden ist und gut funktioniert. Noch merkwürdiger ist, daß man zu dieser Wasserleitung den alten Brunnen Abrahams exploitiert. Wir fanden über dem alten Brunnen ein neues Steingebäude mit einem Petroleum-Motor und eine Getreidemühle daneben. Der Motor pumpt das Wasser mittelst einer 800 Meter langen Rohrleitung in das ca. 20 Meter höher gelegene Reservoir neben dem Serail. Ist das Reservoir gefüllt, so drückt es das Wasser durch seine höhere Lage in die Leitung zurück, die beide Hauptstraßen der Stadt durchläuft und so kann jedes Haus der Leitung seinen Wasserbedarf entnehmen. Wenn der Motor früh morgens den Tagesbedarf der Stadt in das Reservoir hinaufgepumpt hat, so steht er für den Rest des Tages für die Getreidemühle zur Verfügung, die für Rechnung der Regierung arbeitet. Die Anlage wurde von der Stein'schen Fabrik in Jaffa geliefert und installiert. Der sehr energische jetzige rCaimakam ist auch außerdem bemüht, den Ort zu heben und besonders neue Verkehrswege zu schaffen. Bis jetzt war Beerseba so ziemlich von aller Kultur abgeschnitten. Von Gaza kam die Post zweimal per Woche. Eine Straße existiert weder zwischen Beerseba und Gaza, noch zwischen Beerseba und Hebron. Die erstgenannte Verbindung wird zweifellos sehr bald hergestellt werden, besonders, wenn die Verbesserungen am Hafen von Gaza vorgenommen sein , werden. Auch bietet die beinahe völlig ebene Strecke, die schon ohne Straßen fast durchgängig für Wagen passierbar ist, dem Straßenbau keinerlei Schwierigkeit. Anders die Strecke Beerseba-Hebron. Diese führt nur etwa im ersten Drittel durch einigermaßen flaches Land. Dann aber beginnt eine regelrechte Kletterpartie bei der auch geübte Reiter streckenweise lieber zu Fuß gehen, als hoch zu Kameel die oft *) Der letzte „Baedeker" (VI. Aufl. 1904) kennt sie noch nicht. Er erwähnt nur die Brunnen und die Trümmerfelder der früheren, schon im XIV. Jahrhundert verlassenen Stadt. Baedeker sagt: „.....Der mittlere und östliche Brunnen sind mit Schöpfmaschinen versehen; nahe dem mittleren steht ein Chän (Karawanserei). Die Brunnen werden noch heute von den Beduinen besucht, die. dem Erbauer der Anlagen, Schech Suwelim von den Azäzime-Beduinen, für das Tränken der Herden etwas zahlen müssen."