Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 32 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- – (sequence 5)
- Language
- German
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No. 32 DIE3^ELT des „Berliner Tagebl." lesen. Und sie hatten nicht Unrecht, die Apostel des Liberalismus, indem sie gerade diesen Augenblick, einen Geschichtsmoment von höchster Bedeutung, wo die Formen der Gesellschaft neu gehämmert und umgegossen werden, für ihre elegischen Betrachtungen gewählt haben. Denn sie haben es diesmal richtig geahnt, daß ihre Stunde geschlagen habe. Überall, in der ganzen Welt, wo nur ein politisches Leben sich regt, merkt man das immer mehr um sich greifende Abbröckeln, Absterben des Liberalismus, der „liberalen" Weltanschauung: in Frankreich, wo es nach links geht, in Deutschland, wo der starre Konservatismus, sich des Landes bemächtigt, in Rußland, wo der Liberalismus der „Kadetten" diese zum toten Punkte brachte, und sie zwang, sich nach links zu wenden. Warum? Woher diese Agonie? Beruht doch der Liberalismus auf „Ideen-von ewiger und unzerstörbarer Geltung"! War denn nicht die Idee des Liberalismus die Gleichheit und die Gerechtigkeit? Es wäre eine interessante Aufgabe, den Rückgang des Liberalismus auf seine Ursachen zu studieren, den ganzen Umbildungsprozeß der Gesellschaftsverhältnisse zu verfolgen. Hier ist jedoch nicht der Platz dafür. Wenn wir uns mit einer kleinen Bemerkung, mehr psychologischer Natur, begnügen wollten, so würden wir die Ursache des Niederganges des Liberalismus in dem immer wachsenden Abscheu der Menschen vor der Mittelmäßigkeit, der Schildbürgerei, der Borniertheit zu finden geneigt sein, Carlyle und Nietzsche und Emerson haben nicht umsonst gelebt. Sie haben den Mann der „goldenen Mitte" durch Spott und Verachtung getötet, sie haben ein neues Ideal des Menschen in die Welt geworfen. Und die „goldene Mitte", — das war die Quintessenz des Liberalismus. Wir wollen jedoch an die Frage von einer anderen, uns näher liegenden Seite herantreten. Der Liberalismus — besonders in Deutschland und Österreich — ist eine eminent jüdische politische Richtung geworden. Nicht daß die liberale Partei ausschließlich jüdische Mitglieder hätte — obwohl diese Behauptung der Wahrheit sehr nahe käme —, sondern die große Masse der Juden steht in den Reihen der Liberalen. Die Ursachen dieser Erscheinung sind bekannt. Die liberale Partei ist die Partei der Mittelbourgeoisie, — und zu dieser Klasse gehören hauptsächlich die Juden. Die liberale Partei meidet jeden Konflikt, — besonders aber nach oben, ist in ihren Grundlagen mehr verneinend als bejahend, d. h. ihr politisches Programm ist ein Abwehrprogramm. Sie tritt allen einseitigen, aber festgefügten, einheitlichen Parteiprogrammen entgegen, ohne imstande zu sein, selbst das Bild einer neuen Gesellschaft zu entwerfen. Der Liberalismus hat immer feige den Rückzug angetreten, sobald es galt, kräftig anzufassen und umstürzlerisch-kühn zu handeln. Die Geschichte der Pariser Kommune hat es bewiesen. Die Geschichte der russischen Revolution kann auch so manches davon erzählen. Und aus all diesen Gründen mußten die Juden, die in ihren Lebensinteressen mit der Bourgeoisie und dem Quietismus der halbliberalen Gesellschaftsordnung verbunden waren, mit dem Liberalismus durch dick und dünn gehen. Jetzt beginnt auch in dieser Hinsicht eine radikale Umwälzung. Die liberale Partei kann jetzt den Juden nichts bieten, — auch im Falle, venn sie lebensfähig wäre. Die Juden von heute sind dank der sozialen Differenzierung, dank der inneren Entwicklung und Aus- "eifung des Ichbewußtseins in ihren Anschauungen vom Fahrwasser des Liberalismus weit abgewichen. Jeder Tag bringt neue Beweise ciafür. Man kann es in Rußland beobachten, wo viele Juden aus der Mittelklasse, die früher der indifferenzierten Partei der „Liberalen" angehörten, heute gezwungen sind, eine andere Färbung anzunehmen, indem sie zur Sozialdemokratie oder zur jüdisch-nationalen Bewegung übergehen. Dieselbe Erscheinung sehen wir auch in Westeuropa. Eine kleine Notiz in einem antisemitischen Blatte in Deutschböhmen ist dafür charakteristisch. Wir lesen da: „Die Deutschakademische Lese- und Redehalle in Wien hat, wie die Blätter berichten, die Auflösung des Vereines beschlossen. Die Lesehalle galt als Zentral- Polnischer Flirt verein der jüdisch-liberalen Studentenschaft Wiens, führte jedoch in der letzten Zeit nur ein Scheindasein, da die deutschen Studenten sich dem Lese- und Redeverein „Germania", die jüdischen aber sich entweder den zionistischen oder sozialdemokratischen Vereinen zuwandten. Für den deutsch-liberalen Verein fiel aber so gut wie nichts ab. Wo bleibt da der liberale Nachwuchs?" Die jüdische Jugend hat mit gesundem Instinkte die Strömung der Zeit erfaßt. Die „goldene Mitte" ist auch ihr unerträglich. Man will in der letzten Zeit zwischen dem Zionismus und der Sozialdemokratie oder vielmehr zwischen dem Judentum und dem Sozialismus eine Kluft bilden, eine Animosität heranziehen. Wir wollen es nicht in Abrede stellen, daß die deutsche Sozialdemokratie von ihren engen, kleinlichen Vorurteilen sich nicht loslösen kann, sie, die in vielen Punkten eine sehr philiströse Partei ist. Die Juden, die in den Reihen der deutschen Sozialdemokratie stehen, haben nicht Mut und Rückgrat genug, um ähnlichem dummem, den Grundideen der Partei schnurstracks zuwiderlaufendem Antisemitein entgegenzutreten. Die einen sind Philister, die anderen machen den Katzenbuckel, — Macht der Gewohnheit. Aber trotz alledem und alledem ist die Kluft zwischen dem Zionismus und den radikalen Parteien viel geringer als zwischen ihm und den „liberalen". Denn liberal sein heißt ängstlich sein, Kompromisse eingehen, am Alten kleben. Antiiiberal heißt nicht konservativ. Gegen den Liberalismus Front machen ist nicht mit Reaktion identisch. Und wenn wir den jüdischen Liberalismus als eine verfehlte Politik bezeichnen, so ist es aus unserer ganzen Weltanschauung heraus von selbst klar, daß wir nicht etwa Konservatismus predigen, sondern eine radikale jüdischnationale Politik. Und von diesem Gesichtspunkte ist für uns das Absterben des Liberalismus ein Symptom des Fortschrittes. Die Polen flirten schon wieder mit den Juden in Galizien — wenigstens mit den „polnisch sprechenden". Prof. Stanislaw Glabinski veröffentlichte im „Slowo Polskie" einen Artikel über die Juden und die Wahlreform, der dadurch interessant ist, weil in ihm der Standpunkt des Polenklubs zum Ausdruck gebracht wird. Es heißt in dem Artikel: „Die jüdische Bevölkerung Galiziens zählte bei der letzten Volkszählung 811 000, somit 11 Prozent der gesamten Einwohnerzahl. Wenn daher die Volksvertreter nach Konfessionen gewählt werden sollten, oder wenn man die Juden als ein selbständiges Volk behandeln würde, so hätten sie auf Grund der Gleichberechtigung und im Verhältnis zu den 11 Prozent gegründeten Anspruch auf 11—22 Mandate. Von dieser Judenzahl entfällt 620 000, daher mehr als 8 Perzent der Gesamteinwöhnerzahl auf Juden, welche die polnische Sprache als ihre Muttersprache betrachten. Diese „jüdischen Polen" haben daher ein gegründetes und gutes Recht zu verlangen, daß ihnen in diesem Verhältnisse die Möglichkeit der Teilnahme in der parlamentarischen Vertretung unseres Landes geboten werde. Mit Rücksicht auf die nationale Strömung, welche sich auch bei einem Teile der Juden in letzter Zeit bemerkbar gemacht hat, unter Berücksichtigung ferner des Umstandes, daß die jüdische Bevölkerung im Handel, Gewerbe und in den freien Berufen eine bedeutende Stellung innehat und bisher auf die Wahl eines Juden in den Handels- und Gewerbekammern rechnen konnte, war und ist vollkommen gegründet der Wunsch, daß bei Bildung der Wahlkreise die jüdische Bevölkerung als solche berücksichtigt werde, wenn auch die Konfessionen keinesfalls die Grundlage der Wahlkreiseinteilung bilden. Unsere jüdischen Abgeordneten haben tatsächlich dieses Verlangen gestellt, und der Gs. Dr. Byk hatte in der polnischen Wahlreform-Kommission die Ansicht vertreten, „man möge bei Bildung der Wahlkreise schon von vornherein die Möglichkeit schaffen, daß 8, mindestens aber 7 Polen jüdischen Glaubens, in den Reichsrat gewählt werden können. Im Sinne dieses Wunsches hatte unsere Wahlreformkommission, welche die Notwendigkeit, den Juden einen Anteil im Reichsrate zu sichern anerkannt hat — im Einvernehmen mit dem „Kolo polskie" 2* r; I.