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Die Welt · 1906-08-10 · 32 (10.8.1906) · page 4

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
32 (10.8.1906)
Date
1906-08-10
Page
– (sequence 4)
Language
German
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ELT No. 32 6 die Stelle des alten Judentums getreten? Wie wird seine Zukunft sein? Aus dem Chaos der gärenden Entwicklung wird sich ein neuer Kern bilden. — Wie seine Form sein wird, kann man Glicht voraussagen, — aber seinen Inhalt kennen wir: — das ist die Wiedergeburt des Judentums, die Geburt einer neuen jüdischen Welt..... * * * Aus dem Fenster meines Hauses blickte ich in der Abenddämmerung auf den alten jüdischen Friedhof, der in der Ferne, inmitten grüner, üppiger Wiesen, weithin sichtbar ist. Langgedehnt und gewunden, wie der Tod, war der Zaun des Friedhofs. Dort sah man ein weißes Häuschen. Es war ein Mausoleum des legendären Rabbi Nachman von Bratzlaw. Auf diesem Friedhof war er begraben, zu diesem Häuschen wallfahrten jährlich Tausende von Chassidim, von Träumern und Mystikern. In den roten Strahlen der untergehenden Sonne glänzte das weiße Haus: ein Untergang, ein Sterben, eine Agonie! Eine alte Welt, schön und voll und eigenartig, lag dort unter diesen schwarzen Steinen, um dieses weiße Häuschen. Ein Glaube, der erstorben, Hoffnungen, die tot sind..... Und aus den Gräbern erstand neues Leben, aus der Asche der alten jüdischen Welt erhob sich eine neue, verjüngte. Wie vor der Bildung' des Chassidismus die Judenheit, von inneren Stürmen zerrüttet, in dieser Bewegung eine Zerstörung sah, in dieser Bewegung, die eine Vertiefung, Verinnerlichung des Judentums werden sollte, — so stehen wir jetzt vor der Formation eines neuen jüdischen Bewußtseins — und staunen — und hoffen. A. Cor. SKEEE POLITISCHE REVUE oooo Vor kurzem (20.-23. Juli d. J.) Einigung der jüdischen Presse ,„ mm ejne Konferenz der Vertreter der zionistischen Organe in Rußland — „Das jüdische Volk" (Jargon), „Jewrejskaja Schisnj" (russisch), „Glos Zydowski" (polnisch). Die Konferenz hatte sich die Aufgabe gestellt, über gewisse programmatische Punkte, die sich auf die Arbeit der Zionisten in Rußland beziehen, eine Verständigung zu erzielen. Und zwar war das Augenmerk hauptsächlich auf die innerpolitische Betätigung der Zionisten, auf die sogenannte „Gegenwartsarbeit" gerichtet. Die Schlüsse, zu denen die Teilnehmer der Konferenz gelangt sind, sind sehr weitgehende. Der Schwerpunkt lag in der Anerkennung der Notwendigkeit und der Möglichkeit einer „Allrussischen Jüdischen Nationalversammlung", die eine Art jüdisches Parlament bilden sollte. Es wäre jetzt, angesichts der gegebenen Zustände in Rußland, eine müßige Arbeit, über diese, wenn auch wichtige, Frage zu diskutieren. Eine Nationalversammlung der Juden in Rußland kann erst dann eine Bedeutung erlangen, überhaupt ein politischer Faktor werden, wenn das Prinzip der jüdischen Autonomie anerkannt wird, und zwar nicht nur von den Juden, sondern auch von der russischen Regierung, ja, vom russischen Volk. Denn eine unumgängliche Voraussetzung der Erfüllung dieser Forderung ist eine radikale Umwandlung, eine Demokratisierung des russischen Reiches, eine neue Verfassung auf föderalistischer Grundlage. Bis dahin blühen alle derartigen Projektierungen als fromme Wünsche. Also nicht von den Beschlüssen der Konferenz wollen wir hier sprechen, sondern von der Konferenz selbst, von der Tatsache, daß eine Konferenz stattgefunden hat. Und diese Tatsache ist eine sehr erfreuliche. War es nicht merkwürdig, daß im Gegensatz zu den vielen Versuchen, eine Einigung unter den Vertretern der Presse verschiedener Zungen und Richtungen herbeizuführen — vide die häufigen Journalistenkongresse, die abwechselnd in den europäischen Hauptstädten veranstaltet werden und die eine Annäherung zwischen den Leuten der Presse beider Welten zur Folge haben — jüdischerseits nichts unternommen worden ist, um die jüdische Presse zu einigen. Wir haben seinerzeit*) in der ,Welt" anläßlich des Journalistenkongresses in Wien geschrieben: „Die jüdische Intelligenz las bisher selten Judenblätter. Vielleicht sind die Blätter selbst Schuld daran. Sie sind zu unmodern, zu archaistisch. Aber auch dort, wo das nicht der Fall ist, geht es den Blättern nicht besser. Es ist keine Existenz, es ist ein Vegetieren. ... Da muß Abhilfe geschaffen werden. Man muß der Versumpfung der jüdischen Presse *) Vgl. „Welt" 1904. No. 40. „Vom Wege" VI. entgegenarbeiten; aber dazu ist eine Konzentrierung der Kräfte nötig. Und da wir die Leser nicht sammeln können, so wollen wir die Schriftsteller sammeln. Vor einigen Tagen weilte .in Wien ein Kongreß der internationalen Presse. Der Präsident des Kongresses war ein Jude, viele Teilnehmer waren Juden. Aber die „jüdische" Presse war nicht vertreten. Warum? Weshalb ducken wir uns überall, warum treten wir nicht auf, wo es am nötigsten wäre? Der Grund Hegt darin, daß uns eine Organisation fehlt, eine Organisation der jüdischen Presse. Und die muß geschaffen werden." ... So schrieben wir bereits vor zwei Jahren. Die Idee hat leider keinen Anklang unter den jüdischen Journalisten gefunden. Und nie ist die Idee so zeitgemäß gewesen, wie gerade jetzt Denn jetzt gibt es so viele Fragen, über die sich die Journalisten, die ihre Federn in den Dienst der Interessen der Juden gestellt haben, aussprechen müssen. Auch über technische, fachmännische Fragen. Überdies ist seither die jüdische Presse an Bedeutung und Ernst sehr gewachsen^ Es wäre die rechte Zeit, die Frage zu erörtern, wie man die jüdische Journalistik noch mehr heben, sie den gewaltigen Anforderungen des jüdischen Lebens noch mehr nutzbar machen könnte und welche Mittel uns zur Verfügung stehen. Wir begrüßen deshalb den ersten Versuch, den unsere Kollegen in Rußland gemacht haben. Aber damit ist es nicht genug. Nicht auf Zionisten allein und nicht bloß auf Rußland darf sich die angestrebte Einigung beschränken. Obwohl wir das engere Zusammenschließen, die Annäherung zwischen den Organen der zionistischen Bewegung für notwendig, ja unentbehrlich halten, da jede unkoordinierte Arbeit nur von Schaden ist, so glauben wir, daß wir das Ziel weiter stecken müßten. Eine Konferenz der alljüdischen Presse wäre jetzt geboten. Wir für unsern Teil wenigstens würden es als einen bedeutsamen Fortschritt der jüdischen Sache betrachten, wenn diese Anregung auf fruchtbaren Boden fiele. Das Absterben des Liberalismus „Der Liberalismus hat eine ehrenvolle Vergangenheit hinter sich; er hat eine große Arbeit im Sinne der Menschheitsbefreiung geleistet. Wenn er auch gegenwärtig einen schweren Stand hat gegen die Feinde von rechts und links, so ist er nicht tot, denn seine innere Lebenskraft beruht auf Ideen von ewiger und unzerstörbarer Geltung . . . Darum ist der Liberalismus nicht totzuschlagen, nicht mit Säbeln, nicht mit Knüppeln, noch selbst mit Stimmzetteln." . . . Diese elegischen Worte, die beinahe wie ein „De Profundis" des Liberalismus klingen, konnte man neulich in einem Leitartikel des Leiborgans des deutschen Spießerliberalismus, 9

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