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Die Welt · 1906-08-10 · 32 (10.8.1906) · page 3

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
32 (10.8.1906)
Date
1906-08-10
Page
– (sequence 3)
Language
German
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No. 32 DIEEqE zu mir eine Stimmung, die tragisch ist in ihrer wundersamen Mischung, in ihrer Halbheit...... „Wer nicht den 17. Oktober erlebt hat, der weiß nicht, was Freude ist" — hörte ich von jung und alt, von Männern und Frauen. Man denke sich, der Tag der Verheißung sei gekommen. Ein Jubel im ganzen Lande. Die Freiheit, die ersehnte, die erkämpfte, ist da. Aus tausend Kehlen jauchzt sie, aus tausend Augen weint sie. Jude und Christ, der reiche Bürger und der arme Bauer, der solide „Bourgeois" und der revolutionäre Sozialist — alle von einem Qedanken beseelt: Die Freiheit ist errungen. Drei Tage und drei Nächte saßen sie in den verschiedenen Meetingsräumen. Im Stadttheater allein waren 10 000 Menschen versammelt. Mütter kamen mit ihren Säuglingen, Qreise auf den Krückstöcken. Und alle horchten sie auf die süßen Worte der Freiheit..... „Und wer nicht den Pogrom vom 18. Oktober erlebt hat . . . ." fügten sie dann hinzu. Nach dem himmelhochjauchzenden Gefühl der großen Befreiung das furchtbare, niederschmetternde Unglück. Noch furchtbarer, weil es unmittelbar auf den Tag der Freude folgte. Noch niederschmetternder, weil es alle Hoffnungen zu schänden machte. Dieser eine Tag hat in den Seelen vieler Juden eine Revolution hervorgebracht. Das, woran sie ihr ganzes Leben lang nicht glaubten, war da — der Sieg der Revolution, der Idee. Und sie wurden auch revolutionär. Es schienMhnen eine Weile, sie seien mit dem russischen Volk wirklich verwachsen, sie seien Kinder des russischen Bodens. Und wenn solche Stimmungen über einen kommen, dann wirken sie nachhaltig, wie ein tiefer Ton, der noch lange, lange nachhallt. Und am zweiten Tag kam das „russische Volk", kamen die „Brüder", die Bauern und massakrierten die Juden. Die Freude verflog, aber das Gefühl der bittersten Empörung blieb. Die Hand, die sich zum Gruße streckte, nat sich zur Faust geballt. Jeder Jude ist jetzt „bewußt" geworden, bewußt seiner selbst und seiner Würde. Und deshalb macht ein Pogrom in Rußland nicht mehr diese niederschmetternde Wirkung wie früher. Es ist jine Kampf- und Trutzstimmung über die Seelen aller gekommen. Ich habe von einer älteren, simplen und reuherzigen jüdischen Frau einen charakteristischen Satz gehört: — „Als das Gerücht von den ersten Pogroms m Jahre . 1881 (in Balta, Odessa, Jelisabethgrad usw.) a\ uns drang und wir in unserer Stadt einen ähnlichen Uisbruch befürchteten, da sah es in der Stadt wie am Tage der Zerstörung Jerusalems aus. Wie Schafe, die zur Schlachtbank geführt werden, gingen damals die Juden herum, rangen die Hände, suchten Schutz, waren jämmerlich und ratlos. Als ich aber etzt während des Oktoberpogroms aus dem Fenster meines Hauses die jüdische Selbstwehr, lauter bekannte iunge Leute, trotz der Soldaten und des Maschinengewehrs wie Löwen stolz und furchtlos eilen sah, um die Stadt zu verteidigen, da schluchzte in mir mein Herz — vor Schmerz um die jungen Kinder, die vielleicht umkommen werden, aber auch vor Stolz, daß wir uns wehren können" . . . Auch eine Umwertung! Früher war das Ideal des Juden der blasse, lebensfremde, sonnenscheue Träumer und Büchermensch. Dieses Bild ist jetzt verdrängt worden und an seine Stelle ist das Ideal des lebensvollen, kämpfenden Menschen getreten. Mit welcher Achtung, mit welcher Ehrfurcht die einfachen Juden ELT jetzt von den Kämpfern der russischen Freiheit, von den Märtyrern der Revolution reden. Nie ist der Sinn des Juden, auch des weltfremdesten, so wach und aufhorchend gewesen, wie jetzt. Man muß es mit eigenen Augen gesehen haben, mit welcher Spannung die politischen Vorgänge, die Debatten in der Duma in der jüdischen Welt verfolgt wurden. Noch nie — auch nicht in den romanischen Ländern, wo das politische Leben sehr entwickelt ist, — hat ein Volk soviel tiefes Verständnis für Politik gezeigt, wie die Juden in Rußland. Man könnte sagen, sie seien das politische Volk par excellence. Gruppenweise standen sie auf der Straße oder in einem Lokale und lauschten auf die Berichte der Zeitung, die einer von ihnen vorlas. Jedes Wort wurde kommentiert, gedeutet, kritisiert. Und dann kam die Auflösung der Duma! Es traf die Juden wie ein Schlag, wie ein plötzliches Gewitter. „Es ist so bange ohne die Duma" — sagt das Volk. Die Duma war das einzige Ventil, die Tribüne, von der auch das jüdische Volk zur ganzen Welt: sprechen konnte. Und auch dieses Ventil ist geschlossen. Vor den Augen aller schwebt wiederum das Gespenst der Oktobertage — und auf den Seelen aller lastet die schicksalschwere Frage: Was nun? Und der Jude, der immer geneigt ist, optimistisch das Leben und die Zukunft zu betrachten, sagt sich: Es wird Licht werden — die Revolution wird siegen. . . Die Revolution! Ob sie auch nicht eine Fata morgana ist? Gleichberechtigung — und nachher? Kann denn die Gleichberechtigung der russischen Juden ihr letztes Ideal, ihre ultima Thüle sein? Nein, schon jetzt hat sich das nationale Bewußtsein so stark und tief entwickelt, daß es sich nicht durch eine einfache negative Konzession — denn Gleichberechtigung heißt ja bloß die Aufhebung der bestehenden Schranken — zufrieden geben könnte. Schon jetzt tauchen Programme und politische Forderungen auf. Viele sind unreif, manche sind ernster Natur und werden auch im Leben der russischen Juden eine Rolle spielen, aber alle sind noch undifferenziert, verschwommen und theoretisch. Man hört in Westeuropa sehr oft die Äußerung, daß die russischen Juden verblendet seien, indem sie anstatt realpolitisch vorzugehen und mit der russischen Regierung zu paktieren, gegen diese auftreten und Revolution machen. Man muß ein echter westlicher Kompromißspießbürger sein, der sich auf seine Farblosigkeit etwas einbildet, um zu einem solchen Schlüsse zu gelangen. Man läßt dabei außer Acht, daß die überschäumenden Kräfte, die überwuchernde, überreife Intelligenz, die Lebenslust des jüdischen Volkes in Rußland einen Ausgang, eine Betätigung finden müssen. Und wie sollen sich die Knospen zu Blüten entfalten, wenn der Scherge der Autokratie mit seinem alles zerschmetternden Hammer sofort bei der Hand ist? Wie soll eine normale Entwicklung möglich sein, wenn die Willkür des Polizisten die einzige Norm des Lebens ist? Wie soll man mit einer Regierung paktieren, die auf Leichenhügeln herrscht? Ob die Juden von der Revolution viel oder wenig zu erwarten haben, — ist eine Frage der Zukunft. Daß sie aber ohne die Revolution dem Untergange geweiht sind, — ist eine Tatsache. Denn die Verhältnisse zwingen, die alten Tafeln zu zerbrechen. Und die neuen Tafeln können nicht vom Berge hinuntergetragen werden. Was ist jetzt an

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