Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 32 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316219--48395-3343322- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
DIETOELT No. 32 — oder vielleicht des jüdischen überhaupt — Lebens eröffnete, aber auch zur Auflösung der alten Ordnung, des alteingewurzelten, festgefügten Judentums führte. Der rationalistische Qaon war der Vorgänger der Stürmer und Dränger der „Aufklärung", der geistige Vater von Gordon, Lewinson, Qottlober usw. Die Bewegung blieb aber auch nicht bei der Aufklärung stehen. Ein Quaderstein nach dem anderen fiel, und das ganze Gebäude ist, wenn nicht ganz zusammengestürzt, so doch schwach und lose geworden. Man sieht es augenscheinlich. Und vielleicht nirgends ist der historische Gegensatz so auffällig wie in Wilna. Freitag abends. . . Nach alter, uralter Sitte wird in den Bethäusern gesungen. In den Häusern brennen feiertäglich die Kerzen. Durch die Fensterspalten sieht man die weißgedeckten Tische. Eine mystische Stimmung spricht aus den schwarzen Gäßchen, wo einige Stunden vorher ein so lärmendes, kleinliches, armes Leben geherrscht hat. Es ist der Samstag von einst und die Ruhe von Jahren, die vergangen sind. Und doch ist es nicht mehr dasselbe. Durch die feierliche träumerische Stille des Abends dringt ein Mißton, ein neuer Klang, der die Stille übertönt und verschlingt. An den Ecken der Gassen, aus den Toren und Höfen der kleinen Häuser kommen, einer nach dem anderen, Jünglinge, es kommen Scharen von jungen Mädchen. Und sie alle tragen das Gepräge einer anderen Welt, eines neuen Gedankenreiches, das mit dieser Gasse, mit der alten Schul, mit den Traditionen des altjüdischen Lebens nichts zu tun hat. Die jungen Leute gewöhnlich in schwarzen oder blauen russischen Hemden. Sie gehen an der „Schul" vorüber. Sie bleiben gleichgiltig. In ihnen wird keine Stimmung rege. Nicht einmal die Kampf- oder Haßstimmung. Die früheren Vorkämpfer der Befreiung vom Ghetto haben das Ghetto, die Synagoge gehaßt, sie haben gegen das alte Judentum gekämpft — aber sie haben ihnen Rechnung getragen, wie einem wichtigen Faktor in ihrem Leben. Die Kämpfer für die Freiheit von heute kennen das Judentum nicht mehr, hassen es nicht — weil sie es nie geliebt haben, bleiben gleichgiltig ihm gegenüber, weil es keinen Platz mehr in ihrem Leben einnimmt. . . . „Als ich noch jung war", sagte mir einer der alten „Assimilanten", der Champions der „Los-vom-Ghetto"- Bewegung, „war es eine tapfere Tat, ein Erlebnis, eine Zigarre am Samstag zu rauchen. Und es war mein Hauptspaß, Freitag abends dem krummen Reb Nuchim, der von der Synagoge nach Haus ging, mit einer brennenden Zigarrette auf der Straße zu begegnen. Mein Sohn weiß nicht mehr, daß man am Samstag nicht rauchen darf. Für ihn ist die Welt so einfach geworden". . . Gegen das alte Judentum kämpft man nicht mehr. Aber wogegen? Gegen die Bourgeoisie! Kein Wort kommt in den Gesprächen der Jugend so oft vor wie dieses. „Bourgeoisie", „bourgeoise Weltanschauung", „proletarische Psychologie", „marxistische Geschichtsphilosophie", das sind die gangbarsten Worte, die man auf den Straßen der „Tscherta", von Wilna bis Kowno und von Warschau bis Schitomir hören kann „aus dem Munde von Kindern und Säuglingen". . . Da gehen zwei Bürschchen auf der Straße, 14- bis 15jährige. Allüren von reifen Männern. Sie reden Politik. Sie lösen alle Probleme der Soziologie, sie beschließen Streiks, sie predigen Boykott — das sind Mitglieder des „kleinen Bund". Dort stehen einige junge Leute, die wenigsten mit einem Zeichen von Haarwuchs auf dem Gesichte, und sie schleudern mit majestätischer Miene Worte wie „ökonomisch-soziale Differenzierung", „Normalisierung", „Proletarisierung", „Kleinbourgeoisie" usw. in die Welt hinaus. — Das ist die „Börse" der S. S. (Zionisten- Sozialisten d. h. Territorialisten). An der gegenüberliegenden Straßenecke ist der Klub der „S. D." usw. Und mit weicher souveränen Verachtung die S. S. von den „Bundisten", diese von den „Sozialdemokraten", alle von den „einfachen" Zionisten reden! Wenn man den Vertretern der einzelnen Parteien — nein, der einzelnen Fraktionen der Parteien — zuhört, so muß man die felsenfeste Oberzeugung gewinnen, daß alle anderen Parteien, milde gesagt, Verräter, Schufte und Ochsen sind. Und wenn es einem nicht ganz einleuchten will, worin der Unterschied zwischen einem S. S. von der „Minsker" „Richtung" und einem von der „Witebsker", zwischen einem „P. Z.", der zu den „Wosroschdenzy" hinneigt, und einem „Ssejmowetz" (Anhänger der Idee einer jüdischen Nationalversammlung in Rußland auf Grund der „fünfgliedrigen Formel") mit irgendwie anders bezeichneten Tendenzen bestehe, dann muß man sich sagen lassen, daß man ein Wiederkäuer ersten Ranges sei. Und in der Tat, diese jungen Leute, die sicherlich zum geringsten Teile irgend eine Sprache richtig sprechen oder lesen können, die wohl in ihrem kurzen Leben außer den dünnen Heftchen des „Naien Wegs" oder der bundisbischen „Literatur" nichts gelesen haben, verstehen doch diese Haarspaltereien, diese feinen, dialektisch ausgesponnenen Theorien, denen gegenüber die Arbeit der europäischen Wissenschaft als eine* Tretmühlarbeit, die Bücher der größten Denker — auch Marx wird von den ehrfurchtslosen Schülern manchmal wie ein Schusterjunge behandelt — wie alte Schmöker erscheinen. Die Autorität der Genossen „Chaim" oder „Mendel" schwebt über den Gewrässern. Sie sind die Herren der Situation. Das Leben spielt ihnen in die Hand. Umstände von außen zwingen das Judentum, sich vor dem Sturme des Neuen zu beugen, in das Neue überzugehen. Wie einst die Regierung Nikolaus des Ersten die Juden zwang, sich vöm Ghetto und von den alten Sitten zu befreien, wie sie immer darauf bedacht war, das Judentum zur Assimilation zu treiben, so tut die jetzige russische Regierung alles Menschenmögliche, um die Juden in die Arme der Revolution zu treiben. Und die Revolution heißt Umwälzung und Umwertung aller Werte — auch der jüdischen. Umwertung? Sind sie denn nicht schon entwertet? Bilden sie denn heute noch einen realen Bestandteil und nicht bloß einen seelischen Mitfaktor des jüdischen Lebens?...... * * * Weiter ins Land. Der heimatliche Süden kommt. Die weiten, unendlichen Felder, glänzend an der Sonne. Die im Abendrot schillernden Abhänge, hinter denen eine unbegrenzte Ebene geahnt wird. Ein milderer, sanfterer Zug als in Litauen, etwas geschmeidigere, weniger eckige, abgerundetere Formen des Lebens. Derselbe Himmel wie vor Jahr und Tag, dieselben alten, bekannten, vertrauten Gesichter. An manchem Juden erkenne ich noch den alten Kaftan, den er getragen hat, als ich zum ersten mal beobachten lernte. Und ich suche in den müden und verwitterten Gesichtszügen die Geschichte ihrer Seele zu lesen. Und aus ihnen spricht