Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 32 (10.8.1906)
- Date
- 1906-08-10
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE HE LT —= KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 V/eRSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG X. JAHRG. KÖLN, 10. August 1906 \yy\rb 6nn"tf 3« V' No. 32. RUSSLAND Da sind sie! Die ersten jüdischen Gesichter, die ersten wirklichen Juden Rußlands! Da ist die „Tscherta"! Es war ein herrlicher Sommermorgen. Hinter mir lag Petersburg, diese Weltstadt ohne wirklich nationale Physiognomie, die Stadt, wo Rußlands Geschichte gehämmert und zertrümmert wird. Hinter mir war die altertümliche, echt-russische, faule Stadt Pskow, der ehemalige Sitz der slavischen Freiheit, der frühere Hort der russischen republikanischen Traditionen. Der Zug kam an der Station Reschitza an — und das war die „Tscherta", der Grenzpunkt, der Schlagbaum, hinter dem das jüdische Volk lebt und sich in Schmerzen windet, leidet und hofft, träumt und ringt. Am Bahnhof sah ich die ersten jüdischen Gesichter vom guten alten Schlage, Juden, die ganz und echt sind, die aus einem einartigen Milieu entstammen und einen einheitlichen Typus darstellen. . . . Wenn man jenseits des jüdischen Mileus lebt, wenn man draußen steht, außerhalb, des „Ghettos", dann wird das Bild vom russischen Juden verdüstert, entstellt. Man sieht nur einzelne Individuen, die von drüben kommen, und diese tragen zwar das Gepräge, des Ganzen, geben sich jedoch nicht ganz und voll, weil sie von ihrem Nährboden entfernt sind. Man sieht einzelne, oft vergilbte Laubblätter, die vom mächtigen Baume durch Winde und Stürme weggerissen und in die weite Fremde hingeschleudert werden, den Baum selbst, den rauschenden, alten, geheimnisumflüsterten sieht man nicht. Und es erfaßt einen ein eigenartiges Gefühl — wenn man unter den Schatten dieses Baumes gelangt —, besonders wenn man selbst ein abgerissenes Blatt ist, vom Sturme getragen. . . . Und ich suche in jedem jüdischen Gesichte, das ich sehe, die Spuren der letzten Jahre zu entdecken, die Inschriften zu entziffern, die die Ereignisse auf den Stirnen dieser Menschen eingegraben haben. Dieselbe Geschäftigkeit wie einst, dieselbe Sorge und derselbe Ausdruck des Jagens und Haschens nach dem Stückchen Brot — nur in den Augen glimmt ein unheimliches Feuer, eine langverhaltene, tiefe Leidenschaft. Wie die Reife der Erkenntnis hat es sich über ihr Antlitz ergossen. Man sieht, daß diese Menschen vieles erlebt, vieles gesehen und noch mehr durchdacht haben. Und ich flüstere leise: „Friede mit euch!" — Friede! Für sie ein Wort aus einer andern Welt. . . . * * * Wilna . . . Das Jerusalem von Litauen . . . Eine Stadt, die von jüdischen Traditionen vollgesaugt ist, die deutlich und greifbar die Marksteine aufweist, die an den Entwicklungsetappen — soll ich sagen an den Gräbern? — der Kulturbestrebungen der Juden des Ostens stehen. Und keine andere Stadt ist so lehrreich in dieser Beziehung. Wir gehen durch die wenigen Hauptstraßen, die mehr oder weniger den allgemeinen Typus der etwas europäisierten Städte Rußlands tragen. Und wir kommen unvermittelt in die „jüdischen" Gassen hinein. Sie heißen die „jüdischen" nicht etwa im Gegensatz zu den anderen — nichtjüdischen —, sondern wegen ihrer historischen, typischen Bedeutung. Sie sind wirklich jüdisch, verknüpft mit der ganzen Geschichte des russischen Judentums, Stätten der inneren Stürme, die die Mauern des Ghettos erschüttert, durchbrochen haben. Eng und schmal sind die Gassen — wie es das jüdische Leben von damals selbst war. Es kannte nur eine Dimension, die der Höhe — oder der Tiefe. Wie die gotischen Pfeiler. Hochaufgeschossen — dünn und einsam. Diese Gäßchen waren einst eine eigene, für sich bestehende, in sich geschlossene Welt. Daist die alte „Schul", da steht die „Chossids Klaus" — das Bethaus des genialsten Vertreters der litauischen Juden — des Rabbi Eliah Hagaon. . . . Dort hat das litauische, im XVIII. und in der ersten Hälfte des XIX. Jahrhunderts das eigentliche Kulturjudentum —, seinen Höhepunkt erreicht. Der „Gaon" war der Genius dieser Zeit, die höchste Blüte dieser Kulturperiode. Eine ungeheuere Begabung, durch und durch rationalistisch, nicht schöpferisch, aber empfängerisch. Er konnte dem Judentum keine neuen Werte abringen, keine neuen Töne hinzufügen, wie es die Juden im Süden Rußlands taten, aber er wollte aus dem Judentum eine feste, geschlossene Lebenseinheit machen. . . . Und aus Wilna kam auch, durch die logische Notwendigkeit der Ereignisse hervorgerufen, der Bruch mit dem alten Judentum. Dort entbrannte der Kampf um die Aufklärung, der eine neue Epoche des ostjüdischen