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Die Welt · 1906-08-03 · 31 (3.8.1906) · page 12

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
31 (3.8.1906)
Date
1906-08-03
Page
– (sequence 12)
Language
German
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während die Bevölkerung noch immer vor dem Haüse stand und ihrer Sympathie für die Opfer der Pogrome Ausdruck gab. Vielfach brachte man auch allerlei Gaben für die Kinder, die aber ausnahmslos zurückgewiesen werden mußten mit Ausnahme von Geldspenden. Sie wurden angenommen, da auf diese Weise das zukünftige Los der Kinder erleichtert werden kann. Es ist dabei zu bemerken, daß auch ein großer Teil der christlichen Bevölkerung Lembergs Geldspenden für die Kinder hergegeben hat. Als Ausdruck der Stimmung der gesamten Bevölkerung kann es endlich betrachtet werden, daß der dortige Stadtrat einstimmig 300 Kr. für die Kinder bewilligte und eine scharfe Resulution der Entrüstung gegen die Urheber der Pogrome annahm. Nach einer gut verbrachten Nacht wurden die Kinder am folgenden Tage wiederum in zweckentsprechendster Weise verpflegt und nunmehr begann für die anwesenden zugereisten Komiteemitglieder und für die heimischen Hilfskräfte, die sich in aufopferndster Weise zur Verfügung gestellt hatten, eine außerordentlich schwierige Tätigkeit. Die Kinder mußten durch anwesende Ärzte, die für den Zweck freiwillig arbeiteten, auf das Sorgfältigste auf ihren Gesundheitszustand untersucht werden. Sie mußten gesondert werden, und es waren Dispositionen zu treffen, für Unterbringung der Kleinen entsprechend den Bedingungen, die für ihre Aufnahme von Privaten, von Vereinen und von den großen jüdischen Organisationen an den verschiedenen Orten und insbesondere von England und Amerika gestellt worden waren. Diese Arbeit wird in Lemberg noch einige Tage in Anspruch nehmen, da sie mit größter Vorsicht, um allen ausgedrückten Wünschen entsprechen zu können, ausgeführt werden muß. Es werden dabei aber auch ganz besonders die Interessen der Kinder selbst zu berücksichtigen sein. Es muß versucht werden, Geschwister in denselben Instituten oder wenigstens in derselben Stadt unterzubringen, und es muß auch in Rücksicht gezogen werden, daß bestimmte Anlagen zu einer gewissen Tätigkeit, die sich bei den ältern Kindern bereits gezeigt haben, in zweckentsprechender Weise weiter ausgebildet werden können. Ganz selbstverständlich ist es dabei, daß die Kinder ihrem definitiven Bestimmungsort erst dann zugeführt werden, wenn nach sorgfältigster ärztlicher Beobachtung Bedenken inbezug auf den Gesundheitszustand der Schützlinge absolut nicht mehr bestehen. Es. braucht nicht nochmals hervorgehoben zu werden, daß diese mehr als hundert Kinder nicht die gesamte Zahl der Waisen darstellen, denen durch die Pogrome ein so entsetzliches Schicksal bereitet worden ist. Vielfach haben sich die russischen Verwandten von den verwaisten Kindern nicht trennen wollen, vielfach war es auch möglich, die Kinder in russischen Anstalten unterzubringen. Nur dann, wenn unter Berücksichtigung aller Umstände die Fortführung der Kinder als das Geeignetste erscheinen mußte, wurden sie in die Transporte aufgenommen, und auch so beträgt die Zahl derselben über 100. Die Großloge für Deutschland, in diesem Fall insbesondere der Delegierte derselben, Herr Bergel, Fräulein Pappenheim aus Frankfurt und Herr Df. Kahn vom Zentralberichtsbureau des Hilfsvereins der Deutschen Juden, sowie Herr Feinberg aus St. Petersburg als Vertreter aller großen in Betracht kommenden Organisationen, haben nach außerordentlich mühevollen und langen Vorarbeiten den ersten Teil eines schwierigen humanitären Hilfswerks in erfreulicher Weise zum Abschluß gebracht. Sie konnten ihr Werk nur lösen, indem sie bereitwillige Unterstützung bei edlen Glaubensgenossen in den verschiedensten Teilen Rußlands fanden. Der zweite Teil der Aufgabe, der nun noch unter der bewährten Leitung der genannten Persönlichkeiten zu lösen bleibt, ist die Unterbringung der Kinder in ihrer neuen Heimat, in der ihnen hoffentlich nach den entsetzlichen Erfahrungen ihrer Jugend eine bessere Zukunft blühen wird. Wir zweifeln nicht daran, daß die Opferwilligkeit unserer Glaubensgenossen nicht nachlassen wird und daß es möglich sein wird — sollten sich hier und dort Schwierigkeiten ergeben — die Kinder doch ausnahmslos in bester Weise unterzubringen. Die Anmeldungen, die bei Fräulein Pappenheim, der Vorsitzenden der sämtlichen jüdischen Frauenvereine Deutschlands, sowie bei der Großloge für Deutschland und beim Hilfsverein der Deutschen Juden in Vervollständigung der Londoner Vereinbarungen eingelaufen sind, lassen es nicht zweifelhaft erscheinen, daß, soweit es in menschlicher Macht steht, die Kinder einer helleren Zukunft entgegengeführt werden. PETITIONEN ZUGUNSTEN Eine Eingabe an Graf Goluchowski um Intervention Wien, 30. Juli. Das Präsidium der Wiener israelischen Kultusgemeinde und jenes der Israelitischen Allianz zu Wien haben am 22. d. an den Minister des Äußern Grafen Goluchowski eine Eingabe gerichtet, in der angesichts der erschütternden Nachrichten über die Judenmassakers in Rußland die Bitte ausgedrückt wird, die österreichische Regierung möge im Verein mit anderen Mächten bei der russischen Regierung intervenieren, damit den Greueltaten gegen die Juden ein Ende gemacht werde. Die Eingabe hat folgenden Wortlaut: „Eure Exzellenz! Vor wenigen Monaten, im Dezember 1905, haben unter der Führung des Vorstandes der israelitischen Kultusgemeinde Wien die Vertreter von 427 Kultusgemeinden Österreichs in tiefer, berechtigter Sorge um ihre unglücklichen Glaubensgenossen in Rußland an Eure Exzellenz die Bitte gerichtet, gemeinsam mit den Repräsentanten anderer Mächte an die russische Regierung die Mahnung richten zu wollen, daß dieselbe den seit Jahren und Jahrzehnten sich wiederholenden Pogromen, bei welchen Tausende un,d Tausende unserer Glaubensbrüder organisierten Mörderbanden schutzlos preisgegeben werden, endlich Einhalt gebiete. Die Erregung,'welche solche Vorgänge — Kischinew, Hornel, Schitomir, Kiew und andere — in der ganzen gesitteten Welt hervorriefen, ist noch nicht gewichen, und wieder dringt zu uns die Kunde von neuen grausamen Verfolgungen. Noch vernehmen wir täglich und stündlich das Wehklagen der aus Rußland flüchtenden Opfer früherer Exzesse, und schon schließen sich ihnen in gleich namenloser Bedrängnis die zu Bettlern gewordenen Hinterbliebenen der jüngst in Bjelostok Ermordeten an.;tv Diese Exzesse sind um so nichtswürdiger, gefährlicher und empörender, als deren Vorbereitung und Durchführung — allen bei uns einlaufenden Nachrichten zufolge — geradezu auf die Urheberschaft und tätige Mitwirkung der kaiserlich russischen Regierung, nämlich jener öffentlichen Autoritäten, welche die Regierung zu repräsentieren berufen sind, hinweisen. Einige Zeit vorher ist der Ausbruch des Pogroms an dem betreffenden Orte aller Welt bekannt; den bedrohten Juden, welche kompetenten Ortes um Schutz bitten, wird der Schutz verweigert. Dort, wo sie sich zur Abwehr organisieren, werden sie von den Behörden zwangsweise entwaffnet. Polizei und Militär nehmen eine Haltung ein, die nicht allein als keine Abwehr, sondern als DER RUSSISCHEN JUDEN eine Unterstützung der Räuber und Mörder erscheint; die Amtspersonen, Polizeimeister, Offiziere, Generale, Befehlshaber, Gouverneure, welche jene Exzesse unterstützen, werden seitens der kaiserlich russischen Regierung nicht zur Verantwortung gezogen, ja sogar, wie die Kunde geht, nicht selten befördert. Die Mordbrennerbande, die Hooligans, gebärden sich, als ob sie eine anerkannt kaiserlich russische Regierungsinstitution wären. Eure Exzellenz! Angesichts der erschütternden Ereignisse wiederholen wir unsere Bitte um Intervention der hohen k. und k. Regierung, bitten wir dringendst, daß dieselbe im Vereine mit den anderen Mächten ihren gewichtigen Einfluß geltend mache, daß Rußland dem Bandenunwesen, welchem es im Vereine mit Österreich-Ungarn in anderen Staaten erfolgreich zu steuern bemüht ist, doch endlich im eigenen Lande ernstlich entgegentrete. Die enge Freundschaft, welche nach der vor wenigen Tagen verkündeten allerhöchsten Thronrede Österreich-Ungarn mit dem russischen Reiche verbindet, und das nach einem Ausspruche Eurer Exzellenz „zu einer erfreulichen Intimität sich verdichtende Verhältnis zum russischen Nachbarreiche" können es nicht als unberufene Einmischung erscheinen lassen, wenn die hohe k. und k. Regierung, den Geboten der Menschlichkeit und Gesittung folgend, ihre mahnende und warnende Stimme erhebt. Für den Vorstand der Israelitischen Allianz zu Wien: Präsident: David Ritter v. Gut mann m. p. Der Vorstand der israelitischen Kultusgemeinde Wien: Dr. Alfred Stern m. p., Präsident. Sekretär Dr. Lieben m. p. Eine Eingabe an die französische Regierung Das Schreiben, mittels dessen das Pariser Zentralkomitee der „Alliance Israelite Universelle" das französische Ministerium des Auswärtigen ersucht hat, Schiffe nach Odessa zu schicken, um den von einem Pogrom bedrohten israelitischen Einwohnern dieser Stadt eine Zuflucht zu gewähren, hat folgenden Wortlaut: „Paris, den 24. Juli 1906. Herr Minister! Mitteilungen aus Rußland lassen uns eine neue Metzelei in Odessa befürchten. Der Gouverneur dieser Stadt hat böse Äußerungen getan. Die israelitische Bevölkerung ist in Schrecken

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