Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 31 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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gesetzt. Wir müssen fürchten, sie zum andernmal Räubern und Mördern überliefert zu sehen. Die Bevölkerung weiß nicht, von wem sie Schutz erwarten darf. Es gibt immerhin einen Schutz, den die französische Regierung den Unglücklichen, die ihn suchen wollen, gewähren kann: indem sie in den Hafen von Odessa Schiffe schickt, um die Unglücklichen aufzunehmen und ihnen unter der französischen Flagge eine Zuflucht zu geben. Keine politische Rücksicht könnte solche Maßnahmen hindern, und Menschlichkeit verlangt sie. Wir kennen Ihre persönlichen Gefühle zu gut, um an der freundlichen Aufnahme unseres Gesuchs zu zweifeln. Genehmigen Sie, Herr Minister, den Ausdruck unserer ehrerbietigen Achtung." (Folgen die Unterschriften.) C ooooooooooooooo f?~ NOTIZEN ooooooooooooooo c DIE DEKABRISTEN UND DIE JUDENFRAGE EIN JUDENSTAATS-PROJEKT Als Dekabristen bezeichnet man die Generation liberaler und radikaler Russen, hauptsächlich Offiziere, die in den Jahren 1815 >is 1825 eine Anzahl geheime Gesellschaften gründeten, um für eine politische Umwälzung in Rußland zu propagieren. Der mißglückte Aufstand des 14. Dezember 1825 hat ihren Bestrebungen?in Ende gemacht. Die auf uns gekommenen Memoiren, Aussagen und Verfassungsprojekte der Dekabristen enthüllen uns jedoch ein weit angelegtes Reformprogramm, dessen Durchführung Rußland in;;anz andere Bahnen gelenkt hätte. Zu den politischen und sozialen Fragen, deren Lösung die!)ekabristen beschäftigte, gehörte auch die Judenfrage. Direkt kamen He Dekabristen mit der jüdischen Bevölkerung im Südwesten und Süden Rußlands in stete Berührung; in Tultschin, Kamjonka, Vassilkow, Kiew und Kischinew waren sie namentlich zahlreich ertreten. In Tultschin wohnte Oberst Pestel, die maßgebendste ührende .Persönlichkeit der Dekabristen, von dem wir die ausführ- :;chsten Äußerungen über die Judenfrage besitzen. Die meisten Dekabristen standen den Juden nichts weniger als sympathisch gegenüber, ja man kann das Verhältnis direkt als judenfeindlich bezeichnen. Nikita Murariew, von dessen Verfassungsprojekt zwei Fassungen erhalten geblieben sind, bildet fast die einzige Ausnahme. 1Vährend er im ersten Entwürfe sich dafür ausspricht, daß den aiden politische Rechte nur im Ansiedlungsrayon gewährt werden ollten, dehnt er diese Bestimmung in der zweiten Fassung seines Projektes auf sämtliche jüdischen Einwohner des Reiches aus und schlägt ausdrücklich vor, sie in ihren Rechten der übrigen "Bevölkerung gleichzustellen. Von dem liberalen Nikolaj Turgenew ist keine \ußerung über die Judenfrage auf uns gekommen, dagegen behandelt, /ie bereits erwähnt, Pestel diese Frage in seinem Verfassungsprojekt ^usskajaPrawda*) sehr eingehend. „Die Juden", sagt Pestel, „bewohnen hauptsächlich die Gouvernements West-, Klein- und Neurußlands und itthauens und zeichnen sich vor den übrigen Völkerschaften dadurch us,daß sie unglaublich eng untereinander zusammenhalten, daß keiner;en andern in welchen Verhältnissen und Lebensumständen auch immer errät, und daß sie bereitwillig alles das tun, was ihrer Gemeinde am Vorteil und Nutzen gereicht." Diese enge Solidarität werde ■irch folgende Tatsachen verursacht: Die Juden betrachten sich Js das auserwählte Volk, sie verachten die anderen Völker und iten sich, sich mit ihnen zu vermischen. Die Rabbiner halten is Volk von fremden Einflüssen zurück und zwingen es, nur den almund und verwandte religiöse Bücher zu studieren. Ihre Gewalt . i übermäßig groß und der Gehorsam, der ihnen entgegengebracht ird, unbedingt. Zahlreich seien die jüdischen Fonds, die aus der Heischtaxe fließen und zur Bestechung der Behörden verwendet erden. Der Messiasglaube stärke das Solidaritätsgefühl und 'wirke ferner, daß die Juden sich nicht als ständige Bürger ihrer ufenthaltsländer betrachten Und infolgedessen den Ackerbau meiden, s Handwerk verachten und sich ausschließlich dem Handel widmen, '■•■•Si dessen Ausübung sie zum Betrug Zuflucht nehmen. In den ouvernements, in denen sie unbeschränktes Wohnrecht genießen, aben sie eine Monopolstellung errungen. Der ganze Handel ruhe 1 ihrer Hand, die Landbevölkerung sei ihnen gänzlich ausgeliefert, nd das Land werde von ihnen an den Ruin gebracht. Die Juden enießen eine Reihe von Privilegien und Vorrechten, die ihnen von;ier früheren Regierung verliehen worden sind: Sie stellen keine 'ekruten, sie geben keine Auskunft über ihre Verstorbenen, sie ■iahen das Recht, Gemeindefleischer zu halten, die Jugend in ihrem ieiste zu erziehen, Rechtssachen, die sie untereinander auszutragen jaben, vor die Rabbiner zu bringen, denen überdies die Verfügung ber den Druck hebräischer Werke zusteht. Pestel versteigt sich *) P. J. Pestel, Russkaja, Prawda. Ein Nakas.(Verordnung), bestimmt für die berste provisorische Regierung. 2. Abschnitt: Über die Volksstämme Rußlands, > 14 die Juden S. 50—53. zum Schluß zu der Behauptung, daß die Juden außerdem die Rechte genießen, die allen anderen Völkern Rußlands zukommen. Der einigermaßen gut unterrichtete, wenn auch schief urteilende Politiker übersah offenbar das Bestehen eines Ansiedlungsrayons, um von einer Anzahl anderer Ausnahmegesetze zu schweigen. Pestel faßt das Wesentliche seiner Ausführungen zusammen, indem er die Juden als einen Staat im Staate bezeichnet. Solche Zustände dürfen, sagt Pestel, nicht fortdauern. Das Solidaritätsgefühl des jüdischen Volkes, das sich gegen die christliche Bevölkerung richtet, müsse gebrochen werden. Pestel schlägt vor, die oberste provisorische Regierung (diese Institution betraute er mit der Durchführung des ganzeu Reformprogramms) möge „die gelehrtesten Rabbiner und gescheitesten Juden" versammeln, ihre Ansichten vernehmen und eine neue Ordnung der Verhältnisse des jüdischen Volkes beschließen, „die in vollem Maße den allgemeinen Prinzipien entsprechen sollen, auf denen das russische Staatsgebäude zu errichten ist." Pestel scheint also den Juden politische Gleichberechtigung zugedacht zu haben, vorausgesetzt, daß sie auf ihre kulturelle Sonderstellung verzichteten. Daneben hat aber Pestel noch ein Mittel angegeben, um das russische Reich von dem fremden Volkesstamm gänzlich zu befreien. Wenn ein Jude den Vorschlag gemacht hätte, so wäre unsere zionistische Geschichtswissenschaft um ein Forschungsokjekt reicher geworden. Man möge nämlich, sagt Pestel, den Juden helfen, einen eigenen Staat in einem Teile Kleinasiens zu gründen. „Zu diesem Zwecke ist ein Sammelpunkt für das jüdische Volk zu bestimmen und ihm eine Truppenmacht zur Unterstützung beizugeben. Die russischen und polnischen Juden machen insgesamt über zwei Millionen aus. Eine solche Menschenzahl wird auf der Suche nach einem Vaterlande unschwer sämtliche Hindernisse beseitigen, die ihnen die Türken bereiten werden, und durch die europäische Türkei nach der asiatischen gelangen, um dort große Landstriche in Besitz zu ergreifen, um einen besonderen jüdischen Staat zu gründen." Da aber ein solcher Plan eine „wahrhaft riesenhafte Unternehmungslust" und ganz besondere Umstände erfordere, schlägt ihn Pestel der obersten provisorischen Regierung nicht direkt vor, sondern erwähnt ihn nur als eine in Betracht zu ziehende Maßregel. Soweit Pestel. Man erkennt auf den ersten Blick, daß er nur das wiederholt, was ein größerer Kopf vor ihm versucht und teilweise ausgeführt hat. Napoleon hat 1806 eine jüdische Notabeinversammlung berufen und noch im Jahre 1799 die Juden Asiens und Afrikas aufgefordert, unter seiner Führung das heilige Land zu erobern und ihren alten Staat wieder aufzubauen. Letzteres hat bekanntlich zu keinen Resultaten geführt, und auch die Leistungen der Notabeinversammlung und des nachfolgenden Synhedrions können nicht als bahnbrechend bezeichnet werden. Ob Pesteis Vorschlag, die Lage der russischen Juden unter Berufung jüdischer Autoritäten zu reformieren, Erfolg gehabt hätte, bleibt dahingestellt. Es scheint fast, als hätten die russischen Juden gleich ihren Brüdern in Frankreich sehr viel von ihren nationalen Gütern opfern müssen, um Glieder des einheitlich und straff zentralisierten russischen Staates zu bilden, den Pestel mit Konsequenz vertreten hat. Unerklärlich bleibt auch, weshalb Pestel die Rabbiner, die er scharf beurteilte, heranzuziehen empfohlen hat. Wir lernen aus unserer Betrachtung noch eines: Pestel hat sich, obwohl er der radikalste und aufgeklärteste Kopf unter den Dekabristen war, von vielen Vorurteilen der rückschrittlichsten Elemente der russischen „Gesellschaft", nicht befreien können. Und nur langsam hat sich die aufgeklärte russische „Gesellschaft" davon frei gemacht. Je langsamer sich dieser Prozeß vollzogen hat, desto größer waren die Leiden eines ganzen Volksstammes. . .. Wir erleben noch heute die schrecklichen Wirkungen dieser langsamen und wer weiß, ob schon wirklich abgeschlossenen Entwicklung. .. . Dr. Markus Wischnitzer