Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 31 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- – (sequence 11)
- Language
- German
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setzte er Dreyfus, unter Abänderung seines ersten Entschlusses, zu der ebenfalls in Vincennes in Garnison stehenden Artilleriedepot-Direktion, die im ganzen nur aus sechs Offizieren besteht. Vielleicht überrascht es aber zu hören, k daß der Name Dreyfus im französischen Offizierkorps gar kein seltener und schon ohne Alfred Dreyfus 38mal vertreten ist, meist zwar in der Reserve und in der Territorialarmee, aber doch auch im aktiven Heere. Es entzieht sich natürlich der Möglichkeit, auch nur annähernd eine Statistik darüber aufzustellen, wie stark der Prozentsatz israelitischer französischer Offiziere gegenwärtig ist. Aber einige Stichproben aus der neuesten französischen Rangliste dürften in dieser Beziehung vielleicht einiges Interesse beanspruchen. Man ist dabei freilich nur auf die Vermutung angewiesen, daß die Träger bestimmter Namen, israelitischer Konfession oder Abkunft sind. Die Waffe, in der man den wenigsten solcher Namen begegnet, ist die Kavallerie, die auch unter der Republik noch vornehmlich von den Abkömmlingen des Adels bevorzugt wird und deren Offiziere mit ihren Sympathien zum großen Teile nicht nach der Republik hinneigen. Man trifft sie dagegen schon ziemlich häufig bei der Infanterie an, wo es u. a. einen Obersten Hollender, mehrere Oberstleutnants Bloch usw. gibt, — in den unteren Graden verstärkt sich das Verhältnis noch ganz wesentlich. Besonders zahlreich aber sind diese Namen bei der Artillerie, die u. a. die Obersten Francfort, Krebs, Mayer:Samuel, Lucas, die Majore Isidor, Levy, Ely, Bloch, Meyer, Katz, Kahn, Marcus, Aron, Cahen und Fraenkel und die Kapitäne Grünfelder, David Levy, Libmann, Coblentz, Magnus, Adam Salomon, Weil und Baron aufweist. Der Name Levy kommt im französichen Offizierkorps nicht weniger als 90mal vor, der Name Meyer 70mal, der Name David 79mal, Bloch 47mal, Jacob 36mal, Isaak 6mal und Simon 121 mal. Es gibt ferner 4 Nathan, 3 Cohen, 1 Davidsohn, 2 Jakobsohn, 5 Loevy bezw. Loeb, Loewe, Loew, 3 Oppenheim, 1 Gerson, 2 Barone Rothschild, 5 Katz, 10 Kauffmann usw. In der Generalität scheinen zurzeit nur die Namen Heimburger, Feldmann und Libermann auf israelitische Abstammung ihrer Träger hinzudeuten." Wir finden in einem Münchener Blatte folgende Vor ioo Jahren kMne Hundertjahr-Erinnerung: „Über die Lage der Juden in Deutschland. („Königl. Baierische Staats-Ztg.tt, den 19. Juni 1806.) Schreiben aus Breslau. „Sie wundern sich, daß so viele Juden sich in Breslau taufen lassen! Wäre Ihnen die Lage und Denkungsart dieser Menschen so bekannt wie mir, Sie würden sich weniger wundern. Mehr als die Hälfte derselben hat nur eine natürliche Religion, und setzt sich öffentlich über die Zeremonialgesetze hinweg. „Könnten sich diese nicht alle taufen lassen?" — Freilich; aber einige fürchten des Eigennutzes von beiden Parteien beschuldigt zu werden; andere glauben, dieser Schritt sei wider Gewissen und Ehre; noch andere sind Juden aus Gewohnheit, oder weil es ihre Eltern auch waren. Nur die wenigsten sind wahre Juden und, wie sie glauben, aus Grundsätzen. — Die Lage der Juden ist hier, für die ehrlichen und vernünftigen unter ihnen, schlimmer als in jeder anderen Stadt in preußischen Landen. Der alte Haß und die Verachtung von Seite des Bürgerstandes hat, seitdem der Jude sich mehr innerlich nnd äußerlich gebildet und einige Handlungsfreiheit erhalten hat, eher abals zugenommen. Freilich hat die Humanität und unparteiische Gerechtigkeitsliebe mehrerer angesehenen Personen (deren Namen ich hier ungern verschweige) auf die Beförderung der Toleranz hingearbeitet, viel Gutes geweckt und noch mehr Böses verhindert. Es ist aber noch vieles zu tun übrig, und das von einer Seite, die am wirksamsten sein könnte. — Es leben hier gegen dreitausend Juden (die Familien sind sehr kinderreich), davon haben einige schon von Friedrich dem Einzigen die ausgedehntesten Freiheiten eines Kaufmannes; sechs bis acht Familien aber erst vor einigen Jahren und nach langen Prozessen die Erlaubnis erhalten, mit einigen Artikeln en detail zu handeln. —Mehrere leben von Geldmäklerei und Wechselgeschäften; manche gehen dabei zugrunde; einige aber werden geschwind reich und vergrößern dadurch den Haß und Neid im ganzen, Künstler (die hier alle zu einer oder der anderen Zunft gehören und das Zwangsrecht haben), Handwerker und Tagelöhner sind sehr gegen die Juden eingenommen, und mehrere nehmen keinen Lehrling auf. Nur erst seit einigen Jahren und mit vieler Mühe hat es die königl. Kammer, die alles aufbietet, um die Industrie bei den Juden zu befördern, in Breslau dahin gebracht, daß zwei Maler jüdischer Religion hier sein können, und in den kleineren Städten durch Belohnung der Meister und ernsthaftes Benehmen gegen die Vorurteile der Vorgesetzten, daß Lehrjungen und Meister aufgenommen werden" etc. etc. Die „Königl. Baierische Staats-Ztg." meldet: In Prag macht es viel Aufsehen, daß der Sohn und Erbprinz des regierenden Fürsten Wilhelm von Auersperg mit Genehmigung seines Vaters die Tochter eines getauften Juden, der aber ein Millionär ist. heiratet." Die Fortführung der Pogromwaisen nach Lemberg Der Hilfsverein der Deutschen Juden stellt uns den nachstehenden Bericht zur Verfügung: Zu den schwierigsten Aufgaben, die die Hilfsaktion in Rußland zu bewältigen hatte, gehört die: den durch die Pogrome verwaisten Kindern eine neue Heimat zu schaffen. Eine große Anzahl dieser Kinder konnte bei Verwandten untergebracht werden, aber eine Anzahl blieb übrig, für deren Erziehung in Rußland nicht genügend gesorgt werden konnte, und sie aus Rußland fortzuführen, blieb eine Notwendigkeit. Die Unruhen, die in Rußland unaufhörlich herrschen, erschwerten es außerordentlich, mit Raschheit die nötigen Dispositionen zu treffen. Ebenso schwierig war es, die nötigen Papiere für die Kinder, die expatriiert werden sollten, zu erhalten. In einzelnen Städten hatten während der Pogrome große Brände stattgefunden, durch die die einschlägigen Papiere vernichtet worden waren. Endlich kam hinzu, daß für die Fortführung der Kinder die Einwilligung derer erlangt werden mußte, die nach dem Tode der Eltern die Bestimmung über das fernere Schicksal der Kinder zu treffen hatten. Nach Überwindung all dieser Schwierigkeiten ist es endlich gelungen, die Kinder, die für die Fortführung aus Rußland in Betracht kamen, in Galizien, diesseits der russischen Grenze zu sammeln. Als Tag für die Obergabe war der 25. Juli gewählt worden. Aus Rußland hatte sich eingefunden zur Erledigung der nötigen Formalitäten, Herr Feinberg, von der Jewish Colonisation Association in St. Petersburg, der seine bewährte Hilfe allen großen humanitären Aktionen in Rußland stets geliehen hatte, und aus Deutschland waren in Podwoloczyska anwesend: Fräulein Bertha Pappenheim vom Israelitischen Hilfsverein in Frankfurt a. M., die bereits in aufopferndster Weise eine Reise durch Rußland gemacht hatte, um die geeigneten Kinder für die Auswanderung auszusuchen; sodann Herr S. Bergel aus Berlin, als Vertreter der Großloge für Deutschland und Herr Dr. Bernhard Kahn, der Generalsekretär des Hilfsvereins der Deutschen Juden in Berlin. Die Transporte der Kinder kamen ohne Zwischenfall und über Erwarten pünktlich in Podwoloczyska an. Es trafen ein: 16 Kinder aus Kiew, 28 Kinder aus Ekaterinoslaw, 12 Kinder aus Odessa, fünf Kinder aus Kischinew, drei Kinder aus Kalarasch, ein Kind aus Bogopol, und es wurden noch erwartet bei Abfassung dieses Berichtes acht Kinder aus Semionowka. Ferner trafen ein 34 Kinder aus Bjelostok, die durch den letzten Pogrom verwaist wurden. Herr Spiewak aus dem entlegenen Ekaterinoslaw hatte mit großer Umsicht und großer Hingebung die entfernten Transporte bis an die Grenze geleitet. Die Kinder, die zum großen Teil kräftig und schön sind, von denen aber auch einige sich nicht im Besitze vollster Gesundheit befinden, wurden sofort nach Lemberg überführt. Der Empfang in Lemberg war ein geradezu großartiger. Herr Ritter von Horowitz und die Leopolisloge hatten auf Veranlassung von Herrn Bergel alle nötigen Veranstaltungen für die Aufnahme der Waisen aus Rußland getroffen. Aber auch die Bevölkerung bewahrte eine wahrhaft bewundernswerte und im höchsten Grade sympathische Haltung. Tausende erwarteten die Kinder vor dem Bahnhof; Pferdebahnwagen standen für dieselben bereit, und sie wurden alsdann sofort in das dortige jüdische Schulhaus überführt, das für die Aufnahme'Oer Elternlosen in allen seinen Teilen hergerichtet und zur Verfügung gestellt worden war. Für die Stimmung in Lemberg ist es bezeichnend, daß das dortige Generalkommando seine Beihilfe für eine zweckmäßige Aufnahme der Kinder in humanster Bereitwilligkeit gewährt hat; es hat aus dem militärischen Depot 120 Matratzen, 120 Decken und 120 Kopfkissen zur Verfügung gestellt, sodaß für die Kinder in dieser Beziehung ausgezeichnet gesorgt war. Die Fahrt der Pferdebahnwagen mit den Kindern durch die Stadt gestaltete sich zu einem wahren Triumphzug. Die Bevölkerung brachte den Kleinen Ovationen und als die Kinder im Schulhause ankamen, fand eine Bewirtung mit Thee und leichten Speisen statt,