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Die Welt · 1906-08-03 · 31 (3.8.1906) · page 10

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
31 (3.8.1906)
Date
1906-08-03
Page
– (sequence 10)
Language
German
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12 DIEÄELT No. 31 der Wahrheit fast zu scheitern drohte an der Teilnahmslosigkeit des öffentlichen Gewissens und an dem natürlichen Widerstande der Fälscher der Justiz oder der durch den Justizirrtum Befangenen, hat durch die Rehabilitierung Dreyfus* einen neuen Impuls bekommen, und in gesteigerter Hoffnungsfreudigkeit wird jetzt die Arbeit für die Sache der Gerechtigkeit fortgesetzt. In Wiener Blättern ist ein Glückwunschschreiben des „Vereins zur Abwehr des Antisemitismus" veröffentlicht, dem wir folgende Stellen entnehmen: „ ... Als die Gewißheit vorhanden, daß denn doch die Moral und Besonnenheit im Lande der großen Freiheitsideeti wieder zu Ehren gekommen, als zumal die Botschaft des Sieges der Wahrheit hier eingetroffen war, da brach unendlicher Jubel unter allen Gebildeten aus; der geradezu elementare Ausbruch der Freude drängte alle andern Angelegenheiten in den Hintergrund. Man beglückwünschte sich, Zeitgenosse einer Rehabilitierung zu sein, wie sie an den Fall Calas heranreichte, zu welchem es erst eines Voltaire bedurfte, um das schlafende Gewissen zu erwecken. Der ergebenst unterzeichnete Vorstand des Vereins zur Abwehr des Antisemitismus in Wien übersendet hiermit ebenfalls seinen aufrichtigen wie tiefempfundenen Glückwunsch. Er glaubt überdies noch einen ganz besonderen Grund zur Befriedigung zu haben, und zwar insofern, als er, gestützt auf die Erfahrung, wonach jedes große Ereignis seine Rückwirkung auf die übrigen Länder ausübt, die leise Hoffnung hegt, daß auch für das in unserem Staate schmachtende Opfer einer ähnlichen Intrige, für den des Mordes bezichtigten Unglücklichen aus Polna, die Stunde der Erlösung früher schlagen werde. ..." Wie kläglich dagegen das Geschütz ist, das die Antisemiten auffahren, beweisen die nachstehenden Auslassungen der Wiener „Reichspost": „ . . Es wird Ernst. Dreyfus ist rehabilitiert, Ritter der Ehrenlegion, Eskadronchef. Israel darf mit dem unerhörten Erfolge seiner Kampagne für einen seiner talentvollsten Söhne zufrieden sein. Die Ohrfeige, mit der ein französischer Offizier im Cercle militaire die „Ehrenrettung" des einstigen Sträflings der Teufelsinsel begleitete, gibt den Juden vielleicht noch Anlaß, Dreyfus zum Feldmarschall Frankreichs hinaufzubefördern. Jede Abstrafung, jede Beohrfeigung eines Juden muß ja gesühnt werden. Israel fühlt sich heute so stark und mächtig! Dreyfus wurde trotz aller Verdikte der Militärgerichte von der Teufelsinsel geholt und zum Eskädronchef befördert, warum sollte nicht auch der von zwei Schwurgerichten einstimmig der Mithilfe an dem Morde von Polna schuldig erkannte Hilsner rehabilitiert werden? Israel vergißt auf keinen seiner Söhne, seiner Verbrecher. „Gehet ihn und tuet desgleichen!" ruft der Zionistenfuhrer Max Nordau in der gestrigen „Neuen Freien Presse" den österreichischen Juden zu. Max Nordau weiß genau, daß die Verurteilung Hilsners die Verurteilung eines Unschuldigen, ein Justizmord war, ganz wie beim Dreyfus. „In Österreich braucht keine Regierungsform geändert, Heer und Verwaltung nicht erst erobert zu werden!" jubelt er, damit verratend, warum eigentlich in Frankreich in den letzten Jahren so gewaltige politische „Änderungen" notwendig waren. Die Befreiungskampagne kann also beginnen, die Rollen sind bereits verteilt: Den „Ich klage an'1 -Zola übernimmt Advokat Dr. Bulowa in Prag-Weinberge, die Rolle Reinachs, des Verfassers der „Histoire de l'affaire Dreyfus", fällt Dr. Arthur Nußbaum zu, der den „Polnaer Ritualmordprozeß" geschrieben hat. Ünd gibt Advokat Dr. Friedrich Elbogen nicht einen fürtrefflichen Pressense ab? Ist Oberlandesgerichtspräsident Krall nicht eine vollwertige Kopie des eifrigen Qreyfusarden Trarieux? Die Rehabilitierung Dreyfus' hat den „Österreichern" den Weg gezeigt, den sie beschreiten müssen. Die „klerikal-antisemitischen Camorristen und Maffiosi" werden zwar alle Hebel in Bewegung setzen, um den Befreiungsversuch zu durchkreuzen, aber sie werden unterliegen. Und die Rechtsform für die Anfechtung der Geschworenenurteile von Kuttenberg und Pisek? Antwort Dr. Bulowas Schriften. Wollen Österreichs Juden nicht „feig und ehrlos" sein, müssen sie „alles daran setzen, um Hilsners Unschuld zu beweisen" — ja ist denn diese vielleicht doch noch irgendwie zweifelhaft? — denn durch die Verurteilung Hilsners seien alle Juden Österreichs — typische Judenlogik! — im Abwesenheitsverfahren des Ritualmordes schuldig gesprochen worden. — So spricht Nordati, der Zionistenfuhrer, am Schlüsse seines Artikels, dem die „Neue Freie Presse" gestern die erste Stelle eingeräumt hat. Der erste Schuß ist gefallen. Der „ungekrönte König von Jerusalem" ruft seine Heerscharen zum Sturm gegen ein österreichisches Volksverdikt. Die österreichischen Juden werden also ihre Stammesgenossen in Frankreich kopieren. Aber liegt uns Rußland nicht viel näher als Frankreich? Und fürchten sich die Juden denn gar nicht, daß ihr Hinweis auf das französische Muster einen Hinweis auf das russische provozieren könnte? ..." Aber auch hier ist „la v6rite en marche", und sie wird sich nicht aufhalten lassen. In einer Korrespondenz aus Kasan Wie eine „Prozessions-Panik" entsteht schreibt die „Rheinisch-Westfälische Zeitung": „Der Einzug des wundertätigen Bildes der Sinolensker Mutter Gottes, der vor einigen Tagen erfolgte, war ein Festtag für die ganze rechtgläubige Bevölkerung der Stadt und Umgebung. Wochenlang vorher waren überall Gerüchte über eine bevorstehende Judenhetze verbreitet, auch die Intelligenz sollte niedergemacht werden. Viele Juden verließen die Stadt. Nicht nur hier, sogar in den weitest entlegenen Dörfern sprach man davon; die Pilger, die sich auf dem Wege hierher befanden, wurden gewarnt, weiterzugehen, in der Stadt sei es nicht geheuer. Manche folgten dem Rat, die meisten aber, die von weit herkamen, wollten nicht umkehren, und so hatte sich bereits am Samstag den 7. Juli viel Volk eingefunden. Die Bauern aus den Dörfern waren durchaus nicht kriegerisch gestimmt. Dagegen drohten Mitglieder des „Schwarzen Hunderts" offen mit einer Judenhetze. Die Aufregung war daher groß. Am 9. Juli um die Mittagszeit war eine große Menschenmenge auf dem Platz vor der Duma und dem Kreml versammelt. Es herrschte eine tropische Hitze, und man konnte kaum atmen zwischen der Menschenmasse. Apathisch und schweißtriefend bewegte sich alles - vorwärts; beim Denkmal Alexanders II. staute sich die Menge plötzlich, und ein Taschendieb, der die Stimmung ausnutzen wollte, schrie, indem er eine Uhr entwendete: „Rettet euch, man schießt im Kreml." Die Menge lief zurück, und es entstand ein furchtbares Gedränge, aber nicht auf lange, denn die Umstehenden hatten die Sache richtig erkannt und verprügelten den Unruhestifter gründlich, , worauf er zur Polizei gebracht wurde. Wieder ging es langsam vorwärts, bis ein anderer Spitzbube auf den Einfall verfiel, eine Kinderpistole abzuschießen, andere sagen, er habe Knallerbsen gehabt. Der Sache auf den Grund zu kommen, ist unmöglich; wie dem auch sei, der Zweck war erreicht: die Panik, die nun ausbrach, läßt sich kaum beschreiben. Schweigend, so weit das bei einer so großen Menge möglich ist, floh alles in wilder Hast nach verschiedenen Seiten, übereinanderstürzend, wild und rücksichtslos vorwärtsstürmend. Die vielen herrschaftlichen Equipagen und Fuhrleute, die abseits beim Gostinny Dwor hielten, hatten sich beim ersten Alarm zu rasender Flucht ge- * wandt und jagten, blindlings alles, was sich ihnen in den Weg stellte, niederfahrend, dahin. Es war ein unheimlicher Anblick! Ein lebender Knäuel wälzte sich auf der Straße. Berittene jagten hin und her, was die Verwirrung noch erhöhte. Weit von der Unglücksstätte entfernt rannten die Leute noch, als ob sie gejagt würden. Auf dem Abhänge beim Kreml hatte sich, in Erwartung des Heiligenbildes, viel Volk gelagert; als die allgemeine Flucht begann, rollten die Menschen, da sie keinen anderen Ausweg sahen, wie die Erbsen den steilen Abhang hinunter. Wie gewöhnlich in solchen Fällen, läßt sich nicht genau feststellen, wie viele dabei verunglückt sind. Im städtischen Krankenhaus waren 35 Verwundete untergebracht, und in der Universitätskapelle lagen einige Tote aufgebahrt. Beständig kamen weinende Weiber in die Universität, um nach ihren abhanden gekommenen Kindern zu suchen." Jüdische Namen im französischen Offizierkorps Eine Reihe deutscher Blätter bringt nachstehende, nicht uninteressante Namens-Statistik: „Als der französische Kriegsminister Etienne für die Wiedereinstellung des zum Major beförderten früheren Kapitäns Alfred Dreyfus gerade das 12. Artillerie-Regiment in Vincennes wählte, bestimmte ihn hierbei gewiß auch der Umstand, daß dieser Truppenteil von einem Glaubens- und Stammesgenossen von Dreyfus, dem Obersten Mayer-Samuel befehligt wird. Nachträglich befürchtete der Minister doch wohl, daß trotzdem ein Teil der Offiziere des Regiments dem rehabilitierten Kameraden eine unfreundliche Aufnahme bereiten könnte, und deshalb ver-

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