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Die Welt · 1906-08-03 · 31 (3.8.1906) · page 9

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
31 (3.8.1906)
Date
1906-08-03
Page
– (sequence 9)
Language
German
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No. 31 DIE-KELT 11 eine Anzahlung von 20 Kronen auf eine Schiffskarte des Norddeutschen Lloyd gestattet werden. Der nicht sehr energische Mann sah wohl ein, daß ihm Unrecht geschah; er erblickte aber keine Möglichkeit, sein Recht geltend zu machen und fügte sich daher der Förderung in der Hoffnung, unterwegs sein Reiseziel beliebig ändern zu können. Die Reisenden konnten dann die Fahrt zusammen fortsetzen und kamen abends arglos in Berlin an. Augenscheinlich war es ein nur von Auswanderern benutzter Zug, mit dem sie fuhren, denn dieser hielt nicht auf dem Berliner Bahnhof, sondern wurzle gleich nach Spandau weitergeleitet. Hier versuchte die Familie ein anständiges Nachtlogis zu erhalten. Es war aber nicht möglich, aus dem Kreise zu entkommen. Die Leute wurden trotz allen Protestes einfach als Auswanderer behandelt, und so waren sie auch gezwungen, in dem allgemeinen Logisraum, wo die Betten bald bis unter die Decke übereinander standen, für 50 Pfennig Schlafgeld zu übernachten. Am andern Morgen glaubten sie nun endlich erlöst zu werden. Die Hoffnung ging aber wieder nicht in Erfüllung. Die Familie mußte sich die ärztliche Untersuchung gefallen lassen. Der überwachende Polizeibeamte hörte nicht auf den Protest, sondern erklärte einfach, nachdem er sich den Sachverhalt hatte erzählen lassen und nachdem er den Ausweis des Schiffsagenten gesehen hatte, daß die Familie doch nach Bremen fahren müsse. Herr Stern versuchte dann andere Fahrkarten zu erhalten, es gelang ihm nicht; er wollte nach Hannover depeschieren, aber auch das war ihm nicht möglich. Selbst Essen und Trinken war nicht zu erhalten, so daß die Familie auch Hunger leiden mußte. Der Transport sollte dann weiter gehen, und da die Familie doch nicht in Spandau bleiben konnte, mußte sich Herr Stern entschließen, Fahrkarten nach Bremen zu lösen. Im Viehwagen ging die Fahrt dann weiter vor sich. Das Kind war infolge der mangelhaften Ernährung erkrankt, und auch der Mann und die Frau litten unter der Aufregung über die ihnen zuteil gewordene Behandlung unsäglich. Unterwegs gelang es dann der Familie, mit Hilfe des Schaffners in Ülzen den Zug zu verlassen und mit einem anderen Zuge nach Hannover zu gelangen, wo die Reisenden krank und elend bei den Verwandten ankamen. Herr Stern wird die Sache jetzt bei dem zuständigen Konsul anhängig machen. Diese Erzählung deutet, wenn sie völlig zutreffend ist, darauf hin, daß gegenüber Reisenden aus den östlichen Ländern eine Behandlung beliebt wird, gegen die scharfer Einspruch erhoben werden muß. Keinerlei „Staatsraison" und überhaupt keinerlei sachliche Gründe* könnten derartige sinnlose Schikanen rechtfertigen. Die Behörden werden vermutlich erklären: ja, der Mann hat sich falsch benommen; hätte er das und das getan, so wäre ihm kein Leids geschehen. Man muß aber berücksichtigen, daß Ausländer bei uns naturgemäß den Behörden gegenüber unsicher und unbeholfen sind. Die Praxis, die gegenüber diesen Leuten angewandt wird, muß derartig sein, daß auch ein ungewandter Mann, wenn nichts gegen ihn vorliegt, vor einer solchen Behandlung sicher ist." Soweit die „Frankfurter Zeitung". Aber dieser Fall ist nur einer von vielen und durchaus nicht der schlimmste. Die Hilfsgesellschaften, die sich der Auswanderung annehmen, haben die Pflicht, endlich ein ernstes Wort zu sprechen. Mari hat sich schon in Rußland daran gewöhnt, die Kontrollstationen — Pogromstationen zu nennen. Es ist allbekannt, wie Von der deutschen Sozialdemokratie sehf dje österreichische Sozialdemokratie sich von jeher bemüht hat, dem österreichischen „Volksgeist" entgegenzukommen und gelegentlich in ihrer Presse durch antisemitische Artikel, Witze und Bilder es den ödesten Praterantisemiten gleichzutun. Und was dabei am Lächerlichsten und Traurigsten zugleich ist, es sind gewöhlich jüdische Köpfe, die ihren Geist dafür aufbrauchen, einen Gregorig oder Bielohlawek auszustechen. In Deutschland ist das nie so kraß zu Tage getreten, deshalb wohl, weil die mehr asemitische als antisemitische Gesinnung des größten Teiles der christlichen Bevölkerung Deutschlands auch auf die Sozialdemokratie abgefärbt hat. Es ist ja nicht zu leugnen, daß die deutsche Sozialdemokratie sich manchmal auch spezifisch-- jüdischer Interessen angenommen hat, die von anderen Parteien, z. B. den Freisinnigen, ganz vernachläßigt wurden. Aber das geschah — wenn wir bei der Wahrheit bleiben wollen — stets nur dann, wenn zugleich Parteiinteressen mit gefördert wurden, beispielsweise im Falle der Ausweisungen, wo es einen allerdings berechtigten, scharfen Angriff gegen die durch Schöne kompromittierte Regierung galt. Hingegen merken wir nichts davon, daß die sozialdemokratische Partei, wo es sich nur um Juden handelt, und wären es auch die ärmsteu, ihre Parteikraft aufbieten würde. Sie sieht sich beispielsweise nicht veranlaßt, — wie etwa Sozialisten anderer Länder, z. B. Frankreichs — wegen der Pogrome die öffentliche Meinung aufzurütteln, — Protestversammlungen oder Manifestationen deswegen scheinen ihr entbehrlich. Asemitisch — das ist auch die Losung der deutschen Sozialdemokratie. Aber der kühlste Asemit, der mit dem Judentum und der Judenfrage nichts zu tun haben will, läßt sich manchmal zu einem bischen Antisemitismus verleiten. Und das passiert einmal den Großen, wie z. B. dem verstorbenen Liebknecht, der es seinerzeit für nötig fand, die Beweise für die Schuld Dreyfus' in einem langen Artikel der Öffentlichkeit darzubieten, oder anderen Führern, die) den jüdischen Genossen ihre Abstammung nicht vergeben können, das passiert aber noch öfter der sozialdemokratischen Presse. Man lese z. B. folgendes Artikelchen der sozialdemokratischen „Völkswacht" : „Seine Majestät Herr Baliinleben. Herr Albert Ballin ist der Freund Wilhelms II. Er gebietet vielen tausenden, die jedem Wink von ihm — wenn sie ihm nicht gerade mal nebenbei einen Strich durch die Rechnung machen — gehorchen. Er ist Großadmiral der größten Handelsflotte der Welt. Fürsten sind seine Gäste, und der Deutsche Kaiser fährt ihn auf einer Pinasse höchsteigenpersönlich nach einem Besuche auf der Kaiserjacht an Bord seines Schiffes zurück. Was Wunder, wenn der kleine Jude mit der ordenbesäten Brust schließlich selbst die Allüren eines „Angestammten" sich aneignet, und wenn er reist wie ein echter Gottesgnadenmann." Es ist natürlich keine große Sache mit diesen Notizchen. Kein Jude von Verstand wird sich dadurch sehr gekränkt fühlen, besonders keiner von denen, die, wie wir, den Ehren Ballins, von denen auf das Judentum nichts zurückstrahlt als der Neid oder der Spott der andern, ganz interessenlos gegenüberstehen. Das Charakteristische an dieser Notiz und einer ganzen Reihe ähnlicher in sozialdemokratischen Blättern enthaltenen ist nur das geistlose Kopieren der antisemitischen Blätter in Stil und Gefühl. Herr Ballin als Kapitalist, vielleicht als Emporkömmling usw. könnte selbstverständlich jeder sozialistischen Polemik Stoff genug bieten. Aber daß man Herrn Ballin deswegen schlechter und lächerlicher findet, weil der Herr, der hinaufkam, ein Jude ist — das ist einfach nichts anderes als die Übertragung des Rassenvorurteils deutsch-bourgeoiser und feudaler Psychologie auf das sozialistische Kampffeld. Bernhard Shaw sagte jüngst von der deutschen Sozialdemokratie, sie sei die „konservativste, bürgerlichste Partei" in Europa. In ihrem Verhältnis zur Judenfrage gibt sie jedenfalls den konservativsten und kleinbürgerlichsten nichts nach. Dreyfus und Hilsner An anderer Stelle unseres Blattes bringen wir den hervorragenden Artikel Max Nordaus: „Gehet hin und tuet desgleichen! . . . .", der nicht verfehlen wird, weit über die Grenzen Österreichs Aufsehen zu erregen und der in seiner hinreißenden Kraft einen außerordentlichen Sukkurs für alle die bedeutet, die seit Jahr und Tag in heißem Bemühen eine Revision der Affäre Hilsner erstreben. Die Aktion zugunsten Hilsners, die trotz der großen Anstrengungen dieser österreichischen Freunde

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