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Die Welt · 1906-08-03 · 31 (3.8.1906) · page 8

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
31 (3.8.1906)
Date
1906-08-03
Page
– (sequence 8)
Language
German
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10 NEBELT No. 31. Waisenkinder gegenüber einnimmt, präzisiert. Sie ist daran unschuldig, und wer die Wahrheit über die Pogrome aufdecken will, und wäre es auch ein Fürst Urussow, ist ein Lügner und Zerstörer der Staatsautorität. Nicht genug daran, leistet auch sie sich den vom „Regierungsboten" jüngst zum ersten Male erprobten Witz, die Kadetten (im „Regierungsboten" waren es die „Bundisten") der Urheberschaft von Pogromen zu bezichtigen. Wenig erfreulich ist auch das Prognostikon hinsichtlich der politischen Zukunft der russischen Juden.. In den ersten Tagen nach der Duma-Auflösung hieß es einmal, Stolypin, der „liberale" Ministerpräsident habe sich geäußert, er wolle den Juden Gleichberechtigung geben. Nunmehr liegt eine tatsächliche persönliche Äußerung Stolypinsgegenüber dem Korrespondenten der „Vosssischen Zeitung" vor, und sie lautet: In der Judenfrage will ich zwar nicht übermäßige Hoffnung entfachen, die Tatsache aber, daß der größte Teil der russischen Juden zu den Unzufriedenen gehört, beweist, daß die Judengesetzgebung Mißstände zeigt, die der Abänderuug bedürfen. . Das ist allerdings recht wenig. Und es erhält noch eine eigentümliche Illustration durch die Tatsache, daß man wieder anfängt, den Juden den Zutritt zu den höheren Bildungsanstalten, der eben erst eröffnet wurde, völlig zu sperren. Die Großloge der „Bnei Brith" und der „Hilfsverein der deutschen Juden" haben ein sehr verdienstvolles Werk damit getan, daß sie die durch die Pogrome verwaisten Kinder nach Westeuropa brachten, und nunmehr, nachdem dank der hingebenden Vorbereitungsarbeit der Transport glücklich bewerkstelligt wurde, für die Unterbringung der Waisen Sorge tragen. Es war, wenn man schnell Hilfe schaffen wollte, der geeignetste Weg, den die genannten Organisationen eingeschlagen haben. Aber gerade, wenn man die Schilderungen über Ankunft, Empfang und Weiterbeförderung der Kinder liest, tut es einem herzlich leid, daß der schöne. Plan, alle Kinder in einem Waisenhaus in Palästina unterzubringen, nicht der Verwirklichung zugeführt wurde. Es ist ja zweifellos, daß ein solches Institut viele Mittel und seine Einrichtung und Erhaltung große Mühen erfordert. Aber das erscheint uns als der kleinere Teil des Übels gegen die viel größeren: daß nunmehr die Kinder, losgelöst von ihrer gewohnten ostjüdischen Umgebung, in die verschiedensten Milieus Westeuropas versetzt werden, zu sicherlich guten Menschen (dafür wird gewiI3 vorgesorgt werden), aber nicht immer zu solchen, die die Eigenart dieser Kinder verstehen und weiterentwickeln werden, derart, daß sich die Waisen in Zukunft nicht nur beschützt, sondern auch verstanden wissen sollen. Das wird leider in vielen Fällen trotz des besten Willens der neuen Eltern-Stellvertreter nicht zu erzielen sein. Noch schmerzlicher ist es, daß Geschwister von einander losgelöst und durch verschiedenartige Erziehung einander entfremdet sein werden. Und beklagen muß man auch, daß das große sittlich-erzieherische Moment verloren geht, das darin bestände, daß die Kinder, Opfer eines Volksunglücks und Schützlinge der Volksliebe zugleich, die hohen Aufgaben, die sie ihrem Leben stellen müssen, erfassen. Wenn die Kinder in einem Waisenhause Palästinas gemeinsam aufwüchsen und erzogen würden, so hätte jedes seine Kameraden, seine Gesellschaft, die es versteht und von der es verstanden wird, Geschwister hätten den natürlichen, innigen Anschluß aneinander bewahrt, sie hätten von ostjüdischen Lehrern eine ihrem Wesen entsprechende Ausbildung erfahren, und sie wären angeleitet worden, hätten es von selbst aus dem Gefühl heraus erlernt, ihrem Volke dankbar und ergeben zu sein. Man ermißt also leicht, welch wichtige Faktoren ein Waisenhaus für eine gedeihliche Entwicklung der Kinder beigestellt hätte. Vielleicht ist es aber doch noch nicht zu spät, und die Organisation, denen das künftige Geschick dieser „Waisen des Volkes" teuer ist, denken noch einmal den von zionistischer Seite wiederholt angeregten Plan durch. Kontrollstationen Den Bericht des „Hilfsvereins" selbst, den wir an anderer Stelle bringen, wird man nicht ohne tiefe Rührung lesen können. Die unbewußte Tragik, die in den Worten: „Die Fahrt der Waisenkinder durch die Stadt gestaltete sich zu einem wahren Triumphzuge" enthalten ist, läßt sich schwer in Worten erschöpfen. . . . Fast unbemerkt von der jüdischen' Öffentlichkeit Westeuropas hat sich ein Institut in Deutschland herausgebildet das den dunklen Namen „Kontrollstationen" führt und auch in Wirklichkeit dunkel genug ist, daß es gehörig beleuchtet zu werden verdient. Die Kontrollstation „empfängt" den durchreisenden russisch-jüdischen Emigranten, läßt ihn keinen freien Schritt auf deutschen Boden tun und sorgt dafür, daß er, nachdem er hygienisch gesäubert worden, am anderen Ende Deutschland verläßt, — nicht ohne darauf bedacht zu sein, daß er sich möglichst durch die großen deutschen Schiffahrtsgesellschaften befördern läßt. Denn im wesentlichen ist die Kontrollstation ein Institut der Schifffahrtsgesellschaften, deren Beamte die Aufsicht darüber führen. Wir haben mit eigenen Augen eine solche Kontrollstation an der deutschen Grenze gesehen, — das heißt durch den Bretterverschlag hineingesehen, der einen kleinen Hof von der Außenwelt abschließt. In diesem Hof werden die Emigranten buchstäblich wie Gefangene gehalten. Der Bretterzaun ist oben mit Eisendraht und spitzen Nägeln versehen, damit die Eingeschlossenen ja nicht an einen Versuch denken, hinüberzuklettern. Dieser Versuch wird aber doch oft und oft wiederholt, es werden Bretter ausgerissen, oder man steigt trotz Eisen und Spitzen hinüber, obwohl sich die „flüchtigen Häftlinge" dabei den Körper wundreißen und dann dafür bestraft werden. Man darf nun ja nicht glauben, daß die Verwegenen einen Augenblick daran denken, sich auf preußischem Boden einschmuggeln zu wollen. Sie wollen nur kleine Einkäufe machen, ihr Geld wechseln — oder sich beschweren bei hilfsbereiten Menschen über die Art, wie sie behandelt werden. Letzteres ist das Hauptkapitel. Die Behandlung der armen Emigranten von Seiten der Kontrollorgane ist oft eine brutale, der Zwang, dem sie ausgesetzt werden, durch eigens bestellte Wirte ihr Essen zu beziehen, die Schikanen wegen der Schiffskarten vervollständigen die Marter dieses unfreiwilligen Nachtasyls. Wir bewahren es uns für eine andere Gelegenheit auf, Details eines solchen Nachtasyls zu publizieren, und geben heute angesichts eines vorliegenden krassen Einzelfalles einem Bericht der „Frankfurter Zeitung" in seinem Wortlaute Raum. Die „Frankfurter Zeitung" schreibt: „Vor zwei Jahren, als die russische Revolution noch in ihren Anfängen war, wurde in der sozialdemokratischen Presse und in Blättern der bürgerlichen Linken lebhaft die Behandlung erörtert, die russischen Durchreisenden und Auswanderern in Deutschland zuteil wurde, und es kam dabei eine seltsame Liierung zwischen Polizeibehörden und den deutschen Schiffahrtsgesellschaften zum Vorschein, die dazu führte, daß den Agenten der Gesellschaften geradezu obrigkeitliche Funktionen gegenüber diesen Fremden übertragen wurden. Die Regierung suchte die Sache als ganz harmlos hinzustellen und führte zur Rechtfertigung der Maßnahmen sanitätspolizeiliche Gründe an; die Sachlage wurde aber nicht recht klargestellt. Jetzt wird uns ein merkwürdiger Fall von einer — in guten Vermögensverhältnissen lebenden — jüdischen Familie aus Galizien erzählt, die einen Verwandten in Hannover besuchen wollte und auf der Reise dahin seltsame Erlebnisse hatte. Die Familie hieß Stern; sie bestand aus Mann, Frau und einem dreijährigen Knaben; außerdem reiste ein Verwandter aus Amerika mit, der sich auf der Rückreise befand. Sie kamen glücklich nach Ratibor; über ihre dortigen Schicksale wird uns berichtet: Der Amerikaner hatte ein Retourbillett über Bremen und konnte ungehindert passieren. Von den übrigen wurden aber ebenfalls Schiffskarten verlangt, und es wurde ihnen gedroht, daß sie mit der Polizei in die Heimat zurückbefördert würden, wenn sie nicht ebenfalls im Besitz von Schiffskarten seien. Die Erklärung des Mannes, der sich über seine Person genügend ausweisen konnte, daß er überhaupt nicht nach Amerika wolle, fand ebenso wenig Gehör, wie sein Anerbieten, telegraphisch eine Auskunft seiner Heimatbehörde einzuholen. Die Weiterfahrt sollte der Familie nur gegen

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