Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 31 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 31 Leere Säcke............ zirka 70000 „ Indigoblau ............. „ 40000 „ An Nahrungs- und Genußmitteln werden importiert: Kaffee............. . zirka 250000 Frs. Tabak und Zigaretten....... „ 200000 „ Reis............... „ 120000 „ Zucker............. „ 100000 „ Butter .............. „ 45 000 „ Außerdem kleinere Quantitäten von Getränken, Olivenöl, feinem Mehl und Gemüsen. Der lokale Markt Gazas, der auch von den Beduinen des Distrikts besucht wird, ist bedeutend. Unter den kleinen einheimischen Industrien, die nicht für Export, sondern nur für den lokalen Bedarf arbeiten, sind zu erwähnen: Gerberei, Seifensiederei, Schuhfabrikation, Fabrikation von Abajen (arabischen Mänteln) und Haarsieben etc. Neuerdings gibt es auch einige Dampf- und Ölmühlen. Weitere Marktartikel Gazas sind Datteln, Feigen, Olivenöl und Oliven usw. Da die Gegend Lebensmittel exportiert, so versteht es sich von selbst, daß das Leben in Gaza billiger ist als in den meisten anderen Städten des Landes. Auch Wohnungen kosten etwa nur die Hälfte des üblichen Mietspreises von Jaffa und Jerusalem. Mit Konsulaten sind vertreten: England, Griechenland und Italien. Was nun die Judenschaft Gazas anlangt, so war schon oben erwähnt, daß sie ca. 160 Seelen zählt, und zwar etwa 30 sephardische und 3 aschkenasische Familien. Sie beschäftigen sich vorwiegend mit Handel, einige auch mit Handwerk. Fast alle sind arm, — kein Jude besitzt ein eigenes Haus. Zwei von ihnen treiben Handel in größerem Maßstabe. Mit der arabischen Bevölkerung stehen die Juden nicht schlecht. Die Gemeinde ist leider zu klein, um Zuzug anzulocken. Besonders stehen aschkenasische Einwanderer vor der Schwierigkeit, daß dort nur wenige Juden sind, mit denen sie sich verständlich machen könnten. Trotzdem hätten die großen Chancen, die der Handel Gazas Juden bietet, wohl schon einen größeren Zuzug zur Folge gehabt, wenn es nicht wegen der Kleinheit der Gemeinde an den notwendigsten Kommunal-Einrichtungen gefehlt hätte. — Erst seit kurzem unterstützt die „Alliance Israelite" die Schule mit einigen hundert Franks jährlich, so daß jetzt wenigstens ein primitiver Unterricht für die Kinder zu haben ist. Ein Frauenbad wurde erst im vorigen Jahre eingerichtet. Vorher mußten die Frauen auch im Winter bei manchmal unfreundlichem Wetter zum Meere gehen, — ein Weg von etwa einer Stunde. Mancherlei Unzuträglichkeiten und auch Krankheitsfälle waren die Folge. Am schlimmsten steht es um den Friedhof. Ein alter jüdischer Begräbnisplatz wurde vor vielen Jahren von Arabern in Besitz genommen. Seitdem und bis 9 heute können die Toten nicht mehr in Gaza selbst, sondern im nächst gelegenen jüdischen Friedhof beerdigt werden, und der liegt in der Kolonie Katra, 7—8 Wagenstunden von Gaza entfernt! Man bedenke die Mühe und Kosten! Manche Juden lassen ihre Toten in Jaffa bestatten. Im Winter ist das beim mangelhaften Zustand der Wege eine Reise von mehreren Tagen. Für etwa 100 Napoleons (1600 Mark), sagte man mir, ließe sich der alte Friedhof zurückerwerben; aber die Gemeinde ist zu arm, und durch die gelegentliche Auswanderung der Wohlhabenderen wird sie immer schwächer. So kommt es, daß Gaza, das durch seine günstige wirtschaftliche Lage für die osteuropäischen Juden einen Hauptanziehungspunkt Palästinas bilden sollte, jetzt von den Palästinensern selbst gemieden wird! Mit ein paar Tausend Mark ließe sich der Friedhof zurückerwerben und herrichten und ließen sich die Schulverhältnisse und manches andere wesentlich verbessern, und nichts stünde mehr im Wege, daß Gaza ein neuer Stützpunkt der jüdischen Arbeit im Lande würde. Sicherlich ließen sich Mittel und Wege finden, der Gemeinde in Gaza die nötige Summe vorzustrecken, und man sollte nicht einmal warten, bis von dort ein solcher Antrag gestellt wird. Die Juden von Gaza sind auf Gaza nicht angewiesen. Sie können auswandern. Aber man muß wissen, daß von uns an keine wirtschaftliche Erschließung des Landes gedacht werden kann, bei der Gaza außer acht gelassen würde. Wir müssen — wenn wir dieses Ziel erreichen wollen — die Augen offen haben und herausfinden, was im Lande Not tut, und wir dürfen keinesfalls warten, bis die jüdischen Bewohner irgendeines wichtigen Punktes die notwendigen Schritte finden oder tun. Wenn wir, nach einem bekannten Worte, überall im Lande „Haken einschlagen" müssen, um unser Netz daran zu spannen, so gibt es keine Möglichkeit, den Süden Palästinas mit in dieses Netz zu bekommen ohne den .,Haken" in Gaza. — Die jetzige kleine jüdische Gemeinde der Stadt ist aber unter den gegebenen Verhältnissen günstigstenfalls ein sehr „wackeliger" Haken, an den ich kein Netz spannen möchte. Wenn wir die Lage recht verstehen, so läßt sich — im schlimmsten Fall mit sehr geringen Opfern, oder besser gesagt mit einem kleinen „nationalen Anlagekapital" — eine Erschließung großen Stiles einleiten, und es kann aus dem schwachen jüdischen Punkte Gaza einer der stärksten im Lande gemacht werden. Nicht nur Einwanderer, sondern, a was fast noch wichtiger, auch viele in Jerusalem, Hebron, Tiberias und Safed brachliegende jüdische Intelligenzen und Kräfte könnten durch Übersiedelung nach Gaza die Oberfüllung ihrer jetzigen Wohnorte mildern und der jüdischen Sache einen neuen Vorposten erobern helfen, indem sie gleichzeitig ihre eigene materielle Lage verbessern. BEN DAVID oo o o o POLITISCHE REVUE o oo Aus Rußland Die gefürchteten ersten Tage nach der Dumaauflösung sind vorüber, ohne daß — abgesehen von dem sogenannten „kleinen" Pogrom in Odesssa — jüdisches Blut und Gut zum Opfer gefallen wäre. Die Panik ist aber nicht kleiner geworden, und die Gefahr ist für die Juden um so größer, je blutiger die Verwicklungen werden. Die ""Ruhe nach dem Manifest, der manche Dauer prophezeiten, die die anderen „Ruhe vor dem Sturm" nannten, ist jäh unterbrochen worden durch den Soldatenaufruhr in Finland. Vielleicht ist das das Sturmsignal . . . In zwei Kundgebungen hat sich jüngst die russische Regierung mit den Juden beschäftigt. In einem offiziösen Communique, worin sie die von uns letzthin vermutungsweise ausgesprochenen Hauptgründe der Dumaauflösung selbst deklariert, heißt es: „. . In ihren Reden hat die Duma die Regierung beständig diskreditiert, indem sie diese sogar der Veranstaltung von Judenhetzen und Unruhen beschuldigte. Indem die Duma Delegierte nach Bjelostok entsandte, hat sie offen danach gestrebt, sich die Macht der Exekutive anzumaßen . . . Schließlich haben mehrere Abgeordnete Agitationsreisen in das Innere Rußlands unternommen, und ihr Erscheinen hat ein Wiederzunehmen von Unruhen, Judenhetzen und Ausständen zur Folge gehabt. Diese Gründe haben zu dem Entschluß geführt, die Duma aufzulösen." Damit hat die Regierung die Stellung, die sie den Pogromen