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Die Welt · 1906-08-03 · 31 (3.8.1906) · page 5

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
31 (3.8.1906)
Date
1906-08-03
Page
– (sequence 5)
Language
German
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nement Kursk hierher kam. Der Ort war öde, verlassen wie die ganze Gegend am Ölberg. Da, schauen Sie mal hin ..." und er zeigte auf das Bergland rings um seine Wohnung — „ich ließ mich hier nieder und begann das Heilige Land zu bebauen. Mit eigenen Händen habe ich es von Steinen gereinigt, habe Kanäle gebaut, Bäume gepflanzt, all diese blühenden Bäume, die Sie jetzt bewundern." „Es waf eine Zeit" — so setzte er seine Erzählung fort, — „als es auf dem Berge noch kein Wasser gab. Da ging ich zweimal täglich — des Morgens und des Abends — den Berg hinunter zur Quelle „Haschiloach" und brachte täglich Wasser nach oben, womit ich den Boden um die Bäume begoß, damit die Wurzeln erstarken sollen. . . ." Und auf seinem Gesichte erschienen Freude, Begeisterung und der Abglanz eines geradezu kindlichen Enthusiasmus, als er fortfuhr: „Später pflegte ich die Bäume wie meine Kinder. Ich freute mich, wenn sie blühten und weinte, wenn sie in der Trockenheit darbten. Meine Brüder — Russen, die diese Gegend besuchen —, gaben mir Mittel, um die Kirche zu schmücken." Und mit einem strahlenden Gesichte, voll Freude und Hingebung, fügte er hinzu: „Jetzt sehe ich die Früchte meiner Arbeit, ich habe mein Ziel erreicht." Seine Stimme begann leicht zu zittern . . . „Dieser Ort ist heilig für uns Russen, die ihrem Glauben ergeben sind. Ich bin glücklich, daß ich der Wächter dieses Ortes bin — ich hüte hier die Ehre meines Volkes und meines Glaubens . . ." Vor mir stand der erste Wächter, der Wächter des russischen Glaubens . . . * * * Ich ritt weiter auf meinem arabischen Pferde, von einigen Freunden begleitet. Wir erklommen den Berg Tabor. Die Herrlichkeit von dieser Gegend ist unbeschreiblich. Unten dehnt sich das Tal Esdralon; gegen Osten liegt ein weites Stück des Jordanlandes mit dem See Genezareth; westlich glänzt das blaue Mittelmeer. Gen Norden steigt der Berg Hermon hoch empor, gegen Süden dehnt sich die Karmelkette. . . . Der Tabor ist von unzähligen grünen Bäumen voll bedeckt. Wir reiten hinauf bis zum Gipfel des Berges, wo ein katholisches Kloster sich erhebt. Uns entgegen kommt der Abt, ein Deutscher, mit vollem, schönem Gesichte und einem ziemlich stattlichen Schmeerbauch. Ein Abkömmling Luxemburgs, beherrscht er vollständig die französische Sprache. Wir gingen ins Haus und traten in einen großen Saal. Die Wände sind mit Zeichnungen, die die Gegend abbilden, und mit verschiedenartigen archäologischen, geologischen und zoologischen Tabellen bedeckt. Ringsherum zahlreiche Skelette von Tieren und Vögeln, die sich auf dem Tabor aufhalten. Kurz: ein reichhaltiges Museum, wo man leicht die ganze Gegend, ihrer Vergangenheit und Gegenwart nach, studieren kann. Eine Menge Bücher, zahlreiche Kollektionen — das . alles verdankt seine Existenz der Arbeit des Abtes. Beim Ausgange aus dem Kloster machte mich der gelehrte Mönch auf Ausgrabungen vom Bergesgipfel, auf alte, seltene steinerne Tafeln, Tabellen aus dem Zeitalter der „Richter" aufmerksam. Er zeigte uns einige Schekel aus der Zeit der Makkabäer, die er selbst bei Ausgrabungen gefunden hatte. Dreißig Jahre schon lebt und arbeitet dieser Mönch am Tabor, macht Ausgrabungen, Untersuchungen und bereichert die Wissenschaft „zum Ruhme seines Volkes und seines Glaubens". Vor mir stand der zweite Wächter, der katholische. . . . * * * Ich begab mich nach dem Nordende des Genezareth-Sees und kam nach der kleinen Kolonie „Tapcha". Eine stolze, majestätische Landschaft, warme, milde Luft, ein reicher, fruchtbarer Boden. Hier könnte ein Paradies erblühen, von Gott und Menschen gesegnet. Indessen ist hier noch alles unbestellt. Eine dürre Wüste, ohne Bewegung, ohne Leben. Das Fieber allein gedeiht in dieser Gegend. Der einzige Lichtpunkt in dieser Finsternis ist Tapcha, wo die Menschen ein ruhiges, gesundes und glückliches Leben führen. Am Ufer des Sees steht ein zweistöckiges Haus, umgeben von einem Garten. Beim Eingang empfängt uns ein Mann von hohem Wüchse, mit einem von der Sonne gebräunten Gesichte, das von einem weißen Barte umrahmt ist. Er ist ganz weiß gekleidet. Sein Aussehen ist ehrfurchtgebietend, ernst, von patriarchalischer Würde. Ein Mann aus ferner Vergangenheit. Es ist ein evangelischer Priester, der Begründer der Kolonie „Tapcha". Schon 30 Jahre ist es her, seit er sein Vaterland Deutschland verlassen und sich nach dem „Heiligen Lande" begeben hat, um „zu leben, wo Gott den Menschen erschien". Zuerst ließ er sich in Transjordanien nieder und lebte 20 Jahre in Gemeinschaft mit Arabern als Beduine; dort erlernte er Sprache, Sitten und Gewohnheiten der Araber, so daß er sich fast nicht unterschied von einem echten Araber. Und so sehr wirkte er durch sein Leben und seine Reden auf seine neuen Brüder, daß sie ihn als einen Heiligen betrachteten. Später kam er aus Transjordanien zurück und ließ sich nördlich vom See Genezareth nieder. Er kaufte in dieser wüsten Gegend ein Stück Land und begann es zu bearbeiten. Bald wurde diese Gegend von Gärten, Weingärten und Parkanlagen bedeckt, und das Fieber verschwand. Allmählich kamen dann einige Deutsche und Araber hinzu, und da leben sie nun alle zusammen und bebauen den Boden ihrer Kolonie. Weit hinein ins Land klingt das Lob dieses ungewöhnlichen Mannes. Man bewundert ihn und seine unermüdliche Tätigkeit, die er immer noch fortsetzt. Und er hütet auch „die Ehre seines Volkes und seines Glaubens"'. Vor mir stand der dritte, der evangelische Wächter. * * * Ich bin wieder in Jerusalem. Freitag nachmittag machte ich einen Besuch bei dem „Ersten der Ersten" Jerusalems, beim „Chacham-Baschi". Nach den Gesetzen des Landes ist er der Vorsteher der ganzen jüdischen Bevölkerung und besitzt eine große Macht, gleich den Vertretern der christlichen Gemeinden. In den engen, schiefen, planlos hingeworfenen und schmutzigen Gäßchen suchte ich das Haus, wo der Chacham-Baschi wohnt. Endlich, nach vielem Suchen, fand ich sein kleines, zweistöckiges Gebäude. Eine schmutzige Steintreppe führt in das Zimmer des Chacham selbst. Ich klettere hinauf und trete in ein schmales, nicht zu großes Zimmer. . . . Das Dienstmädchen wusch gerade den Boden. Ich bemühte mich, vorsichtig vorzudringen, um nicht beschmutzt zu werden. Auf einem roten Sofa saß der Rabbi, ein greiser, schwacher Mann von mehr als neunzig Jahren, dessen Gesicht die Spuren von vergangener Schönheit trug. Jetzt zittern seine Hände, die Unterlippe hängt schlaff herunter, und seine Sprache ist kaum zu verstehen. Dieser hilflose Greis ist der Vertreter der jüdischen Bevölkerung in Palästina! Ich begann mit ihm von verschiedenen allgemeinen jüdischen Fragen zu sprechen, aber ich konnte auf keine Frage eine klare Antwort bekommen. „Warum", fragte ich, „ist die Bedeutung der Juden in Palästina so gering, während die türkische Regierung ihnen dieselben Rechte wie den andern Völkern einräumt und wo doch die jüdische Bevölkerung zwei Dritteil der Einwohnerschaft Jerusalems ausmacht, so daß ihre Kraft und Bedeutung viel stärker sein könnten?" Auf alle meine Fragen, auf meine heißen Wünsche bekam ich nur eine gestammelte Antwort: „Wir sind im Golus, wir sind im Golus!" o*

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