Mannheim
Compact Memory

Die Welt · 1906-08-03 · 31 (3.8.1906) · page 4

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
31 (3.8.1906)
Date
1906-08-03
Page
– (sequence 4)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
93% known words query
IRI
…/3315709-3316186-3316218--48376-3343302
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

D1E30EELT No. 31 Regierungen und Völker, aber für derartig vertiert kann ich dennoch beide nicht halten, daß ein nachgewiesenes Justizverbrechen und dessen Opfer sie gänzlich indifferent lassen. Also aus Furcht? Gewiß, die Gewalten, die man in die Schranken fordern muß, um das Urteil von Pisek nach dem von Kuttenberg zu vernichten, sind mächtig und übermächtig und ihr Einfluß, ihr Reichtum an Hilfsmitteln aller Art ist nur geringer als ihre Bedenkenfreiheit. Aber wozu hätte dann Frankreich sein Beispiel gesetzt? Lehrt dieses nicht, daß der Panzer des Klerikalismus nicht undurchdringlich ist? Ist der in seinem Blute daliegende, niedergehauene Lindwurm keine genügende Aufmunterung zur Wiederholung des Abenteuers? Was wagt der Ritter ohne Furcht und Tadel, der es bestehen will? Beschimpfung unflätigster, ruchlosester Art? Wen hat man teuflischer besudelt als Picquart und Zola? Hat es den einen gehindert, mit 52 Jahren Divisionär zu werden, und den anderen, die Ehren der Beisetzung im Pantheon zu erlangen? Verfolgung, Gefängnis, Armut, Lebensgefahr? Picquart hat elf Monate in Geheimhält geschmachtet; Zola wurde zugrunde gerichtet und mußte außer Landes flüchten; Labori trägt noch die Kugel des Meuchelmörders im Leibe. Und haben sie nicht trotz alledem gesiegt? Stärker als der französische ist auch der österreichische Antisemitismus nicht. Fehlen in Österreich die Männer, die ihm in Frankreich seine Beute entrissen und die Zähne in den Hals geschlagen haben? Ich zweifle nicht daran, daß der österreichische Antisemitismus und Klerikalismus seine „Gazette de France", „Croix", „Libre Parole", „Eclair", seinen General Mercier und Roget, seinen Richter Delegorgue und P6rivier,seinen Staatsanwalt von Cassel, seinen Rechtsanwalt Auffray, seinen Belastungszeugen Cernucky, seinen Bandenführer Guerin hat Aber Frankreich hat gelehrt, daß sie alle zusammen nicht unbesiegbar sind. In Österreich wird der Kampf leichter sein als in Paris, wo er gleichwohl zum Triumph der Wahrheit geführt hat. Denn die Niederlage des französischen Klerikalismus gibt den Angreifern von vornherein eine Zuversicht, die sie in Frankreich nicht haben konnten und nicht hatten, und das Kampfgelände ist in Österreich für den Klerikalismus nicht entfernt so günstig, wie es in Frankreich war. Dort konnten die Lügner und Fälscher vorgeben, daß sie die Ehre, ja den Bestand des Heeres, die Sicherheit des Landes, die Fahne und die Grenze verteidigten. Der Antisemitismus konnte sich die falsche Nase des Patriotismus vorbinden, die Klerikalen konnten die Verteidiger des Rechtes als vaterlandslose Gesellen und Anarchisten diskreditieren. In Österreich ist nichts dergleichen möglich. Denn auch der abgefeimtesten Rabulistik wird es nicht gelingen, Hilsners Festhaltung im Zuchthaus als ein Erfordernis der österreichiscen Staatssicherheit, Fahnen- und Volksehre vorzuschwindeln. In Frankreich setzten sich für das Justizverbrechen auch gutgläubige Franzosen ein, denen die aufgepeitschte vaterländische Leidenschaft mit dem Verstand und Rechtssinn durchging. Welche besseren Volksgefühle können in Österreich die klerikal-antisemitischen Camorristen und Maffiosi anrufen? Ihnen antwortet nur der pöbelhafteste Judenhaß, der Houston Chamberlainsche und Gobineausche Faseleien stammeln muß, wenn er sich in gebildeter Gesellschaft zeigen will. Es mag sein, daß es schwierig ist, die Rechtsform für die Anfechtung des Piseker Urteils zu finden. Ich glaube, daß Bulowas Schriften die erforderliche Handhabe bieten* doch bin ich in diesem Punkte nicht1 zuständig. Ich müßte mich indes bis zur Besinnungslosigkeit wundern, wenn die Gesetzkenntnis und der Scharfsinn österreichischer Juristen den Weg nicht entdecken sollten, auf dem sie das Recht zum Siege führen können. Eines aber ist gewiß möglich: die Begnadigung Hilsners. Die Wiederaufnahme mag bedächtig in die Wege geleitet werden; sie kann ohne Schaden warten. Die Gnade für Hilsner jedoch ist dringend. Jede Stunde, die dieser Unschuldige in Ketten vertrauert, ist ein nicht zu widerlegender Vorwurf für alle anständigen Österreicher. Ich begreife nicht, wie ein Wiener, der die Anfangsgründe des Lateinischen noch nicht vergessen hat, im Vorübergehen das „Justitia regnorum fundamentum" am äußeren Burgtore lesen kann, ohne schamrot zu werden, solange das Unrecht an Hilsner nicht gesühnt ist. Und noch weniger begreife ich, wie die Juden Österreichs sich bei dem Erkenntnis beruhigen können, das in der jämmerlichen Person Hilsners sie alle des Ritualmordes schuldig erklärt und im Abwesenheitsverfahren verurteilt hat, Sie müssen alles daransetzen, um Hilsners Unschuld zu beweisen und damit die Schmach der furchtbarsten Beschuldigung von sich abzuwaschen. Wenn sie ihre Pficht nicht erkennen und nicht tun, rechtfertigen sie die Antisemiten, die sie feig und ehrlos schimpfen. VIER WÄCHTER Von M. USS1SCHKIN Am Tischah B'ab abends — es war im Jahre 1903 — ritt ich aus der Stadt Jerusalem ostwärts. Zu beiden Seiten Ruinen, Berghügel, Täler, Felsen. . . . Vor mir erhebt sich der Ölberg. Wie vieles sagt er unserem Herzen, wieviele historische Erinnerungen weckt er auf! Von diesem Berge träumen und zu ihm streben alle unsere Dichter. Aber nur der Name ist von ihm geblieben. Dahin der grüne Schmuck. Vollständige Öde. . . . Kein Baum, kein Gräschen. ... Felsen, Grabsteine, Gräber. . . . Grüfte Israels! . . . Wohin man blickt: Gräber, Gräber, Gräber. ... Ich reite auf den Gipfel des Berges, und schaue nieder auf die umliegenden Ruinen. ... Die Phantasie trägt mich zurück zur fernen, fernen Vergangenheit. Und vor mir steht die glückliche Zeit auf, da dieser Berg noch kein Leichenfeld war, kein Ort des Todes, nein, eine Stätte war des Lebens, eines großen, herrlichen Lebens. . . . Westlich vom Ölberg dehnt sich Jerusalem und seine Umgebung — der Berg „Maria". Auf dem Berge, wo einst der stolze Tempel Jerusalems aufragte, steht jetzt eine mohammedanische Moschee. ... Ich reite weiter, immer weiter. Und da taucht vor meinen Augen — wie eine Oase in der Wüste — inmitten all dieser Öde eine stilleruhige Behausung auf. Grüne, blühende Bäume. . . . Ein herrlicher Wald, Blumen, schöne Fußwege, ein blanker Hof und in seiner Mitte eine christliche orthodox-russische Kirche. Der Priester, Vater Parthentius, ist schon sehr alt. Er hat das achte Jahrzehnt hinter sich. Er ist von hohem Wüchse, schlank, schlicht und sauber gekleidet, wie alle orthodoxen Priester. Sein Gesicht ist gerötet, besonders die Nasenspitze. Alle seine Bewegungen, selbst sein Gang, sprechen von einem lebhaften Charakter, von einfachen und freundlichen Sitten. Er führte mich hinein und zeigte mir den Wald, die Gebäude, die von Rebengeländen umfriedeten Pavillone, von denen aus eine Fernsicht auf das Tote Meer sich eröffnet. So ging ich ein paar Stunden mit dem Priester umher, der mit Begeisterung erzählte, wie alles, was hier das Auge erblickt, von seiner persönlichen Arbeit geschaffen sei: der Wald, die Fußgänge, die Pavillone und alle die Gebäude ringsum. Er erzählte und ich lauschte jedem Worte, folgte jedem Detail: „Es sind mehr als 20 Jahre verflossen, seit ich aus dem Gouver-

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.