Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 31 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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wie dieser, und in beiden Fällen sind es dieselben Gewalten, die zu wesensverwandten Zwecken und mit annähernd denselben Methoden die Gerechtigkeit vom geraden Weg abgedrängt haben. Maitre Mornard, kein Leisetreter wie der allzu berühmte Herr Demange, hat in seiner Rede vor dem höchsten Gericht unbedenklich den Punkt auf das i gesetzt. „Es ist heute", sagte er, „nicht mehr möglich, zu leugnen, daß der Antisemitismus die erste Ursache, allerdings nicht der Anklage, aber der Irreleitung der Strafuntersuchung gewesen ist. Der Gerichtshof weiß, daß in gewissen ausländischen Heeren, namentlicji in Deutschland, die Israeliten zu den hohen Rängen nicht zugelassen werden." (Wackerer Mornard! Sie werden in Deutschland nicht einmal zu dem Rang eines Unteroffiziers zugelassen, den ich bei aller Militärfrömmigkeit noch nicht als hoch anerkennen kann.) „Theoretisch ist dem in Frankreich nicht so, wo ein derartiger Grundsatz, als der Erklärung der Menschenrechte zu sehr entgegengesetzt, keine Statt finden kann. Aber das Ideal des hohen Militärpersonals war lange, und ist es wohl auch noch heute, in unserem französischen Heer nach dieser Richtung dieselben Gepflogenheiten einzuführen wie im deutschen. An der Schwelle der Dreifusaffäre findet man Kundgebungen dieses Ideals. Einer der Prüfer der Kriegsakademie, General de Bonnefond, erklärt offen, so natürlich scheinen seine Gefühle in diesen Kreisen: „Ich will keinen Juden im Generalstab. Ich werde ihnen eine schlechte allgemeine Note geben." ... Im Kriegsministerium wütet der Antisemitismus wie auf der Kriegsakademie. ... Wehe dem Juden, der unter Anrufung der gemeinsamen Rechte und Pflichten seinen Dienst im Generalstab dazu benutzen möchte, um' seine Fachkenntnisse und militärische Brauchbarkeit zu vermehren! Er macht sich damit verdächtig. . . . Der Argwohn eines möglichen Verrates heftet sich in diesem Kreise unüberwindlich an jeden jüdischen Offizier. ... Die Dreyfusaffäre war tatsächlich nicht der Prozeß eines Individuums, sie war der Prozeß eines jüdischen Offiziers, sie war die Anwendung des antisemitischen Glaubensbekenntnisses auf das Gerichtsverfahren. Und das ist es, was das Gewissen der Menschheit in dieser Affäre aufgeregt und empört hat." So Maitre Mornard. Was er sagt, paßt Wort für Wort auf den Fall Hilsner. Es war kein Prozeß des armseligen böhmischen Dorflumpen, es war der Prozeß des Judentums. Im Urteil wird es wohl nicht ausgesprochen, aber das ganze Verfahren drückte es klar aus: Hilsner wurde beschuldigt und verurteilt, gemordet zu haben, um sich oder vielmehr unbekannt gebliebenen Auftraggebern Christenblut zu Kultuszwecken zu verschaffen. Was der Antisemitismus in Ungarn und Preußen, in den Fällen Tisza-Eszlar, Xanten und Könitz vergebens versucht hat, das ist ihm in Kuttenberg und Pisek zweimal gelungen: die Feststellung in den Formen Rechtens, fast ein halbes Jahrtausend nach dem Falle des heiligen Knaben Simon von Trient, daß die Juden eine Glaubensgemeinschaft von Meuchelmordern und Kannibalen sind. Alle großen Linien der Fälle Dreyfus und Hilsner sind gleichlaufend. Hier wie dort liegt ein Verbrechen tatsächlich vor: dort ein Landesverrat, hier ein Mädchenmord. Hier wie dort fällt der Verdacht der Täterschaft auf einen Juden: dort, weil er der einzige jüdische Offizier des Generalstabs ist und seine Schrift eine entfernte Ähnlichkeit mit der des Hauptbeweisstückes hat, hier, weil sich im Dorfe Polna ein jüdischer Tagedieb herumtreibt, dem man schlechte Streiche zutraut. Hier wie dort bemächtigt der Antisemitismus sich sofort des Falles mit äußerster Energie, um ihn zur Förderung seiner Zwecke zu verwerfen. Auch diese Zwecke sind im Grunde die nämlichen: in Frankreich gilt es die Klerikalisierung des Heeres, der Verwaltung und Rechtspflege, die Wiederaufrichtung des Königsthrones, die feste Begründung der Kirchengewalt und die Vernichtung aller Errungenschaften der großen Revolution; in Österreich braucht keine Regierungsform geändert, Heer und Verwaltung nicht erst erobert zu werden; aber auch hier ist der Antisemitismus das wirksamste, das allein wirksame Mittel des Klerikalismus zur Gewinnung der Massen für die Heeresfolge im Feldzuge gegen Bildung, Aufklärung, Fortschritt, Befreiung der Persönlichkeit, Volkssouveränität, gegen alle Gedanken und Strebungen der Zeit, die den Feudalismus, den Absolutismus und die Herrschaft der Kirche bedrohen. Hier wie dort nimmt von allem Anbeginne die antisemitische Presse die Führung der Angelegenheit in die Hand, erfindet, lügt, fälscht, hetzt, erregt die Menge, beschimpft und bedroht die Unparteiischen, eröffnet neben der amtlichen Untersuchung eine private, die jene stört und vergewaltigt, übt eine Schreckensherrschaft über Richter, Staatsanwälte und Zeugen aus, organisiert den Tumult auf der Straße, im Gerichtssaal und im Parlament. Hier wie dort greifen hohe und niedere Geistliche verhüllt und offen in den Gang der Dinge ein, indem sie eine Volksstimmung schaffen und außeramtlich als allgemeine Leumundszeugen gegen die Moralität des Judentums auftreten. Frankreich hat seine Schreibsachverständigen, Österreich seine Gerichtsärzte gehabt. Kurz: Zug um Zug dasselbe Bild. „Und das ist-es, was das Gewissen der Menschheit in dieser Affäre aufgeregt und empört hat." In der Affäre Dreyfus. Warum nicht auch in der Affäre Hilsner? Glaubt man, es Hat sich in Österreich kein Zola gefunden, um zu rufen: „Ich klage an?" Er ist aufgestanden und er hat angeklagt. Er war nicht weltberühmt, wie der Verfasser der „Rougon- Macquarts", seine Stimme hatte nicht den gewaltigen Klang von Auferstehungsposaunen, sondern war dünn und schwach, seine Anklage fand keine „Aurore", die sie in hunderttausend Abdrücken verbreitete, und keine Presse beider Welten, um sie über das Erdenrund zu tragen, sie wurde überhaupt in keiner Zeitung aufgenommen, sondern dürftig in einigen Dutzend Abzügen hektographiert und aufs Geratewohl einer Anzahl Personen zugesendet, auf die sie Eindrück machen sollte. Aber der Mann war da, und er hat seine Heldentat getan wie Zola. Es war Dr. Bulowa, ein kleiner armer Arzt in den Weinbergen bei Prag, wie Zola kein Jude, sondern Christ, der, einzig von seinem Gewissen eines wahrheitsliebenden, Ungerechtigkeit hassenden Menschen gedrängt, ganz allein den Kampf mit dem Drachen aufnahm. Drei Jahre lang hat er ihn unerschrocken geführt, er hat die Wahrheit entdeckt und ausgesprochen, er hat aufgehellt, was die Untersuchung im Dunkel gelassen und die Verhandlung künstlich getrübt, verworren und entstellt hatte. In seinen Flugblättern ist der wirkliche Mörder der Hruza, sind seine Helfershelfer und Gönner mit Namen genannt, die Beweggründe und Umstände der Mordtat überzeugend angegeben, die Beweise aller Behauptungen sorgfältig angeführt, das Material st bereit und wartet nur darauf, daß eine zuständige Stelle es prüft. Doktor Bulowa aber hat in dem heroischen Feldzuge seine geringe Habe, seine Praxis, seine Gesundheit und schließlich sein Leben eingebüßt. Er ist nicht der einzige Streiter für Wahrheit und Recht geblieben. Auch die anderen Helden der Dreyfusaffäre haben ihr Gegenstück in der Hilsneraffäre. Dr. Arthur Nußbaum hat in seinem Buche „Der Polnaer Ritualmordprozeß" für diesen getan, was Josef Reinach in seiner monumentalen bis jetzt fünfbändigen „Histoire de l'affaire Dreyfus" für den französischen Fall. Der Vortrag des Rechtsanwalts Dr. Friedrich Elbogen im Wiener „Verein zur Abwehr des Antisemitismus" steht nicht hinter denen zurück, womit de .Pressense das Gewissen des französischen Volkes wachschrie. Obergerichtspräsident Krall hat in diesen Blättern über die Angelegenheit Worte gesagt, die an die gewaltigsten Streitschriften von Trarieux erinnern. Alle diese großen Kundgebungen haben jedoch bisher keinen Widerhall geweckt. Sie fallen in eine Todesstille und werden von ihr verschlungen. Warum? Aus Gleichgiltigkeit? Ich weigere mich, an sie zu glauben. Die Erscheinungen der letzten Jahrzehnte rechtfertigen wahrlich keine hohe Einschätzung des Verstandes und der Sittlichkeit der 2