Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 31 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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DIE1&ELT No. 31 Rußland zu belassen. Ist doch im selben Bjelostok die kostbare, unersetzliche Handschriftensammlung aus dem Nachlasse des Rabbi Mohilewer vandalisch zerstört, in kleine Fetzen verwandelt worden! Es ist wahrhaftig eine traurige Sache, daß unsere Dichter in Armut dahinsiechen, unsere geistigen Schätze obdachlos sein müssen. Es widerstrebt einem, erst eine wortreiche Bitte an die vielen Vermögenden unseres Volkes zu richten, die so leicht, so einfach helfen könnten. Aber vielleicht genügt es, daß wir auch in diesem Falle in unserem zionistischen Kreise bleiben. Möge ein kurzer, aber eindringlicher Appell: „Gedenket der Nationalbibliothek!" auf fruchtbaren Boden fallen! f. GEHET HIN UND TUET DESGLEICHEN . . . Von MAX NORDAU*) Paris, 26. Juli. Mit Recht sprach der Vorsitzende Brisson in der geschichtlichen Kammersitzung vom 13. Juli von „dem Triumphe der Gerechtigkeit, der Frankreich seit zwei Tagen die jubelnden Zurufe der Welt einbringt". Die jubelnden Zurufe drangen aus allen Windrichtungen und in allen Sprachen der Welt nach Paris. Mißtöne mischten sich kaum in das Aufjauchzen einmütiger Begeisterung. Denn die Zuhälter der Verbrecher, deren Stirn der weißglühende Richterspruch des Kassationshofes gebrandmarkt hatte, zogen meist ein tückisches Verstummen dem gewohnten Gekläffe vor, das in diesem Augenblicke bedenklich gewesen wäre. Auch in Österreich feierte die öffentliche Meinung den Sieg der Wahrheit, auch in Österreich beglückwünschte sie Frankreich zu seinem herrlichen Idealismus, zu seiner charaktervollen Ausdauer in der Verteidigung der guten „Sache, zu den großartigen Tugenden, die seine Helden und Dulder in dem zehnjährigen Verzweiflungskampfe mit den Gewalten der Hölle täglich und stündlich enthüllten. Ich las die österreichischen Kundgebungen besonders gierig. Ich hastete über die schwungvollen Lobsprüche, über die hochgestimmten Betrachtungen und die schwärmerischen Gedankenflüge eines allgemeinen menschheitlichen Optimismus hinweg, zum Ende der Ausführungen. Ich erwartete, daß sie zu einem bestimmten Schlüsse führen würden, der sich ihnen von selbst aufdrängen mußte. Aber sie klangen nicht natürlich aus. Sie hielten verlegen inne. Es fehlte die Folgerung, in der sie notwendig gipfeln sollten, wenn sie aufrichtig waren. Und in meiner Enttäuschung kann ich den Vorwurf nicht unterdrücken: „Und Hilsner?" Denn Österreich hat gleichfalls seinen Dreyfus. Auch in Österreich ist die Gerechtigkeit in eine Fallgrube getaumelt, und wenn sie nicht buchstäblich einen Justizmord begangen hat, so ist dies nicht ihr Verdienst, sondern das des gütigen Herrschers, dessen Gnade nicht zuließ, daß ihr Fehlspruch buchstäblich vollstreckt werde. Hilsner ist dem Galgen entronnen, aber seit sieben Jahren erleidet er die Schmach und Qual des Zuchthauses, und wenn das Urteil, das ihn in Ketten geschlagen hat, nicht aufgehoben wird, hat er keine Hoffnung, die Kerkermauern lebend zu verlassen. Jedermann weiß in Österreich, daß Hilsner das ihm zur Last gelegte Verbrechen nicht begangen hat. Anders als in Frankreich, gibt es hier keine diplomatischen Hinter- und Untergründe, keine Geheimpapiere, keine Staatsraison. Der Fall ist nicht verwickelt, sondern einfach und durchsichtig. Niemand hat die Ausrede wie in Frankreich, vorzuschützen, daß er nicht wisse, welche zerschmetternden Enthüllungen den Richtern mit Ausschluß der Öffentlichkeit gemacht wurden, daß er von dem kurzen 120-Geschütze, der hydropneumatischen Bremse, dem „kutsch" und „gabarit" Bertillons nichts verstehe und den Fachmännern und Gelehrten glauben müsse. Es gibt auch keinen elenden Klatsch diplomatischer Dummköpfe und Schurken zu wiederholen, die aus alberner Wichtigtuerei oder niederträchtiger Verlogenheit mit vielwissenden Mienen in den Salons nichtswürdige Erfindungen umher- Aus „N. Fr. Pr." trugen. Alles liegt klar zu Tage. Die Gerichtsverhandlungen haben sich vor der breitesten Öffentlichkeit abgespielt. Sämtliche Einzelheiten der Anklage, der Untersuchung, des Beweisverfahrens, der Verteidigung sind jedem Zeitungsleser zugänglich gewesen. Jedermann konnte sich über die Staatsanwaltschaft, die Zeugen, die Geschworenen ein eigenes Urteil bilden. Und da können Menschen von Einsicht und Gewissen seelenruhig in den Tag hineinleben, obschon ihnen bekannt ist, daß ein Unschuldiger zum Tode verurteilt wurde, weil er einen Mord begangen habe, um sich zu Ritualzwecken Menschenblut zu verschaffen, und daß dieses Todesurteil in lebenslängliche Zuchthausstrafe umgewandelt wurde, die an dem Unglücklichen seit sieben Jahren vollzogen wird? Nein, ein Österreicher hat nicht das Recht, über das Erkenntnis des Pariser Kassationshofes ein lobendes Wort zu sagen, wenn er nicht ohne Pause hinzufügen will: „Und nun wollen auch wir unsere Schuldigkeit tun!" Er hat nicht das Recht, die Scheurer- Kestner und Bernard Lazare, die Trarieux und Zola, die Picquart, die Jaures, die Cornely und Clemenceau laut zu preisen, wenn er nicht anerkennt, daß ihre starken Taten eine strenge Mahnung für ihn in sich schließen. Die anderen Völker dürfen Frankreich Beifall klatschen; der Österreicher muß sich gedrückt und still beiseite schleichen, wenn er nicht entschlossen ist, das Sittengesetz, das in Frankreich ruhmvoll gewaltet hat, auch seinerseits zu befolgen und sich die Lektion von Mannhaftigkeit zunutzen zu machen, die tapfere Franzosen der Welt gegeben haben. Durch das, wasin Frankreich geschah, ist die allgemeine Menschenwürde erhöht und der Menschenadel bestätigt worden. Beschämend ist es nur für den Österreicher, der schwächlich und stumpf daheim duldet, was ihn bei dem fremden Volke empört hat, und in sich nicht den Ernst und die Kraft findet, um die Moral des bewunderten französischen Dramas zu beherzigen und in Tat umzusetzen. Wie, sieht er denn nicht, daß er sich selbst als den Franzosen an Gerechtigkeits- und Pflichtgefühl, an Menschlichkeit, sittlicher Vornehmheit, Selbstlosigkeit und Energie weit untergeordnet einbekennt, wenn er nicht mindestens den Versuch macht, in ihre Fußstapfen zu treten? Ich weiß wohl: die Opfer der beiden Justizverbrechen sind nicht zu vergleichen. Hilsner ist kein glänzender Generalstabsoffizier von hoher Bildung, makelloser Vergangenheit und musterhaftem Familienleben, er ist ein halb blödsinniger, übel beleumdeter Bettler und Landstreicher. Den härtesten Teil seiner Heimsuchung, die Ermordung seiner Ehre, fühlt er wahrscheinlich nicht. Er schreibt aus seinem Elend keine herzzerreißenden Briefe, sondern erleidet es dumpf und lautlos wie ein Arbeitstier im Joch. Er hat keine Frau und Kinder, deren Atridengeschick das Grauen und Mitleid der Menschen immer rege hält. Auch ist ein österreichisches Zuchthaus nicht die Teufelsinsel, und die österreichische Strafverwaltung hat wohl niemals, selbst nicht in der Aera Windisch-Graetz und Haynau, selbst nicht zur Zeit des von Sylvio Pellico melodramatisierten Spielbergs, ein Ungeheuer wie den scheußlichen Andre" Lebon mit dem doppelten Fußeisen gekannt. Aber wenn Hilsner persönlich weniger interessant ist als Dreyfus, ein Unschuldiger ist er dennoch