Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 31 (3.8.1906)
- Date
- 1906-08-03
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIE KÖLN AM RHEIN, UBIERRING 23 ELT ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG X. JAHRG. KÖLN, 3. August 1906 }21)nb tW« V> No. 31. EIN WORT FÜR DIE NATIONALBIBLIOTHEK Man hat fast den Mut verloren, in diesen Tagen an die jüdischen Herzen zu appellieren, sie mögen der geistigen Not, unter der unser Volk seufzt, zu steuern versuchen. Während Millionen täglich und stündlich nicht mehr den Kampf um . ein armseliges Dasein, nein, den Kampf um Leben und Tod führen müssen, während eine ganze Flotte Zehntausende bettelarmer Flüchtiger über den Ozean trägt, während die Ärmsten der Armen, jüdische Waisenkinder, die ihre Eltern im Pogrom verloren haben, nach Europa gebracht und hier der Milde freundlicher Beschützer anvertraut werden, scheint es auf den ersten Blick so unzeitgemäß, so unwichtig, so „idealistisch" wie nur möglich zu sein, wenn man von der geistigen Not spricht. Vielleicht ist es wirklich unzeitgemäß. In Kriegszeiten muß der sinnende Geist feiern — sagt das römische Wort. Und unsere jüdischen Tage sind furchtbarer als die schrecklichen des Kriegsgetümmels. Vielleicht auch ist es dieser Erkenntnis zuzuschreiben, wenn es in den letzten Zeiten so stille geworden ist mit all den jüdisch-kulturellen Aspirationen, die vor Jahren die Geister so stürmisch bewegten, die aber auch an vielen Orten dem Schaffensdrang freie Bahn und fruchtbare Betätigungsmöglichkeiten boten. Warten, abwarten, bis ruhigere Zeiten kommen, Zeiten der Sammlung, des Wiederaufbaues, das ist die unausgesprochene Parole der „Kulturkämpfer". Warten wir denn! Aber nicht überall und nicht mit allem läßt sich warten. Es gibt auch Pogrom-Katastrophen für geistige Besitztümer, und wir müssen für die bedrohten Kulturgüter sorgen, wie wir für die Waisen und die Verarmten der Pogrome sorgen. Zu den Bedrohten, zu den Geschädigten der Pogrome gehört unsere Nationalbibliothek. Und das im vollen, nicht in irgend einem übertragenen Sinne des Wortes. Ich hatte in Bjelostok Gelegenheit, mit dem greisen Idealisten der Tat, dem Vater der „Jüdischen Nationalbibliothek" in Jerusalem, mitDr.Chasanowicz zu sprechen. Jeder, der einem Kongresse beigewohnt hat, kennt den Feuereifer, mit dem er für seinen Lieblingsplan eintritt. Jeder von uns hat den einzigen Enthusiasmus bewundert, mit dem dieser Mann — wie es in der Schrift heißt: aus ganzer Seele, mit seinem ganzen Vermögen — dereinen großen Sache dient. Jeder, der ihn am Werke gesehen, war von der treuen, unermüdlichen Sorgfalt gerührt, mit der er aus aller Herren Ländern kleine und große Schätze zusammenträgt, um sie vereinigt dem jüdischen Volke zu geben. Kein Traum, kein schönes theoretisches Projekt ist die jüdische Nationalbibliothek, — schon erhebt sich auf dem Grunde von Erez Israel der Bau, der dieses große Kulturgut bergen soll . . . Leider ein unvollendeter Bau. Der große Idealist hat nicht genug Mitkämpfer gefunden — ein schwerer Schlag für ihn, ein beschämendes Zeichen für die Juden aller Länder. Der letzte Kongreß hat allerdings eine Kommission zur Förderung der Nationalbibliothek eingesetzt und das Institut subventioniert, — aber das ist noch lange nicht genug. Das private Interesse für diese kulturelle Schöpfung müßte sich in einem Maße steigern, das ihrer Bedeutung, ihren Bedürfnissen entspräche. Um ein Haar wäre die Nationalbibliothek von einer nicht wieder gut zu machenden Katastrophe ereilt worden. Im Hause des Dr. Chasanowicz liegt eine große Zahl wertvoller Bücher aufgestapelt. Auch sein Haus ist von den Pogrombanden nicht verschont geblieben. In das Zimmer, in dem der greise Chasanowicz saß, jede Flucht, jedes Ausweichen vor der Gefahr vermeidend, wie es seine Art ist, flogen die Kugeln, — drangen auch in den angrenzenden Raum, in dem die für die Nationalbibliothek gesammelten Bücher verwahrt sind. „Die Juden wären selbst schuld daran, wenn die Bücher zerrissen oder verbrannt worden wären, — ich habe sie angekauft und binden lassen, aber ich habe bis jetzt nicht einmal das bischen Geld aufbringen können, um sie nach Palästina zu transportieren, . . ." so klagte mit berechtigter Bitterkeit der Mann, der während des Pogroms nicht für sein Leben, wohl aber für seine, für unsere Bücher gezittert hat. Lange aber kann und will Dr. Chasanowicz nicht die Verantwortung dafür übernehmen, die Bücher in