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Die Welt · 1906-07-27 · 30 (27.7.1906) · page 11

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
30 (27.7.1906)
Date
1906-07-27
Page
– (sequence 11)
Language
German
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No. 30 DIE3aEELT 13 wirklicht. Niemand weiß, woher das Gerücht stammte, daß Donnerstag, während des russischen Feiertags, eine orthodoxe Prozession durch die Stadt ziehen wird. (Juden! Toren! Als ob die Bureaukratie nur ein Mittel für Pogrome besäße — die Prozessionen!) Und die Panik infolge dieses Gerüchtes war so groß, daß Tausende von Menschen flohen, ohne sich weiter Rechenschaft zu geben! Ein ganzer Goluszug von Frauen und Kindern, erschrockene Menschen, halb angekleidet, mit angstvoll hervorstehenden Augen, bis aufs höchste aufgeregt! Ein Laut, ein Pfiff, eine Bewegung des Windes — und dieses ganze Heer stiebt nach allen Seiten, versteckt sich in den Wäldern und in den Feldern, einander in der Verwirrung übertretend, zertretend, bewußtlos hinfallend aus Todesangst. Und das alles ereignet sich in einer Stadt, wo nach der letzten Aufnahme mehr als 350000 Juden wohnen, wo alle Organisationen, die „National-Demokraten" nicht ausgenommen, Aufrufe verbreiteten, worin sie erklärten, keinen Pogrom zuzulassen und die Juden mit allen ihnen zu Gebote stehenden Mitteln verteidigen zu wollen. Aber die traurige Erfahrung hat den Wert solcher Versprechungen bewiesen, und die Warschauer Garnison mit ihrer Armee von Waffen aller Sorten wirft ihre Schrecken auch auf den größten Optimisten. Und man hat keinen Mut, die unglücklichen Fliehenden zu beruhigen. Man möchte ihnen zurufen: Verrückte, was flieht ihr? Wohin wollt ihr? Dem Tode ist schwer zu entkommen. Überall gibt es Menschenbestien, die auf euer Blut lauern. Verschwendet also nicht umsonst eure letzte Kraft, eure letzten paar Groschen — man möchte ihnen das alles zuschreien, — aber die Zunge preßt sich an den Gaumen, man hat den Mut nicht, nicht die Kraft, sie aufzuhalten. Donnerstag ist vorüber! Den ganzen Tag hat die Stadt wie am Jom-Kipur ausgesehen; ein Jude war selten zu sehen. Und wenn die unvermeidliche Notwendigkeit einen auf die Straße trieb, beeilte er sich, möglichst rasch durch die Straßen zu kommen. Sogar Christen erschienen weniger auf den Straßen als jemals sonst. Als dann der Tag ruhig vorüberging, begannen allmählich die Entflohenen zurückzukehren, um den nächsten Sonntag und den zweiten russischen Feiertag in noch größerer Panik zu durchleben. Von vollständiger Ruhe ist auch jetzt noch keine Rede. Obwohl alle Anzeichen dafür sprechen, daß die Administration an keinen Pogrom denkt, wollen die Gerüchte nicht verschwinden, und die Bevölkerung lebt in fortwährender Angst und entsetzlicher Beklommenheit. Vor einigen Tagen ist die Kassa der Wechselbahn überfallen worden. Man hat von einer Droschke einige Säcke Silbergeld heruntergeschleppt und dabei einen Soldaten ermordet, der den Raub nicht freiwillig zulassen wollte. Ein Bahnbeamter wollte die Gelegenheit ausnützen und wendete sich an die anderen Soldaten mit einer Rede, worin er sie aufrief, gegen die Juden loszugehen. Seine Rede wirkte jedoch nicht, und alle wunderten sich, daß die Soldaten kein jüdisches Blut bei solcher Gelegenheit vergossen haben. Das Rätsel hat sich aufgeklärt, als die polnischen Zeitungen veröffentlichten, daß der ermordete Soldat ein Jude war, namens Israel Merinow, der auf seinem Posten den Tod fand, während sein christlicher Genosse entfloh. Das Militär in Bjelostok Der Mitarbeiter des „Dwadzaty Wjek", Herr W. Wladimirow, der n der letzten Zeit durch mancherlei Enthüllungen weiten Kreisen bekannt geworden ist, hat auch in Bjelostok eine gründliche Untersuchung der dortigen Judenmetzelei veranstaltet. In nachgehendem geben wir einiges aus seinen Erzählungen wieder: Zwei Tage vor dem Pogrom wurde im Lokale des Divisionsstäbes eine Versammlung abgehalten, an der nur die Regimentskommandeure und General Bogajewski teilnahmen; am nächsten Morgen konferierten di£ Regimentskommandeure mit den Eskadronchefs. Am Abend wurden die Feldwebel versammelt, die beim Zapfenstreich (im Kasaner Regiment) den Soldaten ankündigten, daß am nächsten Tag in die kirchliche Prozession eine Bombe geschleudert und dieses einen Pogrom hervorrufen werde. Als nun die Krawalle begannen und das Gesindel, die „Hooligans", einen jüdischen Laden plünderten, fragten die Soldaten der in der Nähe stationierten 4. Kompagnie des Wladimirschen Regiments einander mit Erstaunen, warum denn ihr Leiter, Hauptmann Jakubow IL, diese Gemeinheit geschehen und ihr nicht Einhalt gebieten lasse. Ein Schutzmann griff in das Gespräch ein und erklärte den Soldaten, daß da keine Gemeinheit vor sich gehe, sondern der Befehl des Gouverneurs ausgeführt werde, nach welchem drei Tage lang Raub und Mord an Juden verübt werden sollte, und daß das auch billig sei, damit sie fernerhin keine Polizisten mehr morden. In diesem Augenblick trat Leutnant Schischko mit den Worten heran: „Nun, Kinder, wollen wir den Juden mal was zeigen." Hauptmann Jakubow II. schien das Gespräch und die für den Pogrom ungünstige Stimmung wahrgenommen zu haben, und um die Leute zu animieren, nahm er dem Soldaten Gabatulin das Gewehr ab, zielte auf einen zufällig die Straße überquerenden alten Juden und schoß ihn nieder, worauf er der Kompagnie zurief: „Haut, Kinder, auf die Juden zu!" Die Kompagnie gehorchte und begann zu schießen. Darauf entsandte Hauptmann Jakubow II. fünf Soldaten unter Leitung des Unteroffiziers Wassili Tupik nach der Alten Chausseestraße mit dem ausdrücklichen Befehl: „Begegnet ihr Juden, so schießt sie nieder." — Unterwegs geriet Tupik in Zweifel, ob sein Vorgesetzter den Befehl von Rechtswegen erteilt habe, und ließ sich mit den Soldaten in eine Diskussion des Falles ein. — Er meinte, daß, wenn jemand ein Verbrechen begangen hat, er erst vor Gericht gestellt werden und erst auf dessen Urteil hin erschossen werden müsse, daß aber niemand — und sei es auch ein Jude — aufs Geratewohl ermordet werden dürfe. Der Hauptmann habe also zu Unrecht befohlen. Die Soldaten waren derselben Ansicht, und der befohlene Massenmord unterblieb. Auf der Neuen Chausseestraße kam es zu einer Probe. Tupik erblickte einen Haufen Gesindel, das eine jüdische Bude plünderte, trat mit seinen Soldaten heran und befahl Einhalt. Die Hooligans waren derart erstaunt, daß sie den Befehl als Scherz auffaßten, nach kurzer Verlegenheit laut auflachten und wiederum Zugriffen. Tupik wiederholte seinen Befehl und drohte, zu den Waffen zu greifen, aber das Gesindel nahm das noch immer nicht ernst und achtete gar nicht mehr auf den Unteroffizier. Erst als Tupik seine Leute antreten ließ und „Anlegen" kommandierte, erkannte das Gesindel die Situation, und im Nu war es auf und davon unter Zurücklassung der bereits geraubten Ware. Ein in der Nähe stationierter Schutzmann war nicht weniger als das Gesindel über Tupik erstaunt und redete ihn folgendermaßen an: „Du hast wohl zwei Köpfe, daß du es mit dem Gouverneur aufnimmst. Der befiehlt, drei Tage lang die Juden zu morden und zu plündern, und du willst dich dem widersetzen." Tupik wurde nachdenklich. Es wollte ihm nicht in den Kopf, daß der Gouverneur einen solchen Befehl erlassen haben sollte, aber wie sollte er sich dann die Worte des Schutzmanns erklären, der doch auch nach Vorschrift seiner Vorgesetzten handeln müsse, und schließlich war doch auch der Befehl seines eigenen Hauptmanns Jakubow II. da. In Nachdenken vertieft kommandierte er „Kehrt", kam zum Hauptmann zurück und erstattete ihm Bericht. Dieser machte ein grimmiges Gesicht, sagte nichts, wies aber Tupik mit einer Handbewegung ab. Ein anderer Offizier, namens Jelenewski, schenkte einem Soldaten, der tüchtig auf Juden feuerte und in seiner Gegenwart drei totschoß, 50 Kopeken mit den Worten: „Brav, Junge, das hast du gut gemacht." Besonders hervorgetan hat sich ein Hauptmann Osol. Er hatte keinen Dienst, sondern spazierte durch die Stadt und mengte sich überall ein. Als er einer Anzahl Soldaten von der 7. Kompagnie begegnete, fragte er sie, ob schon alle jüdischen Wohnungen demoliert seien, und als er eine verneinende Antwort erhielt, sagte er: „Warum zögert ihr nun? Es wird ja bald spät, also munter vorwärts!" und die Soldaten setzten wieder ein. Derselbe Osol betrat zuerst ein Holzlager, in dessen Nähe die Soldaten ein Haus beschossen. Ohne jede Befugnis zog er die Wachtposten von den Offiziers Wohnungen zusammen und begab sich mit ihnen zur Schneidemühle, wo er den Vorschlag machte, keine Patrone unnütz zu verschwenden, sondern das Gebäude in Brand zu stecken. Nur wer entkommen sollte, sollte totgeschossen werden. Dem Hauptmann Michailow ist es zu verdanken, daß wenigstens Frauen und Kinder vor dem Brande entlassen worden sind. Nur eine alte Frau (und ein Kind. Anm. der Red.) ist zurückgeblieben und in den Flammen umgekommen. Als nach dem Pogrom die Zeitungen Einzelheiten mit Namensnennungen zu bringen begannen, entstand im Kasino eine gewisse Aufregung, und die Offiziere wurden unruhig. Am 18. Juni ließ der Eskadronschef Jakubow II. seine ganze Kompagnie zu sich nach Hause kommen, stellte die Leute in Kreisform und wandte sich an sie mit folgenden Worten : „Ihr wisset wohl, Kinder, was in der Stadt vom 1. bis zum 5. Juni vorging, als allerlei Gesindel Läden und Wohnungen plünderte und sogar unschuldige Juden totschlug. Saget nun, habt ihr denn mitgeholfen oder habt ihr den Pogrom zu dämpfen gesucht?" Die Soldaten antworteten: „Keineswegs, Ew. Hochwbhlgeboren, haben wir mitgeholfen." „Gut," sagte der Hauptmann, „nun saget, was für Befehle

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