Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 30 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
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14 DIE MKE LT No. 30 ich denn erteilte. Wem ich etwas befohlen habe, der soll vortreten und aussagen." Es erfolgte keine Antwort, sondern alles blieb in tiefem Schweigen, und erst nach dreimaliger Wiederholung der Frage trat ein Soldat hervor und sagte schüchtern: „Jawohl, Ew. Hochwohlgeboren haben mir befohlen." „Und was habe ich dir gesagt?" fragte der Hauptmann schroff. „Ew. Hochwohlgeboren befahlen mir aufzupassen, ob nicht irgendein Jude durch die Straße komme und jeden solchen niederzuschießen." Kaum war dies ausgesprochen, als einer nach dem andern hervortrat und das gleiche wiederholte. Einen von den Zeugen fragte der Hauptmann: „Und nun, hast du geschossen?" „Jawohl, Hochwohlgeboren, mehrmals." „Wieviel?" „Sechs Schüsse habe ich abgegeben," antwortete der Soldat aufgeregt. Der Hauptmann wurde nachdenklich, denn eine derartige Wendung hatte er nicht erwartet. „Und wieviel hast du nun getötet?" „Das kann ich nicht wissen, Ew. Hochwohlgeboren, aber einige wohl, da ich mehrere nach den Schüssen zusammenbrechen sah." Unter den Zeugen war auch der Unteroffizier Wassili Tupik, der an seinen Fall erinnerte. Jakubow II. verlor nun ganz die Fassung, wandte Tupik den Rücken und suchte den Blicken der Soldaten auszuweichen. Die Mannschaft verstand die Lage des Vorgesetzten, dachte sich wohl, was das Verhör bezweckte, und lachte versteckt. — Endlich sagte der Hauptmann: „Nun, Kinder, kam es denn vor, daß ich der Rotte voranging und ihr zurief: Tod den Juden? Hat jemand das von mir gehört?" „Jawohl, Ew. Hochwohlgeboren," antwortete die Rotte einstimmig. Der Hauptmann wurde wütend und sagte grob: „Ihr habt mich mißverstanden. Als wir in der Stadt waren, habe ich denn der Rotte zugerufen: Haut die Juden?" Alles schwieg und der Hauptmann wiederholte viermal die Frage. Dann erst fanden sich wenige Stimmen, die sich seiner erbarmten und schüchtern antworteten: „Nein, Ew. Hochwohlgeboren!" „Ganz richtig," sagte der Hauptmann. „Mehr brauche ich nicht, und ihr könnt gehen. Die Zeitungen beschuldigen das Wladimirsche Regiment und namentlich die 3. und 4. Kompagnie, also müssen wir auf Entschuldigung sinnen." Tortur gegen jüdische Gefangene Die Wilnaer „Volkszeitung" berichtet über geradezu mittelalterliche Fälle von Mißhandlungen, denen wegen des Verdachtes politischer Vergehen verhaftete Juden in den Warschauer Gefängnissen ausgesetzt werden. Das Blatt erzählt: „Gleich nach der Verkündung der „Oktoberkonstitution" wurde in Warschau eine geheime Abteilung für „Politische" eingerichtet. Sie befindet sich im sogenannten „Rathaus", und wer das Unglück hat, da hineinzugeraten, der ist bei lebendigem Leibe begraben, von der Welt völlig abgeschlossen. Die Fenster sind mit Eisenplatten beschlagen, so daß der Gefangene außer einem schmalen Streifen des Himmels nichts sehen kann. Selbstbeköstigung ist unter allen Umständen untersagt, und die Gefängniskost ruft schreckliche Erkrankungen hervor. Eigene Wäsche zu halten ist auch nicht gestattet, und die Gefangenen müssen bis zu acht Wochen dieselbe Wäsche tragen, dafür aber bekommen sie jeden Tag wüstes Geschimpfe und Schläge. In dem Danteschen Purgatorium waren bekanntlich 7 Abteilungen, im Warschauer „Rathaus" sind bloß zwei, aber vor der zweiten erblaßten alle 7 Danteschen. Wehe dem, der in dies kleine, mit Blut überströmte Zimmer gerät! Er muß jede Hoffnung aufgeben, lebend wieder herauszukommen. Dies Zimmer hat nur einen Ausgang in den „Oberspitzelraum", der mit ausgesuchten Folterinstrumenten angefüllt ist, die man sonst höchstens noch in den Messen von Berlin oder London sehen kann. Aber in diesen Museen liegen sie in Glasschränken als Erinnerung an vergangene Schrecken, hier in Warschau gehören sie der Gegenwart an! Und wenn das 20. Jahrhundert den Greueln der Inquisition etwas Neues hinzugefügt hat, so nur die Vervollkommnung und Verfeinerung der Folterqualen. — Da wird z. B. der 18 jährige Arbeiter Sch. Sonnenschein hereingeführt. „Woher hast du diesen Revolver?" und schon hageln von allen Seiten Schläge auf ihn herab. Er sammelt seine letzten Kräfte und will sich wehren — in seiner Verzweiflung beißt er einem der Inquisitoren einen Finger ab. Die Henker werden immer wilder. Man wirft ihn auf den steinernen Boden und beginnt ihn mit den Füßen zu treten. Er verliert das Bewußtsein. Man übergießt ihn mit kaltem Wasser und beginnt die „Arbeit" von neuem. Man schlägt ihn mit Nagaikas und mit eisernen Stöcken. Und der stolze und standhafte Mensch wird zu einer formlosen und blutigen Masse. Diese Masse wird vom Boden aufgehoben, an die Wand gebunden und . . . wieder dasselbe. . . . Es kommt die Reihe an das folgende Opfer — den fünfzehnjährigen Knaben Futtermann. Er sieht elend aus, ist in Lumpen gekleidet. Man sieht, daß er weiß, was Hunger ist. „Wo ist dein Bruder? Wann ist er von Hause fortgegangen?" Der Junge stammelt etwas Unverständliches. „Deine Mutter hat etwas anderes gesagt. Zeige mal, ob du noch alle Zähne hast?" ... Und ein roher Mensch mit falschem Bart nimmt eine große eiserne Zange von der Wand herunter und schiebt sie kaltblütig dem unglücklichen Kinde in den Mund. . . . A. Wesen, ein 18 jähriges junges Mädchen mit sehr intelligentem Gesicht: Man fordert von ihr, sie solle jemand verraten, aber sie hat den Mut, auf diese Forderung mit Verachtung zu antworten. Und da geschieht das Schreckliche: Das Mädchen wird in eine Lage gebracht, daß ihr Kopf in einen Sessel eingezwängt ist, der mit langen Schrauben versehen ist, die bis an die Schläfen heranreichen. Die Henker beginnen die Schrauben zu drehen; sie bohren sich in die Knochen ein, sie dringen ins Hirn. ... Das sind die alltäglichen Vorkommnisse in der Warschauer Geheimen". ... Und nicht nur dort. In ganz Rußland kommen solche Greueltaten vor. Nur ein kleiner Bruchteil von ihnen dringt ans Licht der Öffentlichkeit, aber auch er genügt, um jedem menschlich Fühlenden einen Schrei des Entsetzens und der Entrüstung zu entreißen." §c □□□□□□ FEUILLETON □□□□□□ 5 DIE JÜDISCHE MYSTIK*) Von MARTIN BUBER Rabbi Nachman von Bratzlaw, der 1772 geboren wurde und 1810 starb, ist vielleicht der letzte jüdische Mystiker, Ersteht am Ende einer ununterbrochenen Überlieferung, deren Anfang wir nicht kennen. Man hat diese Überlieferung lange Zeit zu leugnen gesucht; sie kann heute nicht mehr angezweifelt werden. Man hat *) In der literarischen Anstalt von Rütten&Loening (Frankfurt a. M.) erscheint in diesen Tagen ein Buch unter dem Titel „Rabbi Nachman und die jüdische Mystik", dessen Verfasser Dr. Martin Buber ist. Der erste Abschnitt, der hier veröffentlicht wird, gibt die Einleitung zu den von Martin Buber bearbeiteten Geschichten des Rabbi Nachman, von denen wir eine in unserer Pessach-Nummer gebracht haben. In den nächsten Nummern lassen wir dann einige von Martin Buber bearbeitete chassidische Legenden folgen. nachgewiesen, daß sie von persischen, dann von spätgriechischen dann von albigensischen Quellen gespeist wurde; sie hat die Kraf; des eignen Stromes behauptet, der allen Zufluß aufnehmen konnte ohne von ihm gezwungen zu werden. Freilich werden wir* sie nicht mehr so ansehen dürfen, wie ihre alten Meister und Jünger es taten als Kabbala, d. h., als Übergabe der Lehre von Mund zu Ohr unc wieder von Mund zu Ohr, in solcher Weise, daß jedes Geschlecht sie empfinge, aber jedes in einer weitern und reichern Offenbarung und Ausdeutung, bis am Ende der Zeiten die restlöse Wahrheit verkündet würde; doch werden wir ihre Einheit, ihre Besonderheit und