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Die Welt · 1906-07-27 · 30 (27.7.1906) · page 10

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Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
30 (27.7.1906)
Date
1906-07-27
Page
– (sequence 10)
Language
German
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12 DIE2EKE.LT No. 30 KLEININDUSTRIE FÜR PALÄSTINA Wir erhalten von der neubegründeten „Palestine Industrial Company" folgende Zuschrift: Die Überfüllung der palästinensischen Städte mit einer unproduktiven jüdischen Einwohnerschaft sowie die großen Schwierigkeiten, die sich einer landwirtschaftlichen Unterbringung von Tausenden von Juden in Palästina entgegenstellen, mußten dazu führen, daß die viel zu lange vernachlässigten industriellen Möglichkeiten des Landes und seiner jüdischen Bewohner und Einwanderer früher oder später in den Vordergrund des Interesses traten. Der Augenblick scheint gekommen, um durch Heranziehung des privaten Interesses, das sich in letzter Zeit sehr gesteigert hat, die palästinensische Industriefrage ein Stück vorwärts zu bringen. So ist jetzt die Palästina-Industriegesellschaft ins Leben getreten, deren Begründung, seit Jahren geplant, wegen verschiedener ungünstiger Verhältnisse bis jetzt hatte aufgeschoben werden müssen. Hauptsächlich ist der gegenwärtige Zeitpunkt insofern günstiger, als die Notwendigkeit eines solchen Vorgehens in den Augen der meisten zwingender geworden ist. Im folgenden soll .versucht v, erden, die Hauptrichtlinien eines systematischen, industriellen Vorgehens im Lande festzulegen und auf Grund dieser Auseinandersetzungen das Interesse und die Mitarbeit möglichst vieler zu gewinnen. Um Industrien in Palästina zu gründen oder um die industrielle Entwicklung des Landes zu fördern, dürfen wir nicht schon jetzt an die ganz großen Unternehmungen denken, sondern wir müssen trachten, durch Schaffung vieler kleiner Industrien die Basis für größere Unternehmungen der Zukunft vorzubereiten. Wir müssen Schritt für Schritt vorgehen, und es wäre gefährlich, notwendige Entwicklungsstufen zu überspringen und mit großen Dingen zu beginnen, für die noch die Voraussetzungen fehlen. Erst nachdem eine große Anzahl kleiner Industrien im Lande vertreten sein werden, können wir an die systematische Begründung von großen denken. Außerdem müssen wir suchen, diejenigen Industrien ausfindig zu/ machen, die am wenigstens Kapital und die geringsten Aufwendungen für Maschinenanlagen etc. erfordern. Unser Hauptzweck muß sein, für eine möglichst große Anzahl jüdischer Arbeitskräfte geeignete und lohnende Beschäftigung zu finden, und die Frage des Nutzens kommt erst an zweiter Stelle. Natürlich muß niemand meinen, daß man ungestraft die kaufmännische Basis, die Frage des Geschäftsgewinnes, vernachlässigen dürfe. Aber wenn wir beispielsweise die Wahl haben zwischen einem Unternehmen, bei dem die Anlagekapitalien hauptsächlich auf Einrichtung, Maschinerie und Material entfallen, —und einem andern Unternehmen, das wenig Geld für Maschinen und Materialien erfordert, bei dem die Hauptkosten vielmehr im Arbeitslohn liegen, so muß uns doch klar sein, daß eine Bestrebung wie die unsere den letztern Fall vorziehen muß, auch wenn der Geschäftsgewinn hier kleiner ist. Ein Unternehmen nur nach dem Profit zu beurteilen, ist Sache des Kapitalisten. Nur Leute beschäftigen zu wollen, wäre eine Sache philanthropischer Natur. Eine Bestrebung wie die unsere muß darauf ausgehen, so vi elen Leuten eine geeignete Beschäftigung zu bieten, als mit geschäftsmäßigen Erwägungen einigermaßen vereinbar erscheint. Schließlich müssen noch die Industrien ausfindig gemacht werden, die sich für die palästinensische Bevölkerung und Einwanderung eignen. Unsere Leute sind gegenwärtig keineswegs imstande, jede Arbeit zu leisten. Nur eine ganze geringe Anzahl wäre für die Dauer fähig, schwere und grobe Arbeit zu verrichten. Wir können hoffen, daß dies sich bald ändern wird, aber heute ist die große Mehrzahl der Juden Palästinas und der Einwanderer bei weitem mehr zu solchen Arbeiten fähig, die mehr Geschicklichkeit und Verständnis als rohe Kraft in Anspruch nehmen. Was das Land betrifft, so ist zu berücksichtigen, daß die zu wählenden Industrien sich insofern für Palästina eignen müssen, als entweder ein lokaler Markt oder Exportmöglichkeiten existieren, — daß die Industrie entweder auf Landesprodukten beruht oder sich an ähnliche, erfolgreiche Industrien des Landes anlehnen, kann. Eine Anzahl solcher Industrien ist bereits in Vorbereitung begriffen. Aber vieles hoffen wir dadurch in Erfahrung zu bringen, daß wir hiermit alle, die sich für die Förderung des jüdischen Ansiedlungswerkes in Palästina interessieren, bitten, uns Anregungen bezüglich kleiner, leicht einzuführender Industrien der geschilderten Art mitzuteilen, uns Muster, Anleitungen und alles sonst Erforderliche zu verschaffen oder zugehen zu lassen *) Bei einer Organisation, die, wie die zionistische, Anhänger in allen Weltteilen und in allen Berufen zählt, ist unbedingt zu erwarten, daß die Art von Mitarbeit aller, um die hier gebeten wird, viele fruchtbare Anregungen zeitigen wird. *) Anm. d. Red. — Die Adresse der Gesellschaft ist „The Palestine Industrial Company", Jaffa. — NACHRICHTEN AUS JERUSALEM Die Araberhäuptlinge der Umgegend Bersebas haben zum Zwecke der Anlegung eines Telegraphenhauses in Berseba 51000 Piaster geschenkt. Die hiesige Behörde hat dieses Geschenk mit Dank angenommen, und man ist schon ans Werk gegangen, die Telegraphendrähte nach Berseba zu ziehen. * * * Das Komitee des „Kol Hakolelim" läßt jetzt noch 30 schöne und bequeme Häuser für arme Leute bauen. Alle Häuser dieses Komitees befinden sich in einem Bezirke von „Neujerusalem" und bilden schon jetzt ein großartiges Stadtviertel. Gegenwärtig hat sich hier das Geschäft von Land-Einkauf und -Verkauf sehr entwickelt, und es werden immer neue jüdische Häuser in beträchtlicher Zahl errichtet. So haben z. B. zwei jüdische Kaufleute unweit der Stadt einen Bauplatz von 250 Dunam, auf einem Berg gelegen, erworben, worauf man bald eine schöne jüdische Kolonie wie die der bucharischen Juden errichten wird. * * * Zwei russisch-jüdische Herren mit bedeutendem Kapital haben eine große Dampfmühle, die bisher im Besitze eines Nichtjuden war, angekauft und fabrizieren eine neue Sorte Weißmehl, die man bisher aus Europa bezogen hatte. Die Fabrikanten legen darauf Gewicht, in ihrem Unternehmen neueingewanderte arme Juden aus Rußland anzustellen. * * * Der sephardische Moschab Sekenim hat dank seinem energischen Leiter die nötigen Mittel erlangt, ein eigenes Haus auf eigenem Boden bauen zu können. Herr A. Wolero, der reichste^Bankier Palästinas, schenkte diesem Institute einen Bauplatz von 14000 Ellen und ein zweiter reicher Bankier von der hiesigen georgischen Gemeinde, Herr Joseph Kökin, 10000 Ellen. Diese Bauplätze repräsentieren einen Wert von ungefähr 50000 Frs. Auch ein schöner Garten wird für das Institut, auf dessen Etablierung viele Mühe verwandt wurde, zur Verfügung stehen. ^Tt REVUE DER PRESSE Golusleiden ^n*er diesem Titel bringt das russisch-jüdische Tageblatt „Das Leben" folgenden Brief aus Warschau: Die zwei Tage der vorigen Woche, Mittwoch und Donnerstag, werden noch lange den Warschauer Juden im Gedächtnis bleiben. Es ist wahr, wir retteten unser Leben aus dem großen Schrecken. Wenn man aber allein den materiellen Schaden berechnet, den Warschau aus diesem Schrecken gezogen hat, wird eine schöne Summe herauskommen. Die Hooligans haben nicht geplündert, aber die Juden haben die letzten Kissen verkauft, um die zehnfache Droschkentaxe für den Weg zur Bahn zu bezahlen, um Fahrkarten für Frau und Kinder zu erwerben und um aus der Stadt fliehen zu können, über der die furchtbare Pogromwolke hing. Keine Schüsse flogen durch die Stadt, — nur ein paar Kinder und Erwachsene sind am Bahnhof in dem unbeschreiblichen Tumult erstickt und zertreten worden. Aber was bedeuten noch ein paar Tropfen in dem großen Meer der jüdischen Leiden? . . . Und wie immer, hat sich die schreckliche Verwirrung am meisten unter den Armen verbreitet, die ihre ganze Existenz für das Heil der nächsten Minute geopfert haben, die ihr gesamtes Hab und Gut gewöhnlich für ein paar Groschen absetzten, um nur aus der Schreckensstadt herauszukommen. „Und fliehen wirst du auch, wenn man dich nicht verfolgt" — diese schreckliche Verwünschung der Bibel hat sich bei uns ver-

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