Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 30 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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Es wird sich also wohl verlohnen, diese merkwürdig unklaren Verhältnisse ein wenig zu beleuchten.*) Die Unklarheit stammt aus der Zeit, in der das Verhältnis zwischen der Türkei und Ägypten ein wesentlich anderes war als heute, — als eine Einmischung dritter Faktoren nicht zu befürchten war und im Streitfalle eine Entscheidung immer mehr oder weniger im Sinne des türkischen Oberherrn ausfallen mußte. Die fast unbevölkerte und für die Türkei sehr uninteressante Sinai-Provinz ha.tte für Ägypten die eine Bedeutung, daß die Straße der Mekka- Pilger hier hindurchging. Aus diesem Grunde machte es sich fast natürlich, daß die Provinz unter ägyptische Verwaltung gegeben wurde. „Ägypten bewachte die Pilgerstraße, um die eigenen Gläubigen vor Übergriffen der Beduinen zu schützen, und dieser Quasipolizeidienst wurde unter schweigender Billigung der Türkei, selbst über Akaba hinaus, auch auf die Landschaft Madian (das alte Midian) ausgedehnt." *) In seinem „Ausflug nach dem Sinai" erwähnt Ed. von Liebenau bei einer Angelegenheit, die sich 1893 oder 1894 abgespielt haben muß, den „Kommandanten der kleinen ägyptischen Festung Akaba". — Die Schrift ist für uns übrigens noch dadurch von eigentümlichem Interesse, als darin einige Personen genannt werden, die in der jüdischen Emigrations- und Landfrage eine gewisse Rolle gespielt haben: Paul Friedmann und der Ugandakaiser. Paul Friedmann, der dem Herrn von Liebenau seine Yacht „Israel" für die Sinaitour zur Verfügung stellte, unterzog sich nach den russischen Judenkrawallen anfangs der neunziger Jahre der undankbaren Aufgabe, für jüdische Flüchtlinge das Land Madian zu erschließen. Unter dem Titel „Das Land Madian" hat er damals eine kleine, sehr sachlich gehaltene Schrift erscheinen lassen, die unter anderem auch den Vorzug des Landstriches hervorhebt, daß Madian ägyptisch sei! (ebenfalls nach 1887!). — Paul Friedmanns aus den edelsten Motiven unternommener Versuch einer jüdisch-kolonisatorischen Hilfsaktion scheiterte an der absoluten Unzulänglichkeit seiner jüdischen „Kolonisten". Friedmann hat schließlich außer großen Opfern an Geld, Zeit und Mühen noch allerlei Uhanne'hmlickeiten gehabt, obgleich er es „gar nicht nötig gehabt hätte", wie er sich ausdrückt, denn schon sein Großvater hatte dem Judentum den Rücken gekehrt. — — Übrigens findet sich im Baedeker bei Erwähnung der Sinaihalbinsel einer der in diesem vorzüglichen Werke sehr seltenen Druckfehler. Die Fläche der eigentlichen Halbinsel ist auf 2500, statt auf 25000 qkm angegeben. Aus der militärischen Besetzung entstand dann eine Art Besitzanspruch, der auf allen Landkarten bis 1887 insofern zum Ausdruck kam, als außer dem Sinaigebiet noch ein ca. 500 km langer Streifen der arabischen Küste südlich von Akaba als ägyptisch bezeichnet wurde. Im Jahre 1887 führte dann die Türkei eine Klärung der Verhältnisse herbei. Sie reklamierte Madian für sich und erkannte den ägyptischen Besitzanspruch auf Sinai an. Bei dieser Gelegenheit wurde die Grenze, die bis dahin geradlinig von El-Arisch nach Akaba gegangen war, derart verändert, daß östlich von El-Arisch ein ungefähr viereckiger Küstenstreifen, von ca. 45 km Länge und 25 km Breite zu Ägypten geschlagen wurde, wogegen eine der Fläche nach ungefähr gleich große, zungenartige Landstrecke im Innern — westlich von der bisherigen Grenzlinie — an die Türkei kam. Damals oder etwas später wurde dann auch die Führung der Grenzlinie bis Tabah festgesetzt, wodurch es klar wurde, daß Akaba innerhalb des türkischen Gebietes liegen sollte, während — wie es scheint — unklar geblieben war, ob Tabah ägyptisch oder türkisch sein solle. Immerhin scheint die Türkei nach der Feststellung der Grenze damals nichts getan zu haben, um de facto das Gebiet in Besitz zu nehmen, oder die ägyptischen Garnisonen der Pilgerstraße in Akaba und Madian durch türkische zu ersetzen. Da der Schutz der Pilgerstraße aber auch weiterhin eine Notwendigkeit blieb, so zog Ägypten seine Truppen nicht zurück, und erst spät in den neunziger Jahren wurde Madian tatsächlich von den Ägyptern geräumt, während in Akaba noch unmittelbar bis zur Entstehung des Konfliktes ägyptisches Militär gestanden haben muß. Anders wäre es nicht erklärlich, was Ägypten oder sein Schutzherr, England, dreinzureden gehabt hätten, als die Türken von Ma'au nach Akaba eine Zweiglinie der Hedschasbahn bauen wollten. Erst auf Englands Protest fing die Türkei an, dem wahren Sachverhalt nachzugehen, und in diesem letzten Augenblick scheinen Ägypten und England angesichts der unbestreitbaren Zugehörigkeit Akabas zur Türkei diesen Platz geräumt zu haben, wogegen sie sich Tabah als künftigen strategischen Punkt am Golf von Akaba ausersahen. Diese merkwürdigen Unklarheiten entstanden also dadurch, daß die Türkei, die ihre ersten Abmachungen wegen des Sinai mit ihrem ägyptischen Vasallen getroffen hatte, dem gegenüber eine gewisse sorglose Freundschaftlichkeit am Platze sein konnte, die Grenzfrage bei diesem Status beließ, auch nachdem Ägypten von England in der bekannten Weise „übernommen" worden war. Während des Konfliktes hat England übrigens sich nur des 1887 vereinbarten Land zu wachs es erinnert, ohne die dafür an die Türkei übergegangene Landzunge zu erwähnen, und es scheint, daß jetzt eine geradlinige Grenzlinie festgesetzt werden wird, die von Tell-Rafah bis zu einem Punkte des Golfes von Akaba zwischen Akaba und Tabah führt. Ägypten-England hätte sich dadurch auCer einer „Abrundung" seines früheren Besitzes den wichtigsten Punkt Tabah gesichert, der die Festung Akaba, den Hafen und den Termin einer eventuellen Bahnlinie Ma'au-Akaba beherrscht. Könnten die Türken aber nicht etwas südlich von Akaba einen anderen geeigneten Endpunkt für ihre beabsichtigte Bahnlinie finden, der dann völlig außerhalb des Bereichs von Tabah oder irgendeines anderen englisch-ägyptischen Stützpunktes läge? Ein britisches Weißbuch über den Sinai-Konflikt wurde von der Regierung Großbritanniens zusammengestellt und den Mitgliedern des Parlaments übermittelt. Von Interesse sind die Ansichten des englischen bevollmächtigten Ministers in Kairo über die panislamitische Bewegung und die Konsequenzen, die sich für England daraus ergeben. Hierüber wird berichtet: London, 16. Juli. Im Parlament gelangte ein Weißbuch über den türkisch-ägyptischen Grenzstreit zur Verteilung. In einer Depesche Lord Cromers an Sir Edward "Grey vom 21. Mai nimmt Lord Cromer Bezug auf die Gefahr eines Vordringens der türkischen Truppen nach dem Suezkanal. Ein ernstlicher Angriff auf Ägypten scheine zwar nicht in Frage zu kommen, aber möglicherweise könnte ein Einfall versucht werden in der Absicht, einen Ausbruch