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Die Welt · 1906-07-27 · 30 (27.7.1906) · page 7

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Die Welt
Volume
10 (1906)
Issue
30 (27.7.1906)
Date
1906-07-27
Page
– (sequence 7)
Language
German
Belongs to
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No.30 DIE] Flucht aus Bjelostok Bjelostok, den 20. Juli. Viele der geplünderten Kleinhändler, die Unterstützung vom Hilfskomitee bekommen, gebrauchen dieses Geld nicht, um ihre Läden wieder zu eröffnen, sondern wandern nach Amerika, Kanada und anderen Ländern aus. Die Nichtgeplünderten blicken beinahe mit Neid auf die Auswanderer, die etwas Geld in die Hände bekommen und imstande sind, Bjelostok und die Läden, in denen keine Käufer erscheinen, zu verlassen. Bjelostok, 20. Juli. Heute hat man eine Gedächtnisfeier für die während des Pogroms Umgekommenen veranstaltet, da heute 30 Tage seit ihrem Tode vergangen sind. Die Gedächtnisfeier ist angesichts des Kriegszustandes still vor sich gegangen. Alle Geschäfte waren den ganzen Tag über geschlossen. Die Fabrikarbeiter und andere Arbeiter haben nicht gearbeitet. Ebenso haben die Lehrer keinen Unterricht erteilt. In allen Synagogen hat man des Morgens „El mole rachmim" gebetet. Viele Menschen waren auch auf dem Friedhofe versammelt, um die 80 neuzugekommenen Gräber zu besuchen. Abends hielt man in einigen größeren Synagogen, in denen sich große Massen von Menschen versammelten, Trauerreden. Alles war tief erschüttert, man weinte, man jammerte, und wer diese Tausende in ihrer Trauer gesehen hat, wird den herzbeklemmenden Anblick nicht vergessen. Einige hiesige Organisationen, unter anderem die „Poalei-Zion", haben an diesem Tage „Aufrufe an das Volk" erlassen. Alle Geschäfte liegen noch brach unter der Wirkung des Pogroms. Die Deprimierung ist so groß, daß man nicht voraussehen kann, wann das Leben in die frühere Ordnung zurückkehren wird. Am unerträglichsten ist die Lage der Arbeiter, die beschäftigungs- und mittellos herumgehen und auch derjenigen, die früher von ihren Verkäufen an die Arbeiter lebten. Verschiedene Meldungen Warschau. Der Korrespondent der ,Rjetsch" teilt mit: Bei ihm erschienen zwei Juden und erzählten ihm folgendes Erlebnis. Am 18. Juli gingen sie zusammen um 11 Uhr nachts vom Bahnhof der Weichselbahn in die Stadt. Auf dem Platz gegenüber der elektrischen Station wurden sie von vier bewaffneten Soldaten angehalten, die sie durchsuchten. Es wurde bei ihnen nichts Verbotenes gefunden, trotzdem führten die Soldaten sie in das Wäldchen hinter der Eisenbahn, wo ihnen erklärt wurde, sie würden erschossen werden. Die Unglücklichen begannen zu flehen, man solle sie am Leben lassen. Die Soldaten ließen sich erweichen und erklärten, daß sie ihnen das „Leben, schenkten", dafür aber müßten sie „Trinkgeld" bekommen. Die Juden gaben ihnen das Geld, das sie bei sich hatten, einer einen Rubel, der zweite 60 Kopeken, und die Soldaten ließen sie frei. Aus Kiew wird gemeldet, daß auf dem Landgut von Jaßnogursky, wo sich die Kanzlei des „Vereins der russischen Leute" £ELT — — 9 befindet, Versuche mit Sprengmaterialien unternommen werden. Damit soll eine Provokation während des religiösen Zuges vom 28. Juli vorbereitet werden. Die Stadt ist sehr beunruhigt und hat beschlossen (das war noch zur Zeit der Existenz der Duma), eine Depesche an ihren Abgeordneten, Baron Stengel zu schicken mit der Bitte um Intervention. In Warschau auf der Panskastraße hat vor einigen Tagen ein gewisser Brons in eine Patrouille geschossen. Es begann eine Schießerei, und Rufe: „Schlagt die Juden!" wurden laut. Zum Glück befand sich in der Nähe ein Offizier, der die Soldaten beruhigte. Man glaubt, daß Brons ein Provokateur ist. Roßlawl, Gouv. Smoljensk. Hier wurden am 12. Juli im Stadtgarten Proklamationen folgenden Inhalts verteilt: „Wir raten dem Publikum, vom Besuche des Theaters sich fernzuhalten, da das Theater entweder verbrannt oder durch eine Bombe zerstört werden wird, um die „Politiker" und besonders die »Juden zu vernichten." Die Proklamationen sind vom „Verein der russischen Leute" gezeichnet. Infolge der Proklamation hält sich das Publikum vom Theater und vom Stadtgarten fern und ist sehr beunruhigt. Anatolj ewka, Odessaer Kreis. Hier wird eine tägliche Agitation seitens der „Schwarzen Bande" geführt. Das Blatt „Wetsche" und andere „schwarze" Veröffentlichungen wurden stark in Volke verbreitet. Die Resultate ließen nicht auf sich warten. In einer Nacht wurden die Scheiben in den jüdischen Häusern eingeschlagen, Sachen geplündert und Juden verwundet. Das am meisten geplünderte Haus stößt an die Wohnung des örtlichen Polizeibeamten, der fest geschlafen und nichts gehört haben will. Minsk, 22. Juli. Dieser Tage wurde eine Versammlung von Arbeitern abgehalten, in der die Frage der Veranstaltung von Pogromen debattiert wurde. Es traten Agitatoren der „schwarzen Bande" auf. Ein Teil der Arbeiter verließ die Versammlung, nachdem die Tagesordnung ihnen bekannt geworden war. Der andere Teil von 200 Arbeitern trat auf die Seite der „schwarzen Bande". Als die Depotarbeiter der Station Minsk davon erfuhren, erklärten sie ihren Genossen, daß sie deren Wohnungen zerstören würden, falls die „schwarze Bande" etwas gegen die Juden unternehmen würde. Pogrompanik in Ziffern Während des Monats Juni (alt. St.) hat der Minister des Innern (der jetzige Ministerpräsident) Stolipin 1327 Telegramme erhalten, in denen ihm von Vorbereitungen zu Pogromen berichtet wurde. Von einigen Orten kamen mehrmals Depeschen. Mehr als hundert Telegramme waren durch Dumaabgeordnete übermittelt worden. Zur Pogromfabrikation Vor kurzem ist in der russischen Presse ein Geheimregister von 37 Städten veröffentlicht worden, wo Abteilungen des „Vereins der russischen Leute" existieren, wobei zugleich die Namen der Vorsitzenden dieser Vereine bekannt gegeben wurden. TERRA INCOGNITA Von DAVIS TRIETSCH, Jaffa Der Grenzstreit zwischen England und der Türkei hat die Sinaihalbinsel für einen Moment in den Brennpunkt des europäischen Interesses gerückt, und es ist ziemlich erstaunlich zu sehen, wie die Angaben über dieses Gebiet und seine Grenzverhältnisse voneinander abweichen und als ein wie unbekanntes Land der Sinai sich erweist. In der Tat, dieses allgemein zugängliche Land ist uns weniger bekannt als Mekka und Lhassa, die eifersüchtig vor dem Blick jedes Ungläubigen behüteten weltfernen Heiligtümer. Dabei liegt die Sinaiprovinz nicht nur nahe, sondern sogar an einer der befahrensten Weltstraßen, dem Suezkanal, den passiert zu haben fast die erste Vorbedingung für einen Globetrotter ist. Fast ausnahmslos sind die Grenzen in den zahlreichen gegenwärtigen Erörterungen über die Sinaifrage unrichtig angegeben, und auch die wichtigen Nebenumstände der Grenzregulierungen werden so gut wie gar nicht erwähnt. Sogar die sonst zuverlässigsten Nachschlagewerke etc. versagen hier in der augenfälligsten Weise. „Statesmen's Year-Book" zum Beispiel, das gerade für Gebiete der englischen Interessensphäre zuerst in Betracht kommt, gibt den Flächeninhalt mit */» englische Quadratmeile (also l'z qkm), die Bewohnerschaft mit 16991 und demnach die Bevölkerung per Quadratmeile auf 84955 an. — Diese unglaublich falschen Angaben (das Gebiet ist tatsächlich zirka 60000 qkm groß und hat noch nicht V* Einwohner per Quadratkilometer) sind darauf zui ückzuführen, daß hierTwie beim ägyptischen Zensus üblich, nur die regelmäßig angebaute und als solche steuerzahlende Bodenstrecke in Betracht gezogen wurde, eine Rechnungsart, nach der man für die Wüste Sahara zu einer dichteren'Bevölkerungsangabe gelangen müßte als für den Stadtbezirk London!-- Bei Baedeker (Palästina und Syrien, neueste Auflage 1904) findet sich über die Zugehörigkeit — nicht des zweifelhaften Tabah, sondern des zweifellos türkischen Akaba — folgende Angabe: „Eine Empfehlung an den Kommandanten von Akaba, die man sich in Kairo zu verschaffen suche (!), ist fast unentbehrlich." Auf den meisten Landkarten findet sich die Grenze als gerado Linie zwischen El-Arisch und Akaba angegeben, während sie in Wirklichkeit, wie unsere Kartenskizze zeigt, ca. 45 km östlich von El-Arisch beginnt und erst nach großen Ausbuchtungen wieder in Form einer geraden Linie nach Akaba weiterführt.

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