Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 30 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 97% known words query
- IRI
…/3315709-3316186-3316217--48357-3343282- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
- Odesa 8× ep/1000834
OCR text
8 DIE HÄKELT No. 30 gefordert. Flugblätter werden in vielen hunderttausend Exemplaren verteilt. Jede Selbstverteidigung der Juden ist ausgeschlossen, da bei dem ersten Versuch der Gegenwehr die Soldaten die jüdischen Bürger als Revolutionäre niederschießen werden. Die Dumaauflösung hat die Gefahr unabsehbar gesteigert. Die einzige Hoffnung setzen die russischen Juden in das Mitgefühl Europas. Wir flehen Sie an, alles was im Bereich der Möglichkeit liegt, sofort zu unternehmen, um uns beizustehen. Pogromversuch in Odessa Odessa, 22. Juli. Der Stadthauptmann Grigoriew erklärte dem vorgeladenen Rabbiner Avinovitzky, daß infolge der gestrigen, in der Prochorovskayastraße stattgefundenen Ermordung eines Kosaken, welche antisemitische Hetzer den Juden zuschrieben, das hiesige Kosakenregiment sehr aufgeregt sei. Eine Deputation der Gemeindevorsteher der jüdischen Bevölkerung war deshalb heute beim Kommandeur Kaulbars, welcher sich ähnlich aussprach wie der Stadthauptmann. Er riet, in den Tempeln die jüdischen jungen Leute zur Ruhe zu mahnen, andernfalls wäre eine Judenhetze möglich. Die jüdische Bevölkerung ist in großer Angst. * * * Odessa, 23. Juli. (Telegr.) Unter der jüdischen Bevölkerung herrscht große Panik, weil Kosaken heute nachmittag eine Anzahl von Läden und Häusern in drei Vorstadtstraßen geplündert und gedroht haben, daß sie in der Nacht alle Juden in der Prokhorowskajastraße umbringen würden, in der am Freitag ein Kosak getötet wurde. Im Anschlüsse an obige Meldung registrieren wir nachstehende Mitteilung der „Russischen Korrespondenz": Odessa, den 23. Juli, 7 Uhr abends. (Telegr.) Vorgestern erregte ein betrunkener Kosak, der zur Ermordung der Juden aufforderte, einen Volksauflauf. Es kam zum Handgemenge, in dessen Verlauf er erschlagen wurde. Gestern erschien im hiesigen offiziösen antisemitischen Blatt ein Artikel, worin gesagt wurde, alle treuen Diener des Zaren sollten den Toten rächen, sie würden dafür unbestraft bleiben. Auch Aufrufe zu einer Judenhetze wurden in den Straßen verbreitet. Heute fand das prunkhafte Leichenbegängnis des erschlagenen Kosaken statt. Nachdem von Kosakenabteilungen ein großes jüdisches Magazin bereits geplündert worden ist, halten augenblicklich Kosaken und Strolche eine große Versammlung ab. Man zweifelt nicht, daß ein Gemetzel die Folge sein wird. Die Besorgnis hat den höchsten Grad dadurch erreicht, daß der Generalgouverneur erklärte, er könne keine Bürgschaft gegen eine Hetze übernehmen und sei machtlos. Hunderte fliehen bereits. Odessa, 23. Juli. In der Nacht wurden viele Personen verhaftet. Man fand bei ihnen Waffen und Patronen. Odessa, 25. Juli. Trotzdem die Behörden sehr scharfe Maßregeln gegen die Ausschreitungen getroffen haben, erneuerten sich gestern nachmittag die Unruhen. Bei einem Zusammenstoß zwischen Kosaken und Juden gab es Tote und Verwundete. Odessa, 25. Juli. (Telegr.) Die Stadt ist heute ruhig. Einzelne Versuche, die Ordnung zu stören, werden sofort unterdrückt. Die in den äußersten Bezirken der Stadt wohnenden Juden wagen noch nicht, in ihre Wohnungen zurückzukehren. In der Nacht fanden im Hofe des Judenhospitals etwa 10 000 Personen Unterkunft. Nachts wurden viele Verhaftungen vorgenommen. Die Straßen werden unaufhörlich von Truppenteilen durchzogen. Die Kasernen der Kosaken bleiben nach wie vor von Truppen umstellt. Die „Russische Korrespondenz" meldet des weitern aus Odessa vom 24. Juli, 8 Uhr abends: In Ergänzung meiner Mitteilung über den hier herrschenden Schrecken teile ich die Worte mit, die der Generalgouverneur Kaulbars der jüdischen Abordnung gegenüber gebraucht hat. Er sagte, alle Juden seien Revolutionäre; wollten sie Ruhe, so müßten sie ihre Jugend zwingen, keinen Anteil an der Freiheitsbewegung zu nehmen. Die Erwiderung, die Gesamtheit könne nicht für die Handlungen einzelner haften, ließ er nicht gelten. Die Soldaten und das russische Volk, erklärte er, seien empört über die Revolutionäre, und wenn er selbst die Soldaten zurückhalten könnte, so sei es ihm doch unmöglich, das Volk im Zaume zu halten. Wenn es gelungen ist, den gestrigen Pogrom im Keime zu ersticken, so ist das der Haltung der Matrosen und Sappeure zu verdanken, die rundheraus erklärten, sie würden alles Gesindel, das gegen Bürger sich vergehe, niederschießen. Heute waren verschiedene Tumulte in der Stadt, bei denen eine Anzahl Personen getötet und verwundet wurden. In einer Vorstadt, wo Juden wohnen und sich Kosakenkasernen befinden, kamen größere Unruhen vor, die einen sehr gefährlichen Charakter anzunehmen drohten, Die Juden flohen in das jüdische Hospital. Durch das Dazwischentreten des Generalgouverneurs Kaulbars und des Stadtältesten Karangosow wurde die Ruhe vorläufig wieder hergestellt. Eine andere Meldung aus Odessa besagt: Vertreter der jüdischen Gemeinde suchten am Montag den Gouverneur, General Kaulbars auf, um ihn darauf aufmerksam zu machen, daß die Gerüchte über einen bevorstehenden Pogrom nicht zum Schweigen kommen wollen. Der General erklärte, er könne nur das gute Verhalten des regulären Militärs verbürgen, für die Kosaken oder die christliche Bevölkerung im allgemeinen vermöge er nicht einzutreten. Er fügte hinzu: „Wenn ein neuer Angriff auf das Leben eines einzelnen Kosaken gemacht wird, so wird Odessa knietief in Blut schwimmen." Die Deputation war entsetzt über diese Worte und wies darauf hin, daß die offizielle Untersuchung ergeben habe, daß die Juden mit dem Morde des Kosaken nichts zu tun hätten. Die Antwort des Generals lautete: „Das hat nichts zu sagen. Die Juden sind die Anstifter und damit die wirklichen Urheber aller terroristischen Handlungen." (!) Es ist nicht zu verwundern, daß die Juden nach diesem Interview mit dem Gouverneur in höchster Aufregung waren. Bald darauf kam in der Tat die erste Nachricht von der Plünderung jüdischer Läden in einer Vorstadt Odessas durch Kosaken. Nach einem späteren Telegramm nahm diese Plünderung größere Ausdehnung an und erstreckte sich auf dieselben Straßen, in denen der Pöbel im vergangenen Jahre in so furchtbarer Weise hauste. Am Abend hörte die Plünderung in den Vorstädten auf, aber große Volksmengen durchzogen die Stadt. Die Panik hatte ihren Höhepunkt erreicht, denn die Kosaken erklärten offen, daß sie während der Nacht alle jüdischen Anwohner der Straße, in der ihr Kamerad ermordet wurde, töten würden. General Kaulbars versprach den Juden Hilfe, falls sie durch einen patriotischen Umzug (!) ihre Loyalität beweisen würden. Vor dem jüngsten Pogromversuch war in Odessa folgendes Gerücht verbreitet: Graf Konownizin, der Herausgeber einer Pogromzeitung, hat in einem Privatgespräch erzählt, er sei soeben von Petersburg zurückgekehrt, wo er von dem Minister Stolipin und dem damaligen Premier Goremykin sehr gnädig empfangen worden sei. Konownizin sagte, daß eine Änderung im liberalen Sinne möglich sei, daß aber dann so blutige Pogrome stattfinden werden, daß sie alle vorherigen in den Schatten stellen würden. Die Hauptstädte und die anderen großen Städte sind in Rayons eingeteilt, überall ist bestimmt worden, wo das Militär sich befinden soll. Verbreitung antijüdischer Proklamationen Petersburg, 21. Juli.m In Kischinew werden judenfeindliche Proklamationen unter der Überschrift „Predigt eines jüdischen Lehrers, gehalten vor 14 Jahren" verbreitet. Angeblich fordert der jüdische Lehrer darin die Juden auf, sich aller Industriezweige und des Reichtumes Rußlands zu bemächtigen. Panik unter den Juden in der Nähe von Petersburg Petersburg, 19. Juli. In den Villenorten an der finnländischen Bahn in der nächsten Nähe von Petersburg liefen in den letzten Tagen Gerüchte vonxbevorstehenden Judenhetzen ein. Die Gerüchte riefen große Beuunruhigung hervor. Der „Birschewija Wjedomosti" zufolge hat gestern eine Massenflucht von Juden aus Schuwalowo und Oserki nach Petersburg begonnen. Heute blieben viele Sommerfrischler in den genannten Villenorten zurück, um ihre Frauen und Kinder nicht allein zu lassen. Trepow an der Arbeit Petersburg, 20. Juli. Nachdem festgestellt worden sein soll, daß der Mörder des Generals Koslöw ein Jude ist, beginnt Trepow seine Agitation gegen die Juden wieder auf das nachdrücklichste. Neue Pogroms sind zu befürchten.