Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 30 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- – (sequence 4)
- Language
- German
- Belongs to
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DIE ELT No. 30 Monsieur Narcisse Leven erklärte: „Wir können nunmehr den Erfolg 'der argentinischen Kolonisation nach einer langen Reihe von Schwierigkeiten, Fehlschlägen und Enttäuschungen versichern. In diesem Lande, wo das Klima gemäßigt, der Boden fruchtbar ist und die Bevölkerung nicht im Verhältnis zur Ausdehnung des Gebietes steht, gelang es uns, auf einem Territorium im Umfange von 463716 Hektar 1251 Familien, die aus 9227 Personen bestehen, als Kolonisten anzusiedeln, ungerechnet eine 2195 Köpfe zählende Bevölkerung von landwirtschaftlichen Arbeitern, sowie Hausierer, Kleinhändler und Arbeiter jeder Art der landwirtschaftlichen Tätigkeit zuzuführen. Diese improvisierten Ackerbauer arbeiten nicht allein gut, sondern gingen auch mit Erfolg an ihre Selbstverwaltung. Sie nehmen an der Leitung der öffentlichen Angelegenheiten der Ansiedelung, an dem Bau der Landstraßen, an der Regelung der sanitären Verhältnisse, der Krankenhäuser, des Genossenschaftswesens, der Schulen und des öffentlichen Kultus teil; wir streben mehr und mehr danach, ihnen völlige Selbstverwaltung zu geben. Der wirtschaftliche Erfolg der Ansiedler wird am klarsten durch die Tatsache erwiesen, daß sie begonnen haben, die Darlehen zurückzuzahlen, welche die Gesellschaft für ihre erste Einrichtung gewährt hat. Im Jahre 1905 bezahlten die Kolonisten den Gesamtbetrag von 639000 Francs. . ." Prüfen wir kurz das, was gesagt und ziffernmäßig belegt ist, und sehen wir nach, was nicht gesagt und nicht belegt ist. Es gelang also der Ica, im Zeitraum von etwa 15 Jahren 1251 Familien zu etablieren, das macht pro Jahr ungefähr 80 Familien, wobei die Installierungskosten der Ica jährlich etwa 2000000 Francs betragen, so daß die Etablierung einer Kolonistenfamilie auf etwa 25000 Francs zu stehen kommt. Wenn diese Kolonisten bei dem unerhörten Kostenaufwand wenigstens selbständig geworden wären, wäre es eine beispiellose Verschwendung, aber immerhin, es wäre etwas wie ein Ergebnis. Aber die Ica gibt selbst zu, daß die Kolonisten erst begonnen haben, ihre Schulden an die Ica abzuzahlen, und daß die Ica erst „danach strebt", ihnen Selbstverwaltung (nämlich für ihren Haushalt, die „Selbstverwaltung" der öffentlichen Angelegenheiten durch überschuldete und ganz und gar abhängige Kolonisten ist ja dem gegenüber geringfügig) zu geben. Wie aber steht es mit der gerühmten Rückzahlung seitens der Kolonisten? Noch im Jahre 1902 waren 54,5 °o der Kolonisten ganz im Rückstände mit den jährlichen Abzahlungsraten, 29,5 °/o hatten weniger als die erste Jahresquote gezahlt, 16 % hatten eine bis drei Jahresquoten abgezahlt. Und auch die jetzige Abzahlungsziffer stellt kaum ein Drittel dessen dar, was die Kolonisten eigentlich jährlich zahlen sollten. Dabei haben sie erst „mit der Abzahlung begonnen". Das ist die eine Seite der Angelegenheit, die nicht im Berichte belegt wird. Es gibt aber noch ein anderes, das uns der Bericht vorenthält, die Erklärung, was es eigentlich für eine Bewandtnis mit der Ziffer von 1251 installierten Familien hat. Man muß wissen, daß es bereits im Jahre 1895 nicht weniger als 1197 Kolonistenfamilien gab, daß ihre Zahl aber wieder bis 1899 auf 779 fiel! Das heißt, die Ica installierte wohl jährlich so und so viele Familien, — aber dafür verließen immerzu bereits angesiedelte Familien die Kolonien. Wenn heute 1251 Familien in den Kolonien wohnen, so muß man wissen, daß fast doppelt so viel, also über 2000, wieder aus den Kolonien weggezogen sind. Es gibt eine gute Illustration zu den Ausführungen des Herrn Leven, wenn wir in einer in spanischer Sprache geschriebenen argentinischen Zeitung lesen: „Kolonie Max Nor da u." Es ist nunmehr Tatsache geworden. Vierzig Familien, die bisher die Sklaven der Willkür der. Ica-Administration von Moisesville waren, haben das „Feld der Philanthropie" verlassen und Terrains zu günstigen Bedingungen in der Nähe von Baradero erworben. Die Kolonie wird den Namen des berühmten Zionistenführers tragen. Der Gesamtwert des angekauften Terrains beträgt 400 000 Pesos. Angesichts der Bedingungen, unter denen sich die Kolonisten etablieren; mit eigenem Kapital und unter Leitung des fähigen und ehrenwerten Herrn Epstein, ist es zweifellos, daß die Kolonie eine schnelle und sichere Entwicklung zu verzeichnen haben wird. Auch andere Kolonisten von Moisesville etablieren sich in verschiedenen Gebieten Argentiniens, die ihnen von der Regierung zur Verfügung gestellt wurden. Der Minister für Ackerbau hat 350 russisch-jüdischen Familien, die mit eigenen Mitteln ausgerüstet sind, das Terrain der Halbinsel Valdez im Süden der Republik überlassen. Jede Familie wird 200—250 Hektar erhalten. Alles beweist das vollständige Fiasko der philanthropischen Kolonisation, wie sie die Ica übte, und das Prosperieren jeder Ansiedlung aus eigenen Mitteln und mit unabhängiger Selbst- - Verwaltung durch die Kolonisten. . ." Man darf nun gewiß nicht behaupten, daß bei diesen Mißständen die Ica der einzige schuldige Teil, die Kolonisten die allein Betroffenen sind. Das trifft durchaus nicht die Sache. Schuld ist das KolonisationsSystem der Ica gewesen, das darin bestand,Leute, oft ohne agrikulturelle Vorkenntnisse, in eine überreich und überbequem eingerichtete Wirtschaft zu setzen, sie in Abhängigkeit von einer mehr oder minder ungeschickten Verwaltung zu lassen und von vornherein jede Selbsttätigkeit und damit das Verantwortungsgefühl in den Kolonisten zu ersticken. Damit begann die Demoralisierung nach oben und unten, eine Geschichte von stetem Zerfall und Wiederaufbau. Und das wird so lange dauern, bis nicht der Krankheitskeim beseitigt ist: das philanthropische System. Der Spezialbericht der Ica über Argentinien deutet an, daß sie selbst — auch wenn sie es nicht eingesteht — zur Erkenntnis der früher begangenen großen Fehler gekommen ist. Sie hat jetzt damit begonnen, —indem sie leider andererseits noch das alte Kolonisationssystem nicht ganz eingestellt hat, — selbständigen Gruppen, die sich auch selbst installieren, hierbei behilflich zu sein, und des fernem Wert darauf zu legen, daß die Kolonisten mit Erdarbeit und auch mit den Landesverhältnissen vertraut sind. Das wird zweifellos bessere Ergebnisse zeitigen. Beweis dafür, daß eine ganze Reihe von Kolonisten sich auch ohne Mithilfe der Ica etabliert hat und sehr gut prosperiert. Das alte, durch 15 Jahre mit einem ungeheuren Aufwand an Kapital betriebene System aber hat vollständig Bankerott gemacht. Vielleicht weiß das Monsieur Narcisse Leven ebenso gut wie wir. In seiner Ansprache verrät er es jedenfalls nicht. Und er hat es lieber den andern überlassen, die Sprache seiner Ziffern zu erklären. Wir Zionisten können aus dem Studium der argentinischen Kolonisation noch viel mehr lernen als aus dem der Rothschild'schen in Palästina. Fachmännische Direktiven, Beihilfe bei der Bodenauswahl und beim Ankauf von Boden für die Kolonisten —, das ist die Aufgabe der Kolonisatoren, eigene Initiative bei der Installierung und der Bestellung der Wirtschaft, Selbständigkeit und eigene Verantwortung, — das ist die einzig gesunde Grundlage für den Kolonisten. . ~ Der „Regierungsbote", das Wer erzeugt die Pogrompanik? „.;" &A f offizielle Organ der russischen Regierung, überraschte am 19. Juli die Öffentlichkeit mit einer Enthüllung über die wahren Ursachen der nach dem Massaker von Bjelostok unter den Juden herrschenden Pogrompanik. Er zählt einzelne Städte auf, wo diese Panik herrschte und zwar gewöhnlich im Zusammenhang mit bevorstehenden religiösen Prozessionen. Es soll sich aber — meint das Blatt — „nach den Berichten der lokalen Administration" herausgestellt haben, daß die Juden selbst, besonders die jüdischen Revolutionäre, solche Gerüchte verbreiten, um die Polizei zu verleumden (!) Die Chersoner Polizei berichtet, daß „die Mitglieder des jüdischen „Bundes" Vorbereitungen zu Unruhen treffen und daß sogar die Listen der Häuser entdeckt