Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 30 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- – (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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No. 30 DIE3&E V LT %^ POLITISCHE REVUE ooooo^^ Die Konferenz in London Wie wir in unserer letzten Nummer berichteten, hat Mr. Oskar Straus gelegentlich seines Aufenthaltes in London freiwillig den seinerzeit von den Zionisten durch die Einberufung der Brüsseler Konferenz inaugurierten Versuch wieder aufgenommen, ein einiges Vorgehen der jüdischen Organisationen zu einer großangelegten Lösung des jüdischen Problems herbeizuführen. Wir können es gleich vorwegnehmen, daß auch dieser erneute Versuch nicht gelungen ist, obwohl dadurch, daß nur wenige Persönlichkeiten und auch diese nicht als offizielle Vertreter ihrer Organisationen, zur Konferenz geladen waren, von vornherein manche Reibungsflächen beseitigt worden waren. Selbstverständlich aber haben 4je geladenen Personen ihre Programme nicht in den Taschen versteckt, und man kann darum mit gutem Rechte sagen, daß es viel mehr als eine private Konferenz war. Freilich auch so nur eine Rumpfkonferenz. Führende Männer, u. a. die Londoner Vertreter der Ica, die zu dieser Konferenz geladen worden waren, hatten der Einladung keine Folge geleistet, und Herr Stettauer, Mitglied des Russo Jewish Committee, stimmte gegen sämtliche vorgelegten Resolutionen. Blieben also eigentlich außer Mr. Oskar Straus und Mr. Elkan Adler nur die Zionisten und die Itoisten. Die Auseinandersetzung zwischen den beiden letzteren war ja klar vorauszusehen. Die Zionisten haben ihr Programm für die Lösung der Judenfrage, dessen authentische Interpretation durch die letzten Kongreßbeschlüsse gegeben ist, und von diesem Programm auch nur um das geringste abzuweichen, haben sie weder das Recht noch auch die mindeste Veranlassung. Das Ziel der Zionisten kann also, — soweit das große, das jüdische Problem in Betracht kommt,— nur darin liegen, im Interesse des Gesamtjudentums alle werktätigen jüdischen Organisationen zur Mitarbeit heranzuziehen, wenigstens für jenes Minimum des zionistischen Planes, für das eine gewisse Empfänglichkeit jetzt auch bei manchen Nichtzionisten vorauszusetzen ist. Dieses Minimum liegt anscheinend zunächst darin, daß angesichts der europäischen Judennot — vom ökonomischen und politischen Standpunkt aus — die Notwendigkeit einer palästinensischen Heimstättengründung anerkannt wird (während das Programm der Zionisten, wie es ja für unsere Anhänger selbstverständlich ist, überdies vom positiv-nationalen, historischen und kulturellen Standpunkt ausgeht). Die Notwendigkeit der Begründung eines Gemeinwesens — oder wie es in den Resolutionen heißt: einer Kolonie mit der Möglichkeit der Selbstverwaltung — wurde von der Konferenz anerkannt, mehr aber auch nicht Denn nun folgte die zweite Resolution der Zionisten: dieses Gemeinwesen soll in Palästina begründet werden. Für diese unbedingte Form wollten sich die Itoisten noch nicht entscheiden. Ihre Gegenproposition: „Irgendwo, Palästina nicht ausgeschlossen" war für die Zionisten interesselos. Und dabei verblieb es. Proposition gegen Proposition, — mit einem Wort: resultatlos. Die Zionisten können sich also damit begnügen, Mr. Oskar Straus herzlich Dank zu sagen für seine Bemühungen und im übrigen, vertrauend auf die eigene Stärke und unbeirrt durch alle Tages- und Nebenströmungen, ihren Weg weiter zu gehen. Im Abschlüsse dieser kurzen Betrachtung erscheint es aber mit Rücksicht auf einige falsche Deutungen, die diese Londoner Konferenz in einem Teil der jüdischen Presse gefunden hat, notwendig, noch jene phantastische Auslegung, wie sie z. B. das Organ des Herrn Luden Wolf, der „Jewish World", geben zu können glaubt, entschieden zurückweisen. „Jewish World" meint — man weiß nicht, wieso — aus den Resolutionen der Konferenz den Schluß ziehen zu können, daß eine programmatische Annäherung zwischen Zionisten und Ito erfolgt sei in dem Sinne, daß, wer von den beiden, Zionisten oder Itoisten, zuerst in der Lage sein werde, ein praktisches Kolonisationsprojekt vorzulegen, auf die Unterstützung des anderen Teiles rechnen könne. Soweit „Jewish World" das auf die Zionisten bezieht, ist das geschätzte Blatt gründlich im Irrtum, und wir zögern nicht, ihn ganz unzweideutig als solchen hinzustellen. Denn hier gibt es keine künstlichen Wortverdrehungen. Das Programm der Zionisten ist und bleibt: Palästina und dessen Nachbarländer. Alternativen kommen nicht in Betracht. Von einer programmatischen „Annäherung" ist also keine Rede. Wie gesagt, wir haben dazu keinen Anlaß. Von der Ica ^an m ^er fischen Öffentlichkeit aufgehört, sich über die Ica zu erregen. Vor wenigen Jahren noch war sie bei jeder Gelegenheit, wo eine ernstliche Behandlung der Judenfrage erörtert wurde, der Gegenstand heftigster Angriffe. Besonders in proletarischen Kreisen war man empört über diesen Verwaltungsrat, der das dem jüdischen Volke vermachte Erbe, statt es ihm dienstbar zu machen, verschwendete oder zurückhielt, je nach dem Gutdünken der volksentrückten und unfehlbar autoritativen Herren. Es ist viel geschrieben, noch mehr gesprochen worden gegen die Ica; man forderte, man drohte aus Proletarierversammlungen heraus, — es verhallte wirkungslos. Man erinnert sich auch der vor einigen Jahren mit vielem Temperament und zumeist guten Argumenten geführten Kampagne Zangwills gegen die Ica. Zangwill ist verstummt. Er hat die Fehde eingestellt. Und auch sonst ist's still geworden. . . Die meisten haben sich mit dem Gedanken abgefunden, daß das Hirsch'sche Erbe — als Mittel, vom Volk für das Volk zu verwenden, — verloren zu geben sei. Die unglückseligen Statuten legen alle Rechte in die Hände weniger Kuratoren, die eigentlich nur sich selbst verantwortlich und von vornherein Personen sind, die, dem jüdischen Volksleben gänzlich fernstehend, selbst in den gesichertsten, behaglichsten Positionen, das ganze jüdische Problem durch die Brille des assimilatorischen westeuropäischen Großjudentums betrachten. Und anstatt erst einen mühseligen und problematischen Kampf gegen diese Personen und ihr Prinzip aufzunehmen, halten die meisten es für praktischer, die elementaren, gesunden Volkskräfte zur Selbstbetätigung aufzuwecken, — gegen die auch ein solches Millionenkapital ein verschwindend geringer Faktor ist. Freilich, den produktiven Volkskräften dienstbar gemacht, könnte das Hirsch'sche Vermögen eine Quelle ungeahnten Segens werden. . . Doch — wozu oft Gesagtes wiederholen? Es kommt schließlich alles auf den guten Willen der Kuratoren an. Ob sie sich vielleicht in friedlicher Selbstentwicklung zu anderen, besseren Prinzipien aufschwingen werden, die ihnen der Kampf von außen nicht abtrotzen konnte? Bis jetzt ist leider hierfür nicht zuviel Hoffnung vorhanden. Das beweist die letzte Generalversammlung, bei der sieben Herren zugegen waren, während bei diesem alljährlich einmal wiederkehrenden Anlasse vier Herren ihre Abwesenheit entschuldigten. Die furchtbare Situation in Rußland hat keinerlei Anlaß zu einer Verlängerung der Debatten gegeben. Ansprache des Präsidenten. — Neuwahlen (soll heißen: Wiederwahlen). — Dank an den Präsidenten. — Schluß der Versammlung. Alles Geschäfte, die — wie der technische Ausdruck lautet — in sich abgeschlossen werden. Es wäre für uns sehr interessant, auf den Tätigkeitsbericht der „Ica" näher einzugehen, — wir wollen uns aber für heute Beschränkung auferlegen und nur eine Stichprobe machen. Wir greifen das Kapitel Kolonisation in Argentinien heraus. 2