Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 30 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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4 DIE^ELT No. 30 petenz liegende Sphären und die Untersuchung von Handlungen der Lokalbehörden", wie es im kaiserlichen Manifest heißt, eine der Hauptursachen des Sturzes der Duma war. Die Regierung war durch die Enthüllungen des Fürsten Urussow ilnd den Bericht der Bjelostoker Kommission aufs schwerste kompromittiert, und die Rachegefühle des „Schwarzen Hundert" aus den Kreisen der Großfürsten und höchsten Beamten gegen ihre Entlarver wurden dadurch bis zur blinden Wut aufgestachelt. Wir Juden dürfen nie vergessen, daß diese Duma die einzige Macht war, die sich der Bjelostoker Juden annahm, daß sie den Toten mit aller Kraft Sühne zu schaffen suchte. Unvergeßlich wird uns auch jener Augenblick bleiben, da sich auf Antrag Arakanzews die gesamte Duma mit Ausnahme eines Popen erhob, um dem Andenken der unschuldig Hingemordeten Ehre zu bezeugen. Es war ein Beweis der Achtung für unser Volk, wie wir ihn in Westeuropa nicht oft verzeichnen konnten. Es war eine schweigende, aber große Antwort, den Mördern, den Ministern ins Gesicht, die sich von ihren Fauteuils nicht erhoben hatten. Und der Duma allein haben die Juden es zu danken, daß nicht sofort nach Bjelostok in dem von Hetzern aufgewühlten Land an hundert Orten zugleich die Juden geschlachtet wurden. So war die Duma den Juden ein Hort, und sie wäre ihnen sicherlich der Mittler zu Recht und Freiheit geworden, — wenn ihr Wirkung und Dauer beschieden gewesen wären. Die Duma war aber auch das einzige Parlament mit einer wirklich jüdischen Vertretung. Die jüdischen Deputierten waren, ehe sie noch ein Wort für das Recht ihres Volkes sprechen konnten, zu traurigem Dienste berufen: sie mußten das furchtbare Martyrium ihres Volkes, von dem sie gerade eines der schrecklichsten Kapitel erlebten, vor Rußland enthüllen. Ihre beste Kraft, ihre seelische und geistige, mußten sie hergeben, — nicht um aufzubauen, — um der schrecklichen Zerstörung Einhalt zu tun, der ihr Volk preisgegeben war. Sie haben mit ehrlicher Hingebung ihrem Volke gedient. So oft sie im Namen des jüdischen Volkes sprachen, taten sie es aus überströmendem Herzen, aus tiefer Überzeugung und in reinen und würdigen Worten. * * * Nun ist dem russischen Land, 'besonders aber den Juden, auch diese letzte Hoffnung genommen. Besonders den Juden. Denn nun ist, wie die Presse meldet, „die Pogromfrage gegenüber der allgemeinen Frage Rußlands in den Hintergrund getreten", und nun erhebt wie nie zuvor die Reaktion, die mit der vieltausendköpfigen Bande der Pogromanstifter identisch ist, ihr Haupt. Seit Bjelostok lebt die russische Judenheit unter einer unbeschreiblichen Pogrompanik. Eine einzige Masse, gepeitscht vom Schrecken, die sich in konvulsivischen Zuckungen windet. Noch vor Auflösung der Duma haben an zahllosen Orten die raffiniertesten Vorbereitungen zu Pogromen stattgefunden, das Land wurde aufgeteilt für das Morden und Schlachten. Noch vor Auflösung der Duma hat die Regierung in dem berühmt gewordenen Artikel der „Rossija", in dem es hieß, daß eine bewaffnete Intervention Deutschlands und Österreich-Ungarns zur Niederdrückung der Revolution erfolgen werde, verkünden lassen, daß „diese Intervention sich aber nicht auf die Unterdrückung von Pogromen erstrecken werde, die die Mächte als eine interne Angelegenheit Rußlands betrachteten". In eine einfache Sprache übersetzt, heißt das: Die Revolutionäre werden von den fremden Soldaten erschlagen werden, — Ihr aber erschlaget die Juden! Die erste Handlung der wieder automatischen Regierung war, alle liberalen Zeitungen zw unterdrücken und im Organ Stolypins, der „Nowoje Wremja", in einem blutrünstigen Artikel die Austreibung aller Juden aus Rußland zu fordern. Ihre zweite Handlung: ein Erlaß an die Gouverneure und Statthalter, worin es u. a. heißt: „Unser Kampf richtet sich gegen die Feinde der Gesellschaft, nicht gegen die Gesellschaft. . . . Sie müssen in dieser Hinsicht eigene Initiative zeigen! . . . Ein entschiedener und energischer Wille, der sich auf diese Weise betätigt, wird von dem besseren Teile der Gesellschaft zweifellos unterstützt werden." Wen ein Gouverneur als Feind der Gesellschaft ansieht, gegen wen er aus eigener Initiative vorgehen wird, ist unzweifelhaft. Statthalter General Kaulbars, der eben den Odessaer Juden erklärt hat, „alle Juden seien Revolutionäre, Volk und Soldaten seien über sie empört, und er könne das Volk nicht im Zaume halten" — ist der Dolmetsch für neun Zehntel aller Gouverneure. * * * Die Lage der russischen Juden zur Stunde ist furchtbar ernst. Schon ist in Odessa das Pogromfeuer aufgeflackert und nur dank den Matrosen im Keime erstickt worden. Aber morgen, übermorgen kann es wieder emporschlagen, und nicht nur in Odessa, sondern überall im weiten Land. Erschütternd sind die zahllosen Schreckensnachrichten, die über die Vorbereitungen der „patriotischen Vereine", über die Drohungen der Polizei und die Blutlust der Hooligans aus Nord, Süd, Ost und West einlaufen. Am 28. ist das Fest der Wasserweihe, — man befürchtet eine Massenabschlachtung. Hier findet in den nächsten Tagen ein Markt, dort eine Prozession statt, hier ist ein Polizist, dort ein Kosak erschlagen worden, — und überall zittert man vor der nächsten Stunde. Niemals hat die Organisation der Pogromstschiki einen solchen Umfang, niemals ihre Wut einen solchen Grad erreicht wie jetzt, und seit Plehwe hat die Regierungsgewalt, hat die Bureaukratie ihnen nicht so viel Patronanz, so viel Spielraum gewährt wie in diesen Tagen. Man ist in Europa der Meldungen über „Pogrompanik", die man als Begleiterscheinung der furchtbar angespannten Situation, als Ausfluß nervöser Ängstlichkeit ansieht, müde geworden. Man hat sich in den paar Protestversammlungen erschöpft und läßt es dabei bewenden, daß die europäischen Regierungen „nichts gegen die Pogrome tun können". Sogar ein großer Teil der Juden hat wieder, wie sie's nach Kischinew, nach Hornel, nach den Oktoberpogromen taten, aufgehört, besorgt zu sein. Es ist eine Sünde, ein Vergehen gegen unser Volk, ein Irrwahn, dem vielleicht bald ein schreckliches Erwachen folgen wird, wenn man es unterläßt, wenigstens das Eine zu tun, was in unserer Macht steht: die Öffentlichkeit über die russischen Wirren die hundertfache Gefahr nicht vergessen zu lassen, in der die Juden schweben. Proteste nachher sind ein schmaler Trost. Jetzt muß man reden und tun. Es sind Tage, es sind Stunden der höchsten Gefahr. F.