Die Welt
- Journal
- Die Welt
- Volume
- 10 (1906)
- Issue
- 30 (27.7.1906)
- Date
- 1906-07-27
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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DIEÄELT KÖLN AM RHEIN, UBIERRING23\j^' ERSCHEINT JEDEN FREITAG ZENTRALORGAN DER ZIONISTISCHEN BEWEGUNG X. JAHRG. KÖLN, 27. Juli 1906 p-nnb lW« "n No. 30. PANIK Die russische Regierung" —so schrieben wir vor zwei Wochen — „spielt Vabanque: sie oder die Duma... Eine furchtbare, in Worten nicht zu erschöpfende ituation, die die Juden Rußlands fast ohnmächtig findet. :ie blicken nach Westeuropa; aber die Mächtigen helfen icht. Sie blicken sehnsüchtig auf zur Duma; aber die Düna selbst kämpft verzweifelt um ihr Leben. Und auch, ■venn die Duma siegen könnte, wäre nicht die erste Rache er Besiegten ein Pogrom? Niemand wagt mehr, ein Probet des Bessern zu sein. . ." Die Regierung hat zunächst gesiegt, und es gibt eine Duma mehr. Der Taurische Palast ist geschlossen, und den leeren Sitzungssaal beherrscht das Kolossalbild Nikolaus II. ber dem Präsidialtisch — ein Symbol . . . Dunkler, chaotischer, unheilschwangerer als in den lürmischen Revolutionstagen vor dem Oktobermanifest 4 die Lage im Land. Wenn die Duma den gequälten, eknechteten Völkern auch nicht alles war, so war sie ioch eine große Hoffnung, das Frührot, das eine erste litt von Licht und Wärme über das frierende Dunkel usströmen ließ. Nun ist auch dieses Licht erloschen. Niemand weiß, was nun kommen wird. Überall »dem die Brände unter der Erde. Und der Boden bebt. \an weiß nicht, was folgen wird. Aber die Vorahungen zeigen Bilder von schauriger Unheimlichkeit: ine Revolution, gegen die alles Bisherige ein Kinder- :-niel war. . . . In Westeuropa ist man sich noch nicht ganz klar 'arüber, wie man sich der neuen Wendung entgegeniellen soll. Der Wertmesser der „öffentlichen Meinung", ie Börse, zeigt auf tiefe Depression. Allerdings, „der räch wird aufgehalten durch die Hoffnung, daß sich ie russische Regierung doch auf die Armee wird stützen önnen". Man verlangt von der Börse keine sittlichen Regungen. Aber auch sonst fehlt es nicht an jenen Pathetischen Äußerungen des europäischen Liberalismus, 'er Revolutionen nur dann feiert, wenn sie mindestens ein halbes Jahrhundert zurückliegen, und sie verdammt, wenn sie vor seinen Augen sich abspiegeln. So wird denn der toten Duma noch manch ein Stein nachgeworfen und aus „politischer Neutralität" heraus der verfaulten Regierung die Sanktion erteilt. Die Gerechten aber — leider die Wenigen — wissen und sagen es, daß eine edle Sache von schurkischen Händen niedergestreckt wurde. Dazwischen wogen die Meinungen . .. Worte. Keine Macht, die dem Guten den Weg bahnen wollte. Vielmehr noch das, daß die Gerüchte nicht verstummen wollen, Deutschland werde der russischen Regierung helfen, mit bewaffneter Macht die Revolution niederzudrücken. . . . i\i * Man mag darüber streiten, ob die Duma den richtigen Weg gegangen; ob sie mehr revolutionär oder mehr geduldig besser gewesen wäre. Eines ist sicher: der größte Teil der ersten russischen Volksvertreter waren Männer von großer Rechtschaffenheit, erfüllt von freien, edlen Regungen. Und die verschwindende Minderheit von Reaktionären, von Antisemiten und Antidemokraten kam nicht zur Geltung. Wir Juden haben besonderen Grund, der ersten Duma — besonders der Kadetten- und Arbeitsgruppe — ein dankbares Andenken zu bewahren. Sie hat sich in der Judenfrage so gezeigt, wie wir es von vorurteilsfreien, sittlich hochstehenden Männern erwarten. Die russischen Juden haben von der Duma keine Gnaden erbeten, und die Duma hat genug Achtung vor den Juden gehabt, ihnen nicht Mitleid oder Toleranz, sondern Gerechtigkeit und Gleichheit anzubieten. Sie hat das sofort in ihrer Antwort auf die Thronrede bewiesen, worin sie die volle Gleichberechtigung aller Völker forderte, ohne auch nur theoretisch durch eine spezielle Hervorhebung der Juden ihre Sonderstellung für die Zukunft fortbestehen lassen zu wollen; sie hat das bewiesen durch ihr Verhalten gegenüber den jüdischen Deputierten als Deputierten und als Menschen. Es gab kaum eine Kommission, in die von den 12 jüdischen Deputierten nicht einer oder mehrere berufen wurden, die nach ihren Fähigkeiten dazu berechtigt waren. Sie hat das aber vor allem bewiesen anläßlich des Pogroms von. Bjelostok, als sie eine besondere Kommission zur Erforschung der verübten Verbrechen einsetzte und vor aller Welt das teuflische Unrecht enthüllte. Es ist zweifellos, daß diese „Abirrung in außerhalb ihrer Kom-